Jahr für Jahr werden ausgerechnet Bangladesch und andere Länder mit geringem CO2-Ausstoß durch den Klimawandel besonders stark in Mitleidenschaft gezogen. Sie müssen die schlimmsten Verluste und Schäden verkraften. Den anfälligsten Ländern droht eben die Realität, die der COP27-Klimagipfel in Scharm el-Scheich noch abwenden soll. Nach Angaben des in Bangladesch ansässigen Centre for Policy Dialogue (CPD) hat das Land durch Überflutungen jährlich einen durchschnittlichen Verlust von 2,2 Milliarden US-Dollar zu erwarten, das entspricht 1,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das Centre for Environmental and Geographic Information Services (CEGIS) schätzt, dass der Klimawandel in den letzten 40 Jahren in Bangladesch bereits Kosten von 12 Milliarden US-Dollar verursacht hat. Dadurch sinkt das BIP jährlich um 0,5 bis 1 Prozent; bis 2050 sind 2 Prozent prognostiziert. 

Rekordverdächtige Überschwemmungen durch schmelzende Gletscher und einen „Monster“-Monsun haben ein Drittel Pakistans unter Wasser gesetzt. Da sich der Monsun in Südasien durch die Klimakatastrophe verändert, werden verheerende Hochwasserereignisse immer wahrscheinlicher. Obwohl diese Region nur einen winzigen Teil der CO2-Emissionen verantwortet – im Falle Pakistans und Bangladeschs sind es weniger als 1 Prozent –, ist sie ein „Klima-Krisenherd“, wie jüngst nicht nur UN-Generalsekretär Antonio Guterres, sondern auch der Weltklimarat IPCC in seinem Bericht anmerkte. Daher erscheint es nur gerecht, wenn die reichen Verschmutzerstaaten den gefährdeten Ländern für die historische Ungerechtigkeit Klimareparationen zahlen. 

Der Klimawandel hat in Bangladesch in den letzten 40 Jahren bereits Kosten von 12 Milliarden US-Dollar verursacht. 

Als ich letztes Jahr zwei Wochen auf der COP26 in Glasgow verbrachte, hoffte ich, den besonders betroffenen Ländern positive Nachrichten mitbringen zu können. Leider war die Konferenz eine Enttäuschung für alle marginalisierten Menschen, denn ihre Stimme wurde auf dem Gipfel nicht gehört. Zwar nahm man uns, die Jugend, erstmals zumindest zur Kenntnis, doch nach dem Gipfel blieb uns nur das hilflose Gefühl, betrogen worden zu sein. Die leeren Versprechen des sogenannten Glasgow Climate Pact können unsere Länder nicht vor der globalen Klimakrise retten. Allerdings wurde der Anpassung an die Erderwärmung Priorität eingeräumt, und so richtete man auf der COP26 ein umfassendes zweijähriges Arbeitsprogramm zu Anpassungsfragen ein. Darin wird auch das neuartige Ziel formuliert, dass die Industriestaaten bis 2025 Anpassungsmaßnahmen in den schwächer entwickelten Ländern intensiver fördern sollen. 

Fachleute für Anpassungsmaßnahmen leisteten wichtige Beiträge, vor allem jedoch im Internet und vor den Türen der Verhandlungsräume. Die Covid-19-Pandemie und systemische Hürden machen es Menschen aus dem Globalen Süden schwer, sich in die Klimadiskussion einzubringen. Gerade diejenigen, die besonders benachteiligt und betroffen sind, müssen aber am COP-Prozess teilnehmen können.

Die COP26 war für alle marginalisierten Menschen eine Enttäuschung.

Denn Lösungen werden nicht nur in Konferenzsälen von Fachleuten, Unternehmensvertretern und Spitzenpolitikerinnen entwickelt, sondern sie kommen auch von unten. Die Ärmsten der Welt können mit ihrer enormen Resilienz und ihrem ortsbezogenen Wissen zur Krisenbewältigung beisteuern. Es ist eine Art learning by doing: Wir wissen nicht, welche Methoden funktionieren, aber wir müssen versuchen, uns anzupassen. Klimaresilienz kann die Welt nur von den besonders gefährdeten Ländern lernen. 

Die globale Katastrophe ist das Ergebnis eines fehlgeleiteten wirtschaftlichen Paradigmas, das geprägt ist durch Kapitalismus, europäischen Kolonialismus und die wachsende Dominanz mächtiger Männer. Zwar weiß die Weltgemeinschaft um die schlimmen Folgen der Erderwärmung und kennt praktikable Gegenmaßnahmen, doch handelt sie nicht schnell genug, um die Klimakrise zu bewältigen. Wir erleben alle dieselbe globale Katastrophe, aber wir sitzen nicht in einem Boot. Es ist, als wären wir, der Globale Süden, auf der Titanic, der Globale Norden dagegen in den Rettungsbooten. Millionen von Menschen ertrinken im eiskalten Wasser, weil die Reichen nicht teilen wollen, obwohl sie sich der Konsequenzen vollkommen bewusst sind. Sie können aber nicht einfach weiter ihren Geschäften nachgehen wie bisher und auf nichtssagenden Klimagipfeln Greenwashing betreiben.

