Die Anschläge von Paris haben weltweit zu einer Diskussion darüber geführt, ob die Linke die Gefahr des Islamismus richtig eingeschätzