Wer hoffte, die Labour Party würde in nächster Zeit einen Draht zum britischen Volk finden, wurde enttäuscht, als Jeremy Corbyn an dem Septembertag, an dem er zum Parteichef gewählt wurde, die Labour-Hymne „The Red Flag“ anstimmte. Nachdem er sich mit dem Lied, das der breiteren Bevölkerung nichts bedeutet, ja für viele mit dem Schrecken des Totalitarismus verknüpft ist, von der Menge abgesetzt hatte, blieb er konsequent und verweigerte sich in der Kathedrale St. Paul’s im Gottesdienst zum Gedenken an die Luftschlacht um England der britischen Nationalhymne. Damit gab er der weit verbreiteten Vorstellung, Labour sei gewissermaßen antibritisch, weitere Nahrung. Ironischerweise ist ja sozialistische Politik eigentlich per se patriotisch, doch Labour hadert seit jeher mit diesem Konzept.

Corbyn ist ein anständiger Mensch und steht in der eigenwilligen britischen Labour-Tradition eines Michael Foot, eines Tony Benn und vielleicht auch eines Ed Milliband. Doch alle vier sind weltstädtische Intellektuelle, die nie verstehen konnten und wohl auch nie verstehen werden, warum so viele einfache Leute solch leidenschaftliche Gefühle mit ihrem Land verbinden. Da sie sich international orientieren, ist für sie Patriotismus etwas Unappetitliches, und das unterscheidet sie von ihren Wählerinnen und Wählern. Wie Nicola Sturgeon von der Schottischen Nationalpartei SNP und Nigel Farage von Ukip nimmt Corbyn kein Blatt vor den Mund, und das ist eine positive Eigenschaft. Er nimmt die Menschen für sich ein. Doch die breite Wählerschaft will mehr, ihr sind Lieder, Gesten und Symbole wichtig. Die Bildsprache von Labour geht an diesen Bedürfnissen völlig vorbei.

Eine entschiedene Haltung gegenüber multinationalen Konzernen und Banken, die Verstaatlichung und der Schutz von Schlüsselindustrien, eine progressive Besteuerung der Superreichen, Steuererleichterungen für die Bedürftigen, der Schutz des Sozialstaats, die Zusammenarbeit mit weltoffenen Gewerkschaften, die sich für die Rechte körperlich schwer arbeitender Menschen einsetzen, die Überwindung der Immobilienkrise, die Millionen ins Unglück gestürzt hat, die Unterstützung all jener schutzloser Menschen, die im Namen der „Austerität“ schikaniert werden, der Kampf gegen die „soziale Bereinigung“ und Gentrifizierung Londons – all das ist Patriotismus, wenn man unter einem Land seine Bürgerinnen und Bürger und seine Kultur versteht. Und das müsste doch schon fast ausreichen, jede einzelne Wahl zu gewinnen. Doch so hat das nie funktioniert.

Orwell: „England ist vielleicht das einzige große Land, dessen Intellektuelle sich ihrer Nationalität schämen. In linken Kreisen findet man es immer ein wenig peinlich, Engländer zu sein.“

Zum Teil liegt das an den Konservativen und der Unterstützung, die sie in den Medien erhalten. Doch die Schuld ist auch bei Labour zu suchen, besonders dem Element in der Partei, das mit Großbritannien im Allgemeinen und England im Besonderen nichts anzufangen weiß. George Orwell schrieb vor 75 Jahren in seinem klassischen Essay „Der Löwe und das Einhorn“: „England ist vielleicht das einzige große Land, dessen Intellektuelle sich ihrer Nationalität schämen. In linken Kreisen findet man es immer ein wenig peinlich, Engländer zu sein.“ Daran hat sich bis heute kaum etwas geändert.

