Als die USA und die Sowjetunion sich in der Frühzeit des Kalten Krieges einen unerbittlichen Rüstungswettlauf lieferten, betrachteten sie die Nukleartechnologie trotzdem weiterhin als Instrument der Soft Power und Diplomatie, das man weitergeben, exportieren und als Zeichen der Freundschaft nutzen und mit dem man Bündnisse besiegeln konnte.

Dwight Eisenhowers Amerika gab einerseits den Anstoß zu dem Programm „Atoms for Peace“, mit dem der Aufbau ziviler Atomprogramm in aller Welt unterstützt wurde, und richtete andererseits im gleichen Jahr Julius und Ethel Rosenberg hin, weil sie den Sowjets unsere nuklearen Geheimnisse verraten hatten. Analog exportierte die Sowjetunion bestimmte Formen von Kernenergie in die Länder des Ostblocks und in das von Mao Tse-tung regierte China. Das übergeordnete Ziel war auf beiden Seiten, zum einen die Technologie zu verbreiten und zum anderen die Kontrolle über die Waffen nicht aus der Hand zu geben. Mit den beiden Varianten nuklearer Stärke wurde somit sehr unterschiedlich umgegangen.

Die Vereinigten Staaten verhalten sich so, als wären die Frontier-Modelle ein mögliches Äquivalent zu nuklearen Waffen.

Dieser geschichtliche Rückblick kann helfen, zu verstehen, warum Amerika und China so unterschiedlich mit der künstlichen Intelligenz umgehen. Die Vereinigten Staaten verhalten sich so, als wären die leistungsfähigsten KI-Modelle (Frontier-Modelle) ein mögliches Äquivalent zu nuklearen Waffen, weil sie eine extrem zerstörerische Form von Macht bieten, über die es sorgsam und eifersüchtig zu wachen gilt. Die amerikanischen KI-Giganten reden ständig so, als befänden sie sich in einem Wettlauf à la Oppenheimer (inklusive moralischer Übererregung à la Oppenheimer); der militärisch-industrielle Komplex der USA sucht eifrig zu verhindern, dass China den bisherigen Rückstand bei der KI aufholt, und sowohl die Industrie als auch die Regierung betrachten Frontier-Modelle in zunehmendem Maße als massive Gefahr für die Sicherheit.

China dagegen behandelt die Modelle, die seine Unternehmen hervorbringen, als Äquivalente zu nuklearer Energie - als verhältnismäßig risikoarme Technologie, die man weitergeben und kommerzialisieren kann, um Freunde zu gewinnen, die Welt zu beeinflussen und dem Vorsprung der amerikanischen KI-Giganten den Boden zu entziehen. In China gibt es zu den Themen Risiko und Sicherheit gelegentliche Lippenbekenntnisse, aber das Gefühl, die KI sei eine einzigartige Macht, die man wie einen Schatz horten müsste, ein geopolitischer Trumpf oder eine Waffe mit existenziellen Implikationen, ist dort wenig ausgeprägt.

Seit einer Weile (genauer seit wenigen Monaten, was aber in KI-Zeiten einer Ewigkeit gleichkommt) frage ich mich, wie aufrichtig die chinesische Haltung ist. Da seine Unternehmen und Modelle durchweg hinter Anthropic und OpenAI hinterherhinken, hat China eine klar erkennbare Motivation, mittels seiner Open-Source-Praxis den Profiten und der Reichweite des Silicon Valley die Grundlage zu entziehen und es Washington zu überlassen, sich wegen der Risiken zu ängstigen, die durch die avanciertesten Modelle entstehen könnten. Sollte China uns auf einmal überholen, so meine Spekulation, würde die Motivationslage sich vielleicht ändern und China dazu übergehen, seine besten Modelle möglichst unter Verschluss zu halten, sie zur Waffe zu machen und als Staatsgeheimnis und hoheitliches Gut zu betrachten.

