Der Krieg mit dem Iran hat sich rasch von einer regionalen militärischen Konfrontation zu einem Schock für das globale Energiesystem entwickelt. Noch vor seinem Beginn skizzierten Analysten eine Reihe möglicher Szenarien. Zu den am meisten diskutierten möglichen Entwicklungen gehörten erstens Angriffe auf die iranische Ölinfrastruktur, die dauerhafte Schäden verursachen könnten, zweitens eine Verschärfung der Blockade der iranischen Ölexporte, und drittens die Unterbrechung der Lieferungen aus dem wichtigen Exportzentrum Kharg Island. Weitere Szenarien beschrieben mögliche Vergeltungsmaßnahmen Teherans: Angriffe auf die Öl- und Gasinfrastruktur am Golf – von Pipelines und Raffinerien bis hin zu Förderfeldern – oder, am dramatischsten, die Schließung der Straße von Hormus.
Als der Krieg am 28. Februar begann, spielte Iran schnell seine seit langem als mächtigste strategische Waffe geltende Karte aus: die Drohung, die Straße von Hormus zu sperren. Anstatt sofort auf Seeminen zurückzugreifen, signalisierte Teheran seine diesbezüglichen Absichten, indem es Handelsflotten bedrohte und Schiffe ins Visier nahm, die die Wasserstraße befuhren. Dies hatte unmittelbare Auswirkungen. Die Prämien für Seeversicherungen stiegen sprunghaft an, wodurch die Durchfahrt durch die Meerenge unerschwinglich teuer wurde. Viele Reedereien wichen auf andere Routen aus oder stellten den Betrieb ganz ein.
Iran zögerte auch nicht, das Schlachtfeld auf das gesamte Energiesystem am Golf auszuweiten. Von den ersten Tagen des Konflikts an richteten sich iranische Angriffe gegen die Öl- und Gasinfrastruktur mehrerer Golfstaaten. Pipelines, Raffinerien und Energieanlagen wurden getroffen. Die Folgen traten schnell ein und waren schwerwiegend. Katar, einer der weltweit größten Exporteure von Flüssigerdgas (LNG), stellte mit Verweis auf höhere Gewalt für einen Teil seiner Produktion die Lieferungen ein. Die globalen LNG-Märkte reagierten fast augenblicklich: Nachdem die Händler das Ausmaß der Störung eingeschätzt hatten, stiegen die Preise stark an.
Die Schließung der Straße von Hormus verschärfte den Schock noch. Mehrere Produzenten am Golf sind auf die Meerenge als Hauptroute für den Export ihres Rohöls angewiesen. Länder wie der Irak und Kuwait standen bald vor einem logistischen Problem: Da Tanker die Meerenge nicht passieren konnten oder wollten und die Lagerkapazitäten im Inland begrenzt waren, musste die Produktion gedrosselt werden. Die Folge war ein plötzlicher Rückgang des weltweiten Ölangebots.
Die Märkte reagierten wie erwartet. Nur eine Woche nach Beginn des Konflikts übersprangen die Ölpreise die Schwelle der Dreistelligkeit. Von rund 72 US-Dollar pro Barrel am 27. Februar stiegen sie auf weit über 100 US-Dollar. Analysten der Energiemärkte hatten schon lange ein „Hormus-Szenario“ befürchtet, aber nur wenige hatten damit gerechnet, dass es so schnell und heftig eintreten würde. Doch Maßnahmen wie die des Irans sind zu erwarten, wenn das Überleben eines Regimes auf dem Spiel steht.
Für Teheran war es eine bewusste strategische Entscheidung, die Energieinfrastruktur der Golfstaaten anzugreifen.
Für die Golfstaaten kamen die Angriffe dennoch überraschend, denn viele von ihnen hatten sich gegen den Krieg gegen Iran ausgesprochen und versucht, nicht in die Konfrontation hineingezogen zu werden. Doch für Teheran war es eine bewusste strategische Entscheidung, die Energieinfrastruktur der Golfstaaten anzugreifen. Indem Iran seinen Nachbarn unmittelbaren wirtschaftlichen Schaden zufügte und das globale Energiesystem störte, wollte er Druck auszuüben, um ein rasches Ende des Krieges zu erreichen. Die Botschaft war klar: Je länger der Konflikt dauert, desto mehr werden die Weltwirtschaft und insbesondere die vom Energieexport abhängigen Volkswirtschaften der Golfstaaten darunter leiden. Wenn Iran untergeht, sollen die Golfstaaten die Konsequenzen massiv zu spüren bekommen, so scheint die Denkweise in Teheran zu sein.
Diese Strategie spiegelt ein übergeordnetes Ziel Irans wider: das Überleben des Regimes zu sichern. Durch die Erhöhung der wirtschaftlichen Kosten des Krieges für die internationale Gemeinschaft hofft Teheran wahrscheinlich, den diplomatischen Druck zu erhöhen, um einen Waffenstillstand zu erreichen, bevor der Konflikt die Führung in Teheran schwächen kann.
Diese Strategie hat die Golfstaaten jedoch in ein tiefes Dilemma gestürzt. Einerseits ist eine anhaltende Instabilität, die ihrer Wirtschaft schadet und ihren Ruf als zuverlässige Energielieferanten untergräbt, nicht in ihrem Interesse. Andererseits könnte ein rasches Ende des Krieges langfristig eine noch größere Bedrohung darstellen, wenn Iran politisch und militärisch gestärkt aus ihm hervorgeht.