Orwell fuhrt damals fort: „Von ihrer Ausrichtung her ist die englische Intelligentsia jedenfalls europäisiert. Sie bezieht ihre Küche aus Paris und ihre Ansichten aus Moskau. Im allgemeinen Patriotismus des Landes bildet sie eine Art Insel der Andersdenkenden.“

Vor einigen Jahren schilderte Martin Amis in seinem hervorragenden Buch „Koba der Schreckliche"die Weigerung dieser Gruppe, sich mit der sowjetischen Schreckensherrschaft auseinanderzusetzen. Der großstädtische intellektuelle Snobismus ist Teil eines älteren antienglischen Rassismus und reicht Jahrhunderte zurück bis zu den multinationalen Monarchen, die die einheimischen Bauern verachteten.

Patriotismus ist nicht dasselbe wie Nationalismus und sollte auch nicht über Krieg oder den Hass auf andere definiert werden. Patriotismus hat mit Identität und Kultur zu tun, gemeinsamen Bräuchen und Werten. Darüber hat sich die britische Gesellschaft entwickelt, im besten Sinne einer Großfamilie, die sie verbinden und Einheit stiften kann. Für die meisten Menschen hängt der Patriotismus gar nicht so sehr mit dem Staat zusammen, sondern er stellt eine historische Verbindung her. Patriotismus kann selektiv sein und Mythen erschaffen, ist aber allen Überzeugungen gemein. Man muss nicht einmal das Wort „Patriotismus“ bemühen. Es ist alles eine Frage der Interpretation und der Gewichtung. Man kann Patriotismus auch als eine Form des Lokalismus betrachten.

Patriotismus ist nicht dasselbe wie Nationalismus und sollte auch nicht über Krieg oder den Hass auf andere definiert werden.

Niemand möchte, dass seine Kultur ignoriert, beleidigt, abgetan wird. Vielleicht ist der Patriotismus in der breiten Bevölkerung stärker, weil dort die Kultur lebt und atmet, vielleicht kommt er im Alltäglichen eher vor als im Kunstmuseum. Hier ist die Bildung breiter und unmittelbarer, befreit von den Einschränkungen des universitären Auditoriums. Großbritannien ist ein besonderes Land. Warum sollten das die Briten nicht sagen und stolz darauf sein?

Die nationalistisch ausgerichtete SNP vertritt linke Werte und führt vor, was sich erreichen lässt, wenn man diese mit Vaterlandsliebe verbindet. Sie ist erfolgreich, dynamisch und hip, und sie rückt das Volk und die Kultur auf eine Weise in den Mittelpunkt, die in England nicht zulässig wäre. Doch auch hier lauern Gefahren, denn die SNP setzt sich nicht mit den Realitäten der EU auseinander, die faktisch das Konzept echter Unabhängigkeit ablehnt.

Was die SNP erreicht hat, ist enorm, doch der Aufstieg der rechtspopulistischen Ukip ist nicht weniger eindrucksvoll. Fast vier Millionen Britinnen und Briten gaben ihr bei der Parlamentswahl ihre Stimme. Diesen Erfolg hat Ukip, weil sie britisch und stolz ist, wenn auch ohne die linken innenpolitischen Inhalte der SNP. Dennoch hat sie in großer Zahl ehemalige Labour-Wähler aus der Arbeiterschicht an sich gebunden. Diese haben sich von Labour abgewandt, weil sie die Partei als abgehoben und elitär empfinden. Ukip begreift, dass Großbritannien erhalten bleiben und zuallererst die Kontrolle über seine Gesetzgebung wiedererlangen muss.

Seit Generationen behaupten die Tories, für Patrioten seien sie die richtige Wahl. Die Partei ist ganz groß, wenn es um theatralische Gesten geht. Dabei machte sie es erst möglich, dass die Reichen in Großbritannien und in der Welt auf Kosten des Volkes immer reicher wurden. Alles steht zum Verkauf. Die Konservativen wirtschaften das Land, das sie angeblich so lieben, herunter, präsentieren den Bürgerinnen und Bürgern die Rechnung für das Missmanagement der Banken und lassen es zu, dass Multimillionäre, die keine Ahnung haben, wie es ist, ohne einen Penny dazustehen und sich für wenig Geld abzurackern, in den vorderen Reihen des Parlaments Platz nehmen. Eine zügellose freie Marktwirtschaft kann nicht patriotisch sein, doch die Tories schwenken den Union Jack, den Labour ihnen sauber zusammengefaltet auf einem Tablett überreicht hat.

