Es war uncool, träge, unverständlich – das Image von Al-Qaida in den Medien: Asketische, hoch gebildete, zumeist einzelne Führungspersonen und Kämpfer. Belesene Ideologen, die ihre Botschaft hatten. Helden, die wenig erreichbar schienen. Die Medienarbeit von Al-Qaida war hölzern und lud nicht zum Nacheifern ein – eine Einbahnstraßenkommunikation.

Der IS hingegen hat attraktive, massenwirksame Narrative geschaffen, die je nach Zielgruppe an deren kulturelle und individuelle Erfahrungen und Erwartungen angepasst werden. Das zentrale Motiv: Die Gemeinschaft der Helden. Hier begegnet man sich gleichberechtigt. Die Gemeinschaft bietet Halt und Orientierung. Und ihr Auftrag verspricht Abenteuer.

Eine attraktive Erzählung, die im Netz weitergegeben, geteilt und empfohlen wird. Das Bild dieses Kämpfer-Kollektivs steht nicht nur für eine Ideologie. Es  ist wie gemacht für eine virale, „soziale“ Verbreitung über entsprechende Wege im Netz: Die Inhalte sind modular, multimedial und „snackable“. Die Geschichten haben Täter und Opfer, Verlierer und Gewinner, sie sind bildstark, einfach erzählt und allgegenwärtig. Mit ihren Inhalten vor allem auch auf Englisch verbreiten die IS-Kämpfer eine einfache Botschaft: „Du lebst in einer ungerechten Gesellschaft, die dir keine Perspektiven bietet. Komm zu uns, denn hier bist Du jemand.“ Ein romantisches ideales Bild, für die die Jugendlichen am Computer in Belgien, Deutschland oder Schweden leicht zu begeistern sind.

Im eigentlichen Kampfgebiet des IS hingegen wird das Narrativ regional angepasst und mit anderen Subbotschaften versehen: So wird Saudi-Arabien als nicht islamisch genug dargestellt, jeder Wandel hin zu westlichem Lebensstil und Kultur ist laut IS ein Wandel in die falsche Richtung. Oder der IS inszeniert sich als Befreier. So feiern befreite Gefangene nach der Einnahme der syrischen Stadt Idlib in einem Propagandavideo die IS-Kämpfer, küssen ihre Hände und Füße.

Aber der IS produziert nicht nur eigene Botschaften, sondern greift auch Nachrichten auf: Das Bild des kleinen syrischen Jungen Aylan Kurdi, der tot an die türkische Küste angespült wurde, ging um die Welt. Ein erschreckendes Bild, das eigentlich auf die  Auswirkungen des IS-Terrors verweist: Das Leid der vor der Gewalt des syrischen Bürgerkriegs und dem Terror der Islamisten fliehenden Syrer. IS griff das Foto ebenfalls auf. Doch seine Propaganda deutete es ganz anders: Das Magazin Dabiq beschrieb das Bild als Warnung an jene Syrer, die vorhaben, das Land zu verlassen. Die Flucht aus muslimischen Ländern in Richtung der „ungläubigen Kriegstreiber“ in Europa wird als  gefährliche „Sünde“ präsentiert. Dort würden die Kinder einer ständigen Bedrohung von Homosexualität, Drogen und Alkohol ausgesetzt. Der Preis für diese Sünde sei der Tod.

 

Der IS geht mit der Zeit

Wo früher VHS und Audiokassetten verbreitet wurden, werden heute die unterschiedlichsten Medien-Plattformen  genutzt. Die wichtigste ist al-Furqān Media, mit über 160 Veröffentlichungen im vergangenen Jahr. Das Magazin veröffentlicht die Botschaften von „Kaplan“ Abu Bakr al-Khilafa. Weitere Kanäle sind I'tisaam Media, Al Hayat Media Center und AJND Media. Darüber hinaus kooperiert der IS noch mit anderen Medien, wie Albatar Media, al-Khilafa-Media, Albayan Radio, al-Khalifa-TV und Dabiq. Dabiq ist ein aufwändig produziertes Onlinemagazin für Muslime in Europa. Es erscheint in englischer Sprache.  

Der IS unternimmt mit großem Erfolg und einer klaren und flexiblen Medien- und Vertriebsstrategie, was auch jede Zeitung und jeder Sender in Deutschland versucht, um sich Marktanteile zu sichern: Er holt die Menschen dort ab, wo sie sind. Sprachlich, inhaltlich und über den besten Nutzungsweg. Wenn die Botschaften ankommen sollen, dann muss das Produkt in Inhalt, Ansprache und Platzierung für die Zielgruppen leicht zugänglich sein. Dabei sind vor allem soziale Netze wichtig: hier verbreitet sich die Botschaft des IS von einem zu anderen. Twitter-Hashtags wie #AllEyesOnISIS and #CalamityWillBefallUS verbreiteten sich rasend schnell.

Nicht die Moschee, sondern der Computer ist der Ort, an dem heute die Radikalisierung stattfindet. Die neuen Medien werden zur Waffe, mit denen Menschen eingeschüchtert, verunsichert, manipuliert und rekrutiert werden. Wir sollten die Funktionsweise kennen und durchschauen, warum die Botschaften des IS so attraktiv sind – um gesellschaftlich und politisch die richtigen Antworten zu finden.

 

Attraktive Gegennarrative sind notwendig

Es kann keine Lösung sein, Social-Media-Accounts von IS-Kämpfern und -Anhängern zu sperren. Das Thema ins Abseits zu drängen, mindert im besten Fall die Symptome, im schlimmsten Fall verstärkt es ihre Wirkung. Eine Lösung kann nur bedeuten, sich differenziert, aktiv und öffentlich mit den Botschaften auseinanderzusetzen. Die aktuellen Ereignisse und die Flucht hunderttausender Menschen aus Syrien in Richtung Europa macht das umso nötiger. Die Propaganda der Extremisten wird auf taube Ohren stoßen, wenn sich jugendliche Migranten angenommen und verbunden fühlen mit der Gesellschaft, in der sie leben.

Wie beim Hausbau ist auch hier das Fundament entscheidend: In der Schule, in Vereinen und den Universitäten soll aktiv Aufklärung geleistet werden. Das Herstellen von Gemeinschaft und Gemeinsamkeit, das ist es, was der IS den jungen Nutzern als Ideal vorgaukelt. Wer dieses Gefühl in unserer Gesellschaft und seinem Alltag entwickelt, wird für die Medienkampagnen des IS weniger empfänglich. Gefragt sind hier auch die Medien: Jugendliche Nutzer mit den passenden Inhalten abholen, ihnen ein Sprachrohr bieten, ihre Sprache sprechen, ihre Kanäle bespielen. Hier sollte mit Selbstbewusstsein und viel Kraft für das attraktivere Narrativ einer freiheitlichen und toleranten Gesellschaft gestritten werden.