Bislang gibt es kein chinesisches Modell, das an unseren Modellen vorbeiziehen könnte, doch Kimi K3, mit dem das chinesische Unternehmen Moonshot AI in der vergangenen Woche aufwartete, kommt ihnen möglicherweise nahe. Bis jetzt verfährt Peking mit Kimi K3 genauso wie mit seinen bisherigen Modellen: Es wird im Interesse maximaler Verbreitung ein Open-Source-Modell sein, bei dem sich anders als in Amerika niemand über Risiken, Sicherheitsvorkehrungen und Exportkontrollen den Kopf zerbricht.

Diese Entscheidung sollte uns etwas zuversichtlicher stimmen, dass Peking es mit seinem Grundansatz aufrichtig meint. Sie legt nahe, dass die Chinesen nicht nur den utopischen und dystopischen Szenarien eine Absage erteilt, die in Silicon Valley allgemein verbreitet sind und laut denen die Macht der künstlichen Intelligenz die Welt von Grund auf umgestalten wird, sobald eine bestimmte Schwelle überschritten ist. Möglicherweise sind die Chinesen insofern nicht einmal sonderlich risikobewusst, als sie sich wenig Sorgen machen wegen der Gefahren, die heutige KI-Modelle vielleicht schon jetzt verursachen – durch die Fähigkeit, komplexe Systeme zu hacken und lahmzulegen, Terroristen zum Bau von Biowaffen zu verhelfen, und die ungewissen Risiken durch kriminelles KI-Verhalten und anderes.

Die Chinesen sind gewillt, die Sorgen um Sicherheit und Souveränität den USA zu überlassen.

Amerikanische KI-Unternehmen und der nationale Sicherheitsapparat gehen allem Anschein nach davon aus, dass wir bereits den Punkt erreicht haben, wo man schlicht nicht mehr zulassen kann, dass die Welt die besten KI-Modelle ohne Kontrolle und Sicherheitsmaßnahmen nutzt, so wie man auch Atombomben oder Interkontinentalraketen nicht an jeden beliebigen Haushalt oder an private Firmen ausliefert. Die Chinesen dagegen sind gewillt, das Achselzucken maximal auszureizen und die Sorgen um Sicherheit und Souveränität den USA zu überlassen in der Annahme, die KI sei eine normale Technologie und die Sicherheitsprobleme würden sich mit der Zeit schon regeln.

In einer zynischeren Lesart könnte man meinen, die Chinesen gingen eine doppelte Wette ein. Wenn die KI nur maßvolle Risiken mit sich bringt und im Grunde nichts von einer strategischen Supermacht hat, sind Chinas Open-Source-Modelle die beste Möglichkeit, dem amerikanischen Vorsprung zu untergraben und dafür zu sorgen, dass die Welt China sympathischer findet als uns. Sollten wir andererseits tatsächlich eine Art KI-Tschernobyl erleben, weil jemand ein chinesisches Modell falsch benutzt – dann werden dessen Folgen und Rückwirkungen die amerikanischen Unternehmen vermutlich am härtesten treffen, weil die amerikanische Öffentlichkeit der KI schon jetzt skeptisch gegenübersteht und für den Stopp des Baus neuer Rechenzentren aufgeschlossen ist.

Ich bin nicht sicher, was das für die Bewegung bedeutet, die sich für KI-Sicherheit starkmacht und für die Aufgeschlossenheit für Regulierung zum großen Teil verantwortlich ist. Das Anliegen der KI-Sicherheit gewinnt in den USA unter mehrfacher Hinsicht an Gewicht und profitiert dabei von der Silicon-Valley-Feindlichkeit der progressiven Linken, von der Angst des Pentagon vor der Macht privat kontrollierter Modelle und von der Doomer-Kultur innerhalb der KI-Branche.

Doch es nützt den potenziellen Regulatoren nichts, wenn sie in Amerika den Fortschritt bremsen, wenn China glaubt, es spiele ein ganz anderes Spiel.

Aus dem Englischen von Andreas Bredenfeld

Dieser Artikel erschien ursprünglich in The New York Times.