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Auf die Größe kommt es an
Die Dominanz der Superstar-Firmen verschärft die soziale Ungleichheit. Europa muss gegensteuern.

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Manhattan: Das „Winner-takes-all“-Prinzip der globalen Technologieriesen von seiner schönsten Seite.

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Wie viele andere Industrieländer auf der ganzen Welt erleben auch Deutschland und Europa eine Verlangsamung des wichtigsten Wohlstandsmotors: der Produktivität. Daten der EZB zeigen etwa, dass sich das Wachstum der Arbeitsproduktivität in den letzten 20 Jahren praktisch halbiert hat. Für manche Ökonomen sind die alarmierenden Zahlen Anzeichen für die "säkulare Stagnation" – ein Zustand chronischer Wachstumsschwäche.

Doch ein genauerer Blick auf Volkswirtschaften in der ganzen Welt deutet auf ein überraschendes Phänomen hin: Einige Unternehmen bleiben vom Produktivitätselend größtenteils verschont. Sie bilden eine globale Elite, die es schafft, ein hohes Produktivitätswachstum zu erzielen, während die Produktivität der Wettbewerber gleichzeitig stagniert. Tatsächlich stellt etwa die OECD fest, dass sich die Kluft zwischen diesen Elite-Firmen und dem Rest immer weiter vergrößert. Im Dienstleistungssektor steigerten die fünf Prozent der führenden Unternehmen ihre Produktivität um mehr als 40 Prozent, während die restlichen 95 Prozent etwa 10 Prozent erreichten.

Die führenden Unternehmen mit satten Produktivitätsgewinnen – das sind die sogenannten „Superstar“-Firmen, die ihre Branchen in den letzten Dekaden im Sturm eroberten. Diese Unternehmen sind hochinnovativ und produktiv; man denke an Technologieriesen wie Apple und Google oder Walmart und Starbucks in der Offline-Welt. Sie alle haben gemeinsam, dass sie ihre jeweiligen Branchen heute dominieren. Das US-amerikanische Forscherteam um den Ökonomen David Autor zeigt, dass in nahezu allen US-Branchen die sogenannte „Unternehmenskonzentration“ stark zugenommen hat – das bedeutet, dass der kollektive Marktanteil der vier größten Unternehmen einer Branche auf Kosten der sonstigen Wettbewerber stark gewachsen ist. Im Einzelhandel hat sich demnach die Konzentrationsrate seit den 1980er Jahren verdoppelt.

Jüngste Zahlen der OECD zeigen einen ähnlichen Trend auch für Europa auf. Demnach folgen immer mehr Märkte dem „Winner-takes-all“-Prinzip: Durch Netzwerkeffekte und Größenvorteile vereinen die führenden Unternehmen einen immer größeren Marktanteil auf sich und werden schier uneinholbar. Der Rest der Branche kann nicht mehr folgen und sich letztlich nicht mehr im Wettbewerb halten.  

Die Superstars geben ihre hohen Produktivitätsfortschritte nicht an die Beschäftigten weiter – die Lohnquote sinkt, Kapitalerträge wachsen schneller als Löhne.

Man mag jetzt denken, dass die zunehmende Konzentration vor allem dem Wettbewerb in einer sozialen Marktwirtschaft schadet: Wenige dominante Firmen können dank größerer Marktmacht die Preise diktieren, kleine Anbieter gelangen kaum mehr in den Markt – das könnte die Innovationskraft bremsen. Doch ein neuer Befund aus der Wissenschaft ist noch besorgniserregender: Mit der wachsenden Unternehmenskonzentration scheint auch die Ungleichheit zuzunehmen.    

Denn das Emporkommen der Superstar-Firmen könnte ein Grund für den Rückgang der Lohnquote in vielen europäischen Volkswirtschaften sein. So zeigt die neueste Forschung, dass in Branchen, in denen die Konzentration zunimmt, gleichzeitig die Lohnquote abnimmt – also der Lohnanteil an der Wertschöpfung von Unternehmen. Dies liegt vor allem am Geschäftsmodell der Superstar-Firmen: Löhne und der Faktor Arbeit machen nur einen vergleichsweise geringen Teil ihrer Arbeitsweise aus. Das gilt beispielsweise für Digitalunternehmen, die im geringeren Maße vom Faktor Arbeit abhängig sind und stattdessen eher kapitalintensiv wirtschaften. Aber auch in traditionelleren Branchen geht, auch im Zuge der zunehmenden Digitalisierung, die Lohnquote zurück.

