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Ein großartiger Erfolg? Von wegen

Amerikaner sind der Polarisierung überdrüssig. Amerikanerinnen erst recht.

AFP
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Einfach unverbesserlich?

Zunächst sah es nach einer Pattsituation aus. Die Republikanische Partei behielt ihre Vormachtstellung im Senat und baute sie sogar aus. Präsident Trumps Zustimmungswert lag bei 45 Prozent, nur ein Prozent unter dem Ergebnis, das er in der Präsidentschaftswahl 2016 in der Gesamtbevölkerung erlangte. Von Beobachtern war zu hören, Mr. Trump wisse eben noch, wie man die Republikaner „begeistert, interessiert und zum Wählen animiert“; er habe „seine Macht in den ländlichen Gebieten ausgebaut“. Dabei waren die Wahlen 2018 weit vielschichtiger. Sie brachten große Umwälzungen mit sich und warfen angebliche Gewissheiten über den Haufen. Das Ausmaß dieser Umwälzungen erschloss sich uns zunächst nicht, weil wir davon ausgingen, dass Mr. Trump und die von ihm betriebene Polarisierung nach wie vor das Land beherrschten.

Doch das polarisierte amerikanische Volk ließ das erbitterte Zweiparteiengezänk links liegen und ging am 6. November mit der für Zwischenwahlen höchsten Wahlbeteiligung seit 50 Jahren an die Wahlurnen. Hat uns diese enorme Kraftanstrengung womöglich ein wenig weiter gebracht? Die Auszählung der Stimmen dauerte sehr lange. Wir erkennen erst nach und nach, dass die Demokraten die nationalen Kongresswahlen mit einem größeren Vorsprung gewonnen haben, als es den Tea-Party-Republikanern im Jahr 2010 gelang. Die Demokraten überwanden gewaltige strukturelle Hürden und eroberten fast 40 Sitze hinzu.

In den Tagen nach der Wahl wurde allerdings deutlich, dass die Demokraten erhebliche Zuwächse verbuchen konnten. Analysten meines Vertrauens gelangten zu dem Schluss, dass die Frauen mit College-Ausbildung in den städtischen Randbezirken „Präsident Trump einen gehörigen Rüffel“ verpasst und damit in der Wahl für das Repräsentantenhaus „in den Wahlbezirken der Städte und Vorstädte eine blaue Welle“ in Gang gebracht hätten. Anfangs glaubte auch ich, dass die Ergebnisse vor allem so zu erklären wären.

Die neue Fraktion der Republikaner im Repräsentantenhaus ist zu 90 Prozent männlich und weiß. Fast die Hälfte der neuen demokratischen Abgeordneten werden Frauen sein.

Aber erstens gewannen die Demokraten nicht nur, weil weiße Frauen mit College-Bildung gegen Mr. Trumps Misogynie, Sexismus und Respektlosigkeit gegenüber Frauen rebellierten. Vielmehr rebellierte so gut wie jede Kategorie Frauen. Meine Darstellung basiert auf der Umfrage der Meinungsforschungsplattform Democracy Corps für den Women's Voice Women's Vote Action Fund und auf einer Auswertung von Nachwahlbefragungen für die Meinungsforschungsinstitute Edison und Catalist.

Es stimmt, dass die Demokraten ihr Ergebnis im Repräsentantenhaus bei weißen Frauen mit einem mindestens vierjährigen Universitätsstudium gegenüber dem Abstand zwischen Clinton und Trump 2016 um 13 Punkte verbessert haben. Doch für die Demokraten stimmten auch 71 Prozent der Frauen aus der Millenniumsgeneration und 54 Prozent der unverheirateten weißen Frauen (die ihre Stimmen zwei Jahre vorher auf beide Kandidaten verteilt hatten). Der Stimmenanteil unverheirateter weißer Frauen für die Demokraten erhöhte sich 2018 um volle 10 Prozent. Unter weißen Frauen ohne vierjähriges Studium (Kürzel der Meinungsforscher für weiße Frauen aus der Arbeiterschicht) erhöhte sich der Stimmanteil für die Demokraten um 13 Prozent.