Klimaresilienz kann die Welt nur von den besonders gefährdeten Ländern lernen. 

Die beispiellose Mobilisierung junger Menschen zum Beispiel in der Fridays for Future-Bewegung zeigt, wie mächtig die Jugend ist, wenn es darum geht, weltweit Entscheidungsträger in Klimafragen zur Verantwortung zu ziehen. Jugendgruppen demonstrieren ihre Handlungsfähigkeit, sie schaffen es, Klimafragen nicht nur auf die Straße, sondern auch in die Schlagzeilen zu befördern. Mit anderen jungen Leuten aus Bangladesch habe auch ich auf der Bühne der COP26 die Beteiligung junger Leute und die Umsetzung transformativer Maßnahmen für eine resiliente Zukunft eingefordert.

In meinem Land hält sich das Engagement von Kindern und Jugendlichen für Klimaschutzmaßnahmen in Grenzen. Dennoch leisten junge Menschen nicht nur in der Katastrophenbewältigung humanitäre Notfallhilfe, sondern sie rufen auch Initiativen für den Anpassungsprozess ins Leben. Gerade ist die zweite Präsidentschaftsperiode Bangladeschs im Climate Vulnerable Forum (CVF) zu Ende gegangen. Anders als Ghana, das vor der Übernahme seiner Präsidentschaft eine Jugendbotschafterin ernannte, verpasste Bangladesch die Gelegenheit, junge Menschen in das CVF einzubinden. Immerhin verpflichtete sich mein Land mit der Unterzeichnung der Children and Youth Declaration on Climate Action (UNICEF), die Jugend an der COP27 zu beteiligen. 

Bangladesch verfügt bereits über den langfristig angelegten Delta Plan (BDP 2100), der landesweit sämtliche Aktivitäten im Gangesdelta koordinieren soll – ein Geschenk und eine Schutzmaßnahme für künftige Generationen. Im Umsetzungsprozess wird die Jugend aber bedauerlicherweise vernachlässigt. Bangladesch betont die Einbindung junger Leute in die Jugendpolitik und den Anpassungsplan des Landes, doch erfolgreiche Maßnahmen zur Beteiligung von Kindern und Jugendlichen auf lokaler, nationaler und globaler Ebene lassen auf sich warten. Die Regierung hat es jungen Menschen bislang nicht ermöglicht, eigene Delegierte zu stellen und an Verhandlungsprozessen teilzunehmen.

Die Beteiligung junger Menschen am Klimaschutz ist ein unverzichtbares Element inklusiver Politik. 

Die Beteiligung junger Menschen am Klimaschutz ist ein unverzichtbares Element inklusiver Politik. Sie müssen in die Entscheidungsprozesse wie auch in die Umsetzung klimapolitischer Maßnahmen und Projekte eingebunden werden und auf allen Ebenen mit Ihresgleichen zusammenarbeiten können. Schon heute tragen sie ihren Teil bei, indem sie Diskussionen und Lobbyarbeit organisieren und eng mit wichtigen Ministerien und parlamentarischen Einrichtungen wie dem Climate Parliament Bangladesh kooperieren, damit mehr junge Leute für den aktiven Klimaschutz gewonnen werden können. Nun müssen die Regierung und andere Partnerinnen in der Entwicklungsarbeit tätig werden. 

Die kommende COP27 muss inklusiver werden. Ein guter Anfang ist die jährliche Pre-COP, zu der auch eine Jugendkonferenz und eine #AccountabilityCOP gehören. Im Vorfeld des Klimagipfels müssen allerdings mehr junge Leute in die nationalen Delegationen aufgenommen und ernsthaft in die subnationalen, nationalen und übernationalen Gespräche eingebunden werden. Mehr junge Leute besonders aus dem Globalen Süden sollten eingeladen und gefördert, Beobachterinnen sollte die aktive Teilnahme an den Verhandlungen ermöglicht werden.

Human Rights Watch bezeichnete die ägyptische Präsidentschaft der COP27 als „eklatant schlechte Wahl“.

Im Moment fürchten wir, die COP27 könnte noch schlimmer ausgehen als die COP26. Es wurde bereits eine Verlegung des Tagungsortes beantragt, weil in Ägypten die Bürgerrechte, das Recht auf freie Meinungsäußerung sowie die Vereinigungs- und Versammlungsfreiheit eingeschränkt sind und genderdiverse Menschen verfolgt werden. Human Rights Watch bezeichnete die ägyptische Präsidentschaft der COP27 als „eklatant schlechte Wahl“.

Im Vorfeld der COP27 werden wir jungen Leute unsere Agenda vorbringen und uns weiter dafür einsetzen, dass wirkungsvolle Ergebnisse erzielt werden. Wenn die Staats- und Regierungschefs der großen Staaten ihre Heuchelei aufgeben und stattdessen mehr investieren, kann die COP27 für gefährdete Länder einen Durchbruch in Sachen Klimagerechtigkeit bringen. Bei der Bewältigung dieser Katastrophe fordern wir Klimagerechtigkeit für alle Menschen überall – das ist das neue Menschenrechtsziel.

Aus dem Englischen von Anne Emmert