Mit anderen Worten: Die Golfstaaten stehen vor einer schwierigen strategischen Entscheidung. Sollen sie auf eine sofortige Beendigung des Konflikts drängen und damit Teheran möglicherweise einen strategischen Sieg ermöglichen? Oder sollen sie den wirtschaftlichen Druck in Kauf nehmen, in der Hoffnung, dass ein längerer Konflikt die iranische Führung so schwächt, dass das Land entweder sein Verhalten in der Region ändert oder es vielleicht sogar zu einer tiefgreifenden Transformation des Regimes selbst kommt?
Die neuesten politischen Signale aus Teheran deuten darauf hin, dass sich die Führung auf eine langwierige Konfrontation vorbereitet. Die Ernennung von Mojtaba Khamenei zum Nachfolger seines Vaters Ali Khamenei als Oberster Führer wurde weithin als Zeichen der Konsolidierung des Regimes und nicht als Kompromissentscheidung interpretiert. Ein solcher Schritt deutet darauf hin, dass Teheran bereit sein könnte, den Konflikt trotz der wirtschaftlichen Kosten fortzusetzen. Für die Golfstaaten wirft dies eine dringende Frage auf: Sollen sie gemeinsam auf die von ihnen als zunehmend kompromisslos wahrgenommene iranische Führung reagieren?
Während die Regierungen der Golfstaaten ihre Optionen abwägen, beobachtet Europa die sich entwickelnde Krise mit wachsender Besorgnis. Die Unterbrechungen der Energieflüsse aus dem Golf wirken sich bereits spürbar auf den europäischen Märkten aus. Als Katar für die Einschränkungen seiner LNG-Produktion auf höhere Gewalt verwies, reagierten die europäischen Gaspreise fast sofort. Die Referenzpreise stiegen auf 70 Euro pro Megawattstunde und damit auf mehr als das Doppelte der rund 30 Euro vor der Eskalation.
Dieser Anstieg kommt zudem zu einem für das europäische Energiesystem besonders sensiblen Zeitpunkt. Zwischen April und November füllen die europäischen Länder in der Regel ihre Gasspeicher für die Heizperiode im Winter auf. Diese Auffüllphase fällt jedoch mit einer steigenden Nachfrage in Asien zusammen, wo der LNG-Verbrauch während des Sommers zunimmt, weil hier gekühlt wird. Die Folge ist ein immer intensiverer Wettbewerb um begrenzte LNG-Lieferungen.
In einem solchen Marktumfeld ist die finanzielle Leistungsfähigkeit entscheidend. Wohlhabendere Volkswirtschaften, sei es in Europa oder in Asien, werden sich auch zu erhöhten Preisen LNG-Lieferungen sichern können. Länder mit geringerem Einkommen werden jedoch Schwierigkeiten haben, im Wettbewerb zu bestehen. Die Situation erinnert an die ersten Monate des Ukrainekrieges im Jahr 2022, als mehrere Entwicklungsländer wie Bangladesch aufgrund der steigenden LNG-Preise aus dem Markt gedrängt wurden.
Einige Regierungen könnten deshalb vorübergehend auf Kohle zurückgreifen, um die Stromversorgung aufrechtzuerhalten. Andere werden wahrscheinlich ihre Investitionen in erneuerbare Energien beschleunigen, um ihre Abhängigkeit von den volatilen Märkten für fossile Brennstoffe zu verringern. Doch keine dieser Optionen bietet eine sofortige Lösung für die strukturelle Anfälligkeit, die durch die Krise offenbart wurde.
Wie stark sollte die Weltwirtschaft von einem einzigen maritimen Nadelöhr abhängig sein?
Letztendlich verweist der Konflikt auf eine grundsätzliche Frage in Bezug auf die globale Energiesicherheit: Wie stark sollte die Weltwirtschaft von einem einzigen maritimen Nadelöhr abhängig sein? Etwa ein Fünftel des weltweiten Ölhandels wird über die Straße von Hormus abgewickelt. Wie die aktuelle Krise zeigt, können Störungen in dieser engen Wasserstraße innerhalb weniger Tage Auswirkungen auf die gesamte Weltwirtschaft haben.
Für Europa und andere energieimportierende Regionen dürfte die Lehre klar sein. Die Diversifizierung bei Lieferanten, Routen und Energiequellen wird wahrscheinlich zu einem noch zentraleren Pfeiler der Energiestrategie werden. Dies könnte Investitionen in neue Pipeline-Korridore, die Entwicklung alternativer LNG-Lieferketten oder den Ausbau von Partnerschaften mit Produzenten außerhalb des Golfs bedeuten. Gleichzeitig könnte die Krise die Argumente für eine Beschleunigung der Energiewende hin zu erneuerbaren Energien stärken, weil diese einen besseren Schutz vor geopolitischen Schocks bieten.
Ob der Krieg letztendlich die Diversifizierung des Bezugs fossiler Brennstoffe verstärkt oder den Übergang zu sauberer Energie beschleunigt, bleibt offen. Sicher ist jedoch, dass der Konflikt bereits jetzt die Energiegeopolitik im Golf verändert und die Welt daran erinnert hat, dass Energiesicherheit untrennbar mit geopolitischer Stabilität verbunden ist.