Zwar teilten die weißen Frauen insgesamt ihre Stimmen zwischen Demokraten und Republikanern auf, doch ist klar, wo die Reise hingeht. Interessanterweise trugen die weißen Frauen mit College-Bildung, die angeblich die „Welle“ für die Demokraten in Gang setzten, 2018 nicht so stark zum Stimmenvorsprung der Demokraten bei wie die weißen Frauen aus der Arbeiterschicht, denn erstere stellten in den Zwischenwahlen 15 Prozent aller Wähler, letztere 25 Prozent. Wird dieser Umschwung bei den weißen Frauen anhalten? Mr. Trump führt die Republikanische Partei ins Präsidentschaftswahljahr 2020. Wie er richteten auch die Republikaner im Senat und im Abgeordnetenhaus ihr Augenmerk auf die weißen Männer, die angeblich unter den Schikanen der politischen Korrektheit leiden. Die neue Fraktion der Republikaner im Repräsentantenhaus ist zu 90 Prozent männlich und weiß. Fast die Hälfte der neuen demokratischen Abgeordneten werden Frauen sein.

Trotz der Verschiebung bei den Frauen konnten Mr. Trump und seine Partei ihre Basis in der weißen Arbeiterschicht halten. Hier haben die Demokraten noch viel zu tun.

Zweitens: Trotz der Verschiebung bei den Frauen konnten Mr. Trump und seine Partei ihre Basis in der weißen Arbeiterschicht halten. Hier haben die Demokraten noch viel zu tun. Dennoch verdanken sie ihre „Welle“ auch einem beachtlichen Anteil weißer Männer und Frauen aus der Arbeiterschicht, die Mr. Trump und seinen republikanischen Verbündeten den Rücken zukehrten. Im Jahr 2016 gaben die weißen männlichen Arbeiter Mr. Trump, der sie als „vergessene Amerikaner“ titulierte, 71 Prozent ihrer Stimmen; nur 23 Prozent gingen an Hillary Clinton. In diesem Jahr gewannen die Republikaner diese Bevölkerungsschicht mit einem immer noch beeindruckenden Abstand von 66 zu 32 Prozent. Doch das einstige Verhältnis von drei zu eins verringerte sich auf zwei zu eins, was sich in vielen Wahlkreisen auf das Rennen zwischen den jeweiligen Kandidaten niederschlug.

Arbeiter sind keine Idioten. Mr. Trump versprach ihnen einen republikanischen Präsidenten, der Sozialhilfe, Medicare und Medicaid nicht kürzt, Obamacare außer Kraft setzt, aber eine „Versicherung für alle“ liefert, nachteilige Handelsabkommen abschafft und „den Sumpf austrocknet“, wie er nie müde wurde zu behaupten. Wäre Mr. Trumps Vorstoß, Obamacare zu ersetzen, gelungen, hätte das gewaltige Kürzungen in der Altersversorgung nach sich gezogen und die Beiträge für die Krankenversicherung in die Höhe getrieben. Seine Steuerreformen gingen einseitig zugunsten großer Unternehmen und dem reichsten Prozent der Amerikaner. Daher ist es nicht überraschend, dass mehr als die Hälfte der weißen Arbeiter Mr. Trump heute für „eigennützig“ und korrupt hält. Die Senatskandidaten der Demokraten in Michigan, Wisconsin, Ohio und Pennsylvania konfrontierten den Präsidenten mit dieser Politik und gewannen ihre Sitze mit einem Vorsprung im zweistelligen Bereich.

Es ist noch viel zu tun, doch immerhin 10 Prozent der Trump-Wähler aus dem Jahr 2016 gaben in diesem Jahr Demokraten ihre Stimme; 40 Prozent der moderaten Republikaner wählten Demokraten oder blieben ganz zu Hause. Für Mr. Trump wird dieser Rückschlag schlimme Folgen haben, wenn er seine Niederlage nicht endlich einräumt und damit anfängt, den Sumpf tatsächlich trockenzulegen. Aber wir dürfen wohl nicht zu viel erwarten.

Die Republikaner haben im Repräsentantenhaus stark verloren, weil sie als einwanderungsfeindliche Partei auftraten, während die Demokraten als selbstbewusste multikulturelle Partei große Zuwächse verbuchen konnten.

