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Sie nennen ihn Onkel Joe
Die Amerikaner haben genug vom politischen Zirkus. Joe Biden hat mit seiner Bodenständigkeit beste Chancen, ins Weiße Haus einzuziehen.

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Donald Trump nennt Joe Biden zwar „Sleepy Joe“, aber womöglich wird Biden zum Alptraum für den amtierenden Präsidenten. Es ist gut möglich, dass sich der ehemalige Vizepräsident von Barack Obama mit seinen 77 Jahren nicht nur anschickt, die Nominierung der Demokraten im Juli zu gewinnen, sondern auch die Präsidentschaftswahl selbst. Ihm gelingt das, was Bernie Sanders seit Monaten verspricht, nämlich Wählerinnen und Wähler in Scharen an die Urnen zu bringen. Joe Biden verspricht keine Revolution und keinen radikalen gesellschaftspolitischen Wandel, sondern eine Rückkehr zur Normalität. Er verspricht vor allem ein Ende des politischen Ausnahmezustandes und der immer weiter zunehmenden politischen Polarisierung, die offensichtlich für viele Amerikaner inzwischen unerträglich geworden ist.

Einen Tag, nachdem Donald Trump Einreisebeschränkungen in Richtung Europa verhängte, von einem ausländischen Virus sprach und sowohl Börsen wie auch Bevölkerung weiter verunsicherte, hielt Joe Biden eine staatsmännische Rede. Er führte vor, wie umsichtig und solidarisch der amerikanische Präsident und seine Regierung sein könnten, wenn es ihnen um die Lösung von ernsten Problemen ginge. Der Kontrast zwischen Donald Trump am Abend zuvor und Joe Bidens Auftritt hätte nicht größer sein können. Joe Biden wirkte wie der Präsident der USA, nicht Donald Trump. Es schien als sei der Wahlsieg schon erreicht.

Und genau um diesen Wahlsieg geht es den Wählern der Demokraten bei den Vorwahlen 2020. Das wichtigste Kriterium für die Wahlentscheidung der meisten ist die Wählbarkeit. Die Vorwahlen im März sowohl am Super Tuesday als auch eine Woche danach am „Mini Super Tuesday“ haben klar gezeigt, die demokratischen Wähler wollen einen Kandidaten, dem sie zutrauen, Donald Trump im Herbst zu schlagen. Das ist für sie mehrheitlich Joe Biden. Daher fallen die Wahlergebnisse auch so deutlich aus, denn sie wollen ein Ende der Trumpschen Präsidentschaft, die sie wütend macht und mit der sie sehr unzufrieden sind. Politische Programmatik und Übereinstimmung mit eigenen Positionen spielen für die meisten eine untergeordnete Rolle. Anders gesagt, die breite Unterstützung für Joe Biden bei den Vorwahlen der Demokraten und auch die hohe Wahlbeteiligung sind Ausdruck einer starken Anti-Trump-Stimmung. Es ist nicht unbedingt eine Abstimmung gegen Bernie Sanders. Viele Leute, die zwar Sanders politisch unterstützen, wählen dennoch Joe Biden, weil sie ihm größere Chancen einräumen, Trump zu besiegen, da er auch unabhängige und frustrierte republikanische Wähler gewinnen kann.

Viele Leute, die zwar Sanders politisch unterstützen, wählen dennoch Joe Biden, weil sie ihm größere Chancen einräumen, Trump zu besiegen.

