Eine der neusten Ideen im Kampf gegen die durch den Klimawandel zunehmende Anzahl von Naturkatastrophen wie Hurrikane, Überschwemmungen und Dürren sind „Klimarisikoversicherungen“. Staaten versichern sich dabei bei einer von ihnen selbst gegründeten privat-öffentlichen Versicherungsgesellschaft gegen die finanziellen Kosten von Naturkatastrophen.

Ähnlich einer normalen Versicherung zahlen Staaten einer Region eine jährliche Prämie an einen gemeinsamen Topf und erhalten dafür im Katastrophenfall eine vorher festgelegte Auszahlungssumme von dieser Versicherungsgesellschaft. Im Gegensatz zu einer normalen Versicherung gibt es jedoch keinen, der die tatsächlichen Kosten der Katastrophe vor Ort begutachtet und beziffert. Stattdessen werden die Kosten mit Hilfe von Wetterdaten am Computer hochgerechnet. Zu einer Auszahlung kommt es, wenn ein gewisser Schwellenwert – zum Beispiel eine gewisse Windgeschwindigkeit – überschritten wird. Vereinfacht gesagt: Messen mehrere, vorher festgelegte Wetterstationen beispielsweise in Jamaika eine Windgeschwindigkeit von mehr als 180 km/h, bekommt das Land zeitnah und ganz unbürokratisch eine vorher festgelegte Auszahlungssumme von der Versicherungsgesellschaft – unabhängig davon, wie groß der Schaden nun tatsächlich war, oder ob es überhaupt einen Schaden gab.

Selbstverständlich kann es sich bei der Auszahlungssumme auch um größere Beträge handeln. Dies gilt etwa dann, wenn ein „Jahrhundertsturm“ über die Karibik hinwegfegt und auf mehrere Karibikstaaten trifft. Um für eine solche regionale Megakatastrophe entsprechende Auszahlungssummen aufbringen zu können, haben die Versicherungsgesellschaften eine Rückversicherung abgeschlossen und komplexe Finanzmarktprodukte ausgegeben. Finanzinvestoren können diese Produkte, sogenannte Katastrophenanleihen und Wetterderivate, kaufen und damit auf zukünftige regionale Megakatastrophen bzw. deren nicht-Eintreten wetten. Im Katastrophenfall finanzieren sie die Ausgaben, im Ausleiben kriegen sie eine lukrative Dividende. Die Finanzmärkte fungieren in diesen komplexen Arrangements demnach als lender of last resort.

 

Musterbeispiele in Afrika und der Karibik

Die Bundesregierung will Klimarisikoversicherungen zu einem Thema des bevorstehenden G7-Gipfels im bayerischen Elmau machen und deren technische Fortentwicklung unterstützen. Mit der Caribbean Catastrophe Risk Insurance Facility (CCRIF) und der African Risk Capacity (ARC) gibt es bisher zwei Musterbeispiele. Die CCRIF gibt es seit 2007, sie bietet den Karibikstaaten einen Versicherungsschutz gegen Hurricanes, Überschwemmungen und Erdbeben an. Die ARC wurde 2014 gegründet und versichert die afrikanischen Staaten gegen Dürre. Sie schätzt die niederschlagsbedingten Ernteausfälle und errechnet die Kosten für ein staatliches Interventionsprogramm, um die ärmsten der Bevölkerung, zumeist Kleinbauern, mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Wird ein bestimmter Kostenpunkt erreicht, kommt es zur Auszahlung. Die CCRIF hat bereits 12 Auszahlungen gemacht, auch die ARC hat dieses Jahr an drei Staaten ausgezahlt. Beide Arrangements scheinen also zu funktionieren. Ein fader Beigeschmack bleibt dennoch – sei es auch nur, weil das alles so komplex ist und futurisch klingt.

Ein fader Beigeschmack bleibt dennoch – sei es auch nur, weil das alles so komplex ist und futurisch klingt.

Es wäre zu einfach, Klimarisikoversicherungen sofort als neues Spekulationsobjekt von Finanzmarktinvestoren moralisch zu verurteilen – obwohl sie dies durchaus sind. Die „Finanzialisierung“ der Katastrophenhilfe, bei der die Finanzierung der Katastrophenhilfe dem scheinbar freien Spiel von Angebot und Nachfrage im Finanzmarktsektor unterworfen wird, erscheint in Zeiten eines aus den Fugen geratenen Finanzmarktsystems nicht wünschenswert, genauso wenig wie die zweifelhafte Herausbildung eines grünen „Klimakapitalismus“. Die pragmatische Chance einer Klimarisikoversicherung jedoch liegt darin, dass sie Staaten des globalen Südens ermöglicht, an dringend benötigtes Kapital zu gelangen, um entsprechende Hilfs- und Wiederaufbaumaßnahmen möglichst schnell einzuleiten.

Nach aktuellen Schätzungen sind in Entwicklungs- und Schwellenländern bisher nur etwa 100 Millionen arme Menschen gegen klimabedingte Risiken versichert. Mit anderen Worten: Es gibt keinen funktionierenden privaten Versicherungsmarkt. Die Kosten für Hilfe- und Wiederaufbaumaßnahmen werden also, wenn überhaupt, zumeist vom Staat getragen und nicht vom privaten und global weitverzweigten Versicherungssektor. Die Bevölkerungen in Entwicklungs- und Schwellenländern sind also – viel mehr als hierzulande – von staatlichen Unterstützungsleistungen abhängig.

Die karibischen oder afrikanischen Staaten haben jedoch meistens keinen finanziellen Spielraum, um diese unterstützenden Hilfs- und Wiederaufbaumaßnahmen aus eigener Tasche zu finanzieren. Sie sind selbst in erster Linie auf externe Hilfsgelder und damit auf das Wohlwollen anderer angewiesen. Kommen diese Hilfsgelder nicht oder zu spät an – wie meistens der Fall – verzögert sich der Wiederaufbau. Dies hat langfriste ökonomische Konsequenzen und geht mit weitreichenden Wohlstandsverlusten einher: Wenn ich beispielsweise als Betreiber einer Schuhfabrik mein Geschäft nicht ordentlich ausüben kann, da mir die Gelder für die Reparatur meines Daches fehlen, sowie Straßen und Häfen nicht in Stand gesetzt sind, um meine Waren zu transportieren und an den Konsumenten zu bringen, habe ich weniger Einkommen und kann die Familie weniger finanzieren. Zugleich nimmt auch der Staat weniger Steuern ein und kann weniger staatliche Leistungen anbieten: Ein Teufelskreis. Bilaterale Hilfs- und Wiederaufbaumaßnahmen sind zudem oft zweckgebunden und erlauben den Empfängern der Hilfsgelder keine flexible Umschichtung, obwohl dies die Situation durchaus erfordern würde.

 

Geteilte Verantwortung

Ferner haben die karibischen oder afrikanischen Staaten aufgrund ihrer extremen Verschuldung keine Möglichkeit, sich Geld am Kapitalmarkt zu leihen. Die Zinsen sind schlichtweg nicht bezahlbar. Ein Schuldenerlass würde dem zwar möglicherweise entgegenwirken, aber auch hier haben sich die G7 und die internationalen Finanzinstitutionen wie die Weltbank bisher starr gezeigt. Angesichts des Mangels an Handlungsoptionen erscheint eine Klimarisikoversicherung da durchaus als bestes und probates Mittel.

Problematisch ist jedoch, dass die Staaten, die eine Klimarisikoversicherung abgeschlossen haben, die Kosten für die Versicherungsprämien zumeist selbst tragen. Somit sind die Staaten, die am wenigsten für den Klimawandel verantwortlich und zugleich am meisten betroffen sind, nun auch noch die Kostenträger. Dies hat wenig mit Klimagerechtigkeit zu tun und bedarf einer Korrektur.

Die Industriestaaten sollten sich daher durchaus am Aufbau dieser Klimaversicherungen in Form einer Kostenübernahme beteiligen – und so einen Teil ihrer Verantwortung für den Klimawandel tragen. Die Initiative der Bundesregierung, gemeinsam mit anderen G7-Staaten mehr Gelder für den Aufbau solcher Versicherungsmodelle bereit zu stellen, ist daher richtig. Finanzmärkte kann und darf man zurecht verteufeln. Man kann aber auch versuchen, sie für soziale Zwecke einzuspannen. Revolutionär ist das nicht, es ist klassische sozialdemokratische Politik. Alternativ kann, darf und sollte man durchaus die Vergabe von Hilfsgeldern überarbeiten. Hier besteht klarer Reformbedarf.