Drittens: Die Demokraten erzielten große Zugewinne, weil Mr. Trump der Immigration – und dem multikulturellen Amerika – den Krieg erklärte und verlor. Mit seiner hässlichen Kampagne schaffte er es, für die republikanische Basis Einwanderung und Grenzfragen zu einem Wahlkampfthema zu machen, so unsere Democracy-Corps-Nachwahlumfrage, in der wir die republikanischen Wähler nach ihren Beweggründen fragten. „Offene Grenzen“ wurde als wichtigster Grund gegen die Wahl eines demokratischen Kandidaten genannt. Doch bei anderen Wählern ging der Schuss nach hinten los.

Am Wahltag erklärten aber überraschende 54 Prozent derer, die ihre Stimme abgaben, dass Einwanderer „unser Land stärken“. Mr. Trumps Partei verlor landesweit mit 7 Prozent, doch die Debatte darüber, ob Einwanderer eine Stärke oder eine Belastung sind, verlor er mit 20 Prozent. Mehr als die Hälfte der Republikaner ließ sich von Mr. Trump dazu bewegen, Einwanderer als Belastung einzuordnen, doch drei Viertel der Demokraten und eine große Mehrheit der Unabhängigen gelangte zu dem Schluss, dass Amerika von Einwanderung profitiert.

Die Demokraten setzten auf Vielfalt. Sie unterstützten eine umfassende Einwanderungsreform und die Legalisierung der Dreamer und lehnten Mr. Trumps Grenzmauer ebenso ab wie die Trennung von Einwandererfamilien an der Grenze. Sie nominierten afroamerikanische Kandidaten für die Gouverneurswahlen in Georgia und Florida und kämpften dagegen, dass Angehörige gesellschaftlicher Minderheiten am Wählen gehindert werden. Als die Wahlen vorüber waren, hatten die Demokraten mehr Stimmen erhalten. Sie stellen eine neue Mehrheit im Repräsentantenhaus, die fast zur Hälfte aus Frauen besteht und zu einem Drittel aus People of color. Die Fraktion hat auch mehr LBGTQ-Mitglieder als je zuvor. Die Republikaner haben demnach im Repräsentantenhaus stark verloren, weil sie als einwanderungsfeindliche Partei auftraten, während die Demokraten als selbstbewusste multikulturelle Partei große Zuwächse verbuchen konnten.

In den Senats-Wahlkämpfen wirkte Mr. Trump wie ein Favoritenschreck, weil er mindestens drei amtierende Demokraten ausschaltete. Doch ihre größten Zugewinne erlangten die Demokraten in den ländlichen Landesteilen.

Viertens: Die Demokraten konnten 2018 nur deshalb so viele Sitze im Repräsentantenhaus erringen, weil sie ihren Stimmenanteil in den Randbezirken der Städte, in denen mittlerweile immerhin 50 Prozent der Wählerinnen und Wähler wohnen, noch einmal um 4 Prozent steigerten. Mrs. Clinton eroberte schon 2016 viele dieser Bezirke, daher war klar, dass jede weitere Verschiebung in Richtung der Demokraten folgenreich wäre. Doch ihre größten Zugewinne erlangten die Demokraten nicht dort, sondern in den ländlichen Landesteilen. Das war ein echter Schock.

Die Demokraten verkleinerten der Edison-Nachwahlumfrage zufolge den Vorsprung der Republikaner in ländlichen Gebieten um 13 Prozent, laut Catalist-Umfrage waren es 7 Prozent. Da die Demokraten das ländliche Amerika mit 14 bis 18 Prozent verloren, sind sie dort noch lange nicht aus dem Schneider. Das wirkte sich auf das Ergebnis im Senat aus, sollte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Demokraten auch in ländlichen Gebieten Fortschritte machten.

In den Senats-Wahlkämpfen wirkte Mr. Trump wie ein Favoritenschreck, weil er mindestens drei amtierende Demokraten ausschaltete. Doch sein Wahlkampf konzentrierte sich ja auch auf die Bundesstaaten, in denen er 2016 mit großem Vorsprung gewonnen hatte. Im Aufschwung der Demokraten zeigt sich, wie angreifbar Mr. Trump ist und dass die Polarisierung im Lande abnimmt. Angesichts seines spaltenden Wahlkampfs wendeten sich Teile des ländlichen Amerika und der Arbeiterschicht von ihm ab.

Ich dachte, Amerika würde von seiner erdrückenden Polarisierung erst befreit, wenn Mr. Trump 2020 besiegt würde. Aber vielleicht hat die Auflösung ja bereits begonnen.

(c) 2018 The New York Times

Aus dem Englischen von Anne Emmert.

 

 

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