Joe Bidens wichtigste Unterstützung sind die Stimmen der Afroamerikaner. Sie kamen in großer Zahl zu den Wahlurnen in South Carolina und in anderen Staaten mit einem hohen schwarzen Bevölkerungsanteil. Das daraus entstandene Momentum wusste Joe Biden für sich durch starke Auftritte zu nutzen. Als Folge stiegen die anderen moderaten Mitbewerber um die Nominierung, Pete Buttigieg, Amy Klobuchar und Michael Bloomberg, schnell aus, da ihre Bewerbungen nicht mehr aussichtsreich schienen, aber sicher auch, um das moderate Lager zu konsolidieren. Ihre Wahlempfehlung für Biden, der dann auch die anderen ehemaligen Kandidaten Cory Booker, Kamala Harris, Beto O‘Rourke, John Delaney und Andrew Yang folgten, gibt Bidens Kampagne zusätzliche Kraft. Inzwischen gibt es eine Welle der Unterstützung für für den ehemaligen Vize-Präsidenten. Bernie Sanders' unversöhnliche Rhetorik und seine programmatische Rigidität gehen vielen moderaten Demokraten zu weit, sie fühlen sich auch selbst angegriffen. Er schaffte es nicht, mit seiner gut organisierten und durch viele Kleinspenden auch gut finanzierten Kampagne afroamerikanische Demokraten in großer Anzahl zu überzeugen. Sanders ist es eben nicht gelungen, die breite progressive Allianz zu schaffen, von der er selbst gerne spricht.

Die afroamerikanischen Wähler vertrauen Joe Biden mehrheitlich, sie sehen ihn als ihren Verbündeten an, da er acht Jahre lang dem jüngeren und anfangs weniger bekannten, ersten afroamerikanischen Präsidenten den Rücken frei gehalten hat, als seine rechte Hand diente, und ihm gegenüber uneingeschränkt loyal war.

Der klare Wahlsieg in Michigan zeigt darüber hinaus, dass Joe Biden das Zeug hat, die für die Präsidentschaftswahl entscheidenden Staaten mit vielen Wechselwählern zu gewinnen. Dort hatte 2016 im Vorwahlkampf Bernie Sanders noch gegen Hillary Clinton gewonnen, bevor im Herbst dann Donald Trump siegte. Biden konnte jetzt mehrheitlich weiße Wähler von sich überzeugen, dabei viele unterschiedliche Gruppen, sowohl Arbeiter wie auch Besserverdienende, Leute mit unterschiedlichen Bildungsstandards und auch die Bewohner der Vorstädte. Und das alles bei hoher Wahlbeteiligung. Biden kann viele Wähler, die 2016 noch bei Trump ihr Kreuz gemacht haben, erreichen.

Er will die Politik der USA entgiften und Ehre, Anstand und Würde im Weißen Haus wiederherstellen.

Der Vorwahlkampf der Demokraten geht auch deshalb einer Entscheidung für Joe Biden entgegen, da sich die Demokraten jetzt gerne hinter einem Kandidaten vereinen und sich auf die Auseinandersetzung mit Donald Trump konzentrieren wollen. Sie wollen nicht mehr auf den Aufstellungsparteitag Mitte Juli warten müssen. Aber noch läuft der Vorwahlkampf weiter und Bernie Sanders gibt noch nicht ganz auf, allerdings wird sein Tonfall gegenüber Biden etwas sanfter.

Am Sonntag wird in Washington, D.C. die vielleicht einzige Debatte nur zwischen Sanders und Biden stattfinden. Sicher will Sanders Biden inhaltlich stellen und ihn auch dazu bewegen, zumindest einen Teil seiner politischen Agenda in das Wahlprogramm der Demokraten aufzunehmen. Und in der Tat wird sich auch Biden bewegen müssen, will er die Demokraten zusammenhalten und verhindern, dass sich die progressiven Wähler abwenden und im Herbst nicht wählen gehen. Viele Fragen die Bernie Sanders anspricht, bewegen Amerika tatsächlich. Aber auch über eine kluge Wahl der Kandidatin für die Vizepräsidentschaft kann Biden integrierend wirken und seiner Kampagne mehr Energie verleihen, da er selbst offensichtlich nicht die Vielfalt der USA gut repräsentieren kann.

Das wichtigste Pfund ist freilich Bidens große Bekanntheit und auch Beliebtheit. Die Amerikaner kennen ihn seit Jahrzehnten als jemanden, der sich verändert und als jemand, der nicht glatt ist und auch Fehler macht. Sie nennen ihn Onkel Joe. Im Vergleich zu Trump ist er sympathisch und das macht ihn für diesen sehr gefährlich. Biden baut nun seine Kampagne auf den anstehenden Kampf mit Trump um. Er will die Politik der USA entgiften und Ehre, Anstand und Würde im Weißen Haus wiederherstellen.

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