Wenn nun in der gesamten Volkswirtschaft die Superstars an Gewicht gewinnen und flächendeckend in solchen Unternehmen der Arbeitnehmeranteil am „ökonomischen Kuchen“ zurückgeht, so kann auch gesamtwirtschaftlich die Lohnquote zurückgehen – also der Anteil der Löhne am volkswirtschaftlichen Gesamteinkommen. Tatsächlich ist die Lohnquote in den letzten Jahrzehnten zurückgegangen, in Deutschland und Frankreich um etwa 6,5 Prozent, in Italien und Spanien um bis zu 14 Prozent. Ihr Gegenstück, die Gewinnquote, bildet die Erträge der Arbeitgeber und Investoren – also des „Faktors Kapital“ – ab. Sie nahm im gleichen Zeitraum zu. Das hat Konsequenzen für die Einkommensungleichheit, da Kapitalerträge tendenziell an der Spitze der Einkommensverteilung konzentriert sind.

Wichtig dabei: Superstar-Firmen zahlen keineswegs niedrigere Löhne. Im Gegenteil: Sie zahlen vergleichsweise gut. Doch die Lohnsteigerungen halten nicht Schritt mit ihrem enormen Produktivitätswachstum. Mit anderen Worten: Die Superstars geben ihre hohen Produktivitätsfortschritte nicht an die Beschäftigten weiter – die Folge: Die Lohnquote sinkt, Kapitalerträge wachsen schneller als Löhne. Gesamtwirtschaftlich kann die Ungleichheit so zunehmen. 

Innerhalb der EU nehmen die regionalen Unterschiede zwischen florierenden „Superstar“-Regionen und der strukturschwachen Peripherie zu.

Was kann, was sollte die Politik tun? Derzeit wird in Deutschland über die von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier vorgestellte „Nationale Industriestrategie 2030“ diskutiert. Teil der Strategie könnte etwa eine Innovationspolitik sein, die gerade Sprunginnovationen besser von den Superstars zum Rest der Unternehmen gelangen lässt. Damit könnten einerseits die Produktivitätsschwäche in vielen Teilen der Wirtschaft bekämpft und der Wettbewerb in vielen Branchen besser in Gang gebracht werden. Andererseits könnte eine solche „Innovationspolitik für die Breite“ auch der Regionalentwicklung zugutekommen. Denn in Deutschland, aber auch innerhalb der EU, nehmen die regionalen Unterschiede zwischen florierenden „Superstar“-Regionen und der strukturschwachen Peripherie zu – das belastet nicht nur den sozialen Zusammenhalt, sondern ist langfristig auch ein Nährboden für Populismus, siehe etwa Italien.

Abhilfe könnte etwa die bessere Vernetzung von Hochschulen, Unternehmen und anderen regionalen Akteuren sein, die entlang einer Wertschöpfungskette Forschung und Wissen in die Marktreife überführen. Insbesondere in strukturschwachen Regionen könnten Maßnahmen dieser Art die Innovationsfähigkeit erhöhen und so eine bessere Perspektive ermöglichen. Der Nachfolger des EU-Programms Horizon2020 für Forschung und Innovation könnte dabei im Sinne einer europäischen Strategie der regionalen Innovationsförderung unterstützend wirken.

„Wohlstand für alle“ braucht aber auch „Wettbewerb für alle“. Das Wettbewerbsrecht benötigt im Zeitalter der (digitalen) „Winner-takes-all“-Märkte ein Update. Denn Superstars haben sich ihren Vorsprung zwar zunächst durch bessere Produkte erarbeitet. Doch langfristig können sie so dominant werden, dass kleine, innovative Unternehmen vom Markteintritt abgehalten werden – was neue Innovationen hemmt und die Dominanz der Superstars zementiert. Der Markt allein kann keine Abhilfe schaffen, sagt etwa der renommierte Wettbewerbsökonom Luigi Zingales – und schlägt unter anderem eine bessere Portabilität von Daten zwischen digitalen Plattformen und das automatische Teilen von Daten ab einer bestimmten Höhe des Marktanteils vor.

Darüber hinaus muss Europa bei der Digitalsteuer vorankommen. Es gibt neue Ansätze für eine effiziente Besteuerung von Daten, die diskutiert werden müssen. Denn die Digitalisierung ist ein wesentlicher Treiber der Unternehmenskonzentration: sie trägt dazu bei, dass Netzwerkeffekte und Größenvorteile durch die Superstars besser ausgenutzt werden können und so Produktivitätsfortschritte und Löhne nicht mehr Hand in Hand gehen. Eine effiziente Besteuerung der digitalen Wertschöpfung könnte die Verbindung zwischen dem Produktivitäts- und Lohnwachstum wiederherstellen.

Und schließlich liegt auch in einer stärkeren gewerkschaftlichen Mitbestimmung, gerade in digitalen Plattformunternehmen, ein Hebel für die bessere Weitergabe von Produktivitätsfortschritten an die Beschäftigten. So könnte das Wachstum der Produktivität und der Löhne wieder in Einklang gebracht und die Lohnquote zumindest stabilisiert werden. Gelingt letzteres nicht, so wird die Superstar-Ökonomie vor allem eines produzieren: Viele Verlierer. 

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