Eine zügellose freie Marktwirtschaft kann nicht patriotisch sein, doch die Tories schwenken den Union Jack, den Labour ihnen sauber zusammengefaltet auf einem Tablett überreicht hat.

Tony Blair erkannte das alles, doch nicht einmal er konnte es nachhaltig ändern. Nachdem Neil Kinnock die Richtung vorgegeben, die sozialdemokratische rote Rose eingeführt und den Einfluss der trotzkistischen Militant Tendency beendet hatte, ging Blair diesen Weg weiter und betonte die liberale Tradition des Landes ebenso wie seine starke Arbeitsethik. Das Ergebnis war eine „neue“ Labour Party, die die breite Bevölkerung erreichte und zum ersten Mal in Wahlen erdrutschartige Siege davon trug. Erreicht wurde das unter anderem, weil sich Labour zur Mitte hin bewegte, was notwendig war in einem Land, das die Extreme ablehnt. Dennoch wurden sozialistische Prinzipien umgesetzt, und alles in allem war es eine gute Zeit. Blair war Lokführer des Schnellzugs „Cool Britannia“, vielleicht eine künstliche Reproduktion der Sixties, jedoch eine, die hip war, eingewickelt in den Union Jack. Die Bevölkerung setzt ihre Nationalflagge nicht mit Sklaverei oder Empire gleich, sondern mit der Popkultur und mit dem Durchhalten im Zweiten Weltkrieg. In den Blair-Jahren lieferten Oasis, Blur und die Happy Mondays den Soundtrack für einen Remix aus freier Marktwirtschaft und sinnvollen Investitionen in den Sozialstaat. Dann ging es freilich bergab, und wenn Blair sich durchgesetzt hätte, wäre Großbritannien schon vor Jahren in der Euro-Zone untergegangen, denn wie Neil Kinnock verguckte er sich in die EU und hatte ein gutes Näschen für Karrierechancen. Eine Zeitlang aber verschwand der Mangel an Patriotismus, der Labour so lange angehaftet hatte, und die Partei war für viele wählbar.

In einem liberalen und toleranten Land wie Großbritannien verschmäht die Wählerschaft Labour von vornherein, weil sie bei ihr zu viel Intoleranz und Arroganz wahrnimmt. „Vielfalt“ ist der neue Fetisch der Medien und der politischen Klasse, dabei hat es Vielfalt immer gegeben, und sie ist sogar eine von Großbritanniens Stärken. Sie äußert sich in den vier Nationen des Vereinigten Königreichs, in unseren Metropolen und Kleinstädten, in den Stammeswurzeln und deren Geschichten, in den Festen und Traditionen, den Dialekten, der Musik, der Küche, den Rivalitäten und den vielen kulturellen Schrullen. Diese Vielfalt wurde nie getrennt und zerpflückt, denn die Zusammengehörigkeit galt als wichtig.

Als Orwell „Der Löwe und das Einhorn“ schrieb, führte Großbritannien einen Krieg gegen den Faschismus und setzte sich zeitweise allein gegen das Dritte Reich zur Wehr; darauf kann man sehr stolz sein. Die Punkband Cockney Rejects textete in einem ihrer bekanntesten Songs „The Power and the Glory“: „And the fat men sat in office blocks / Said ‚look, we won the war’ / And the tears we shed over our dead / Made us hate them all the more.“

Ein patriotischer Sozialismus vermittelt den Britinnen und Briten Stolz auf ihre Vorfahren und Geschichte und Wut auf das Establishment. Cock Sparrer, eine der wichtigsten britischen Punkbands, singen im Refrain ihres Songs „England Belongs to Me“: „No one can take away our memory / England belongs to me.“

Wenn Labour wieder Erfolg haben will, muss die Partei den Patriotismus der Menschen begreifen, die sie ansprechen und vertreten will, ja, die Politikerinnen und Politiker an der Parteispitze sollten diesen Patriotismus teilen.

Die englische Originalfassung dieses Artikels erschien im Januar 2016 in der britischen Zeitschrift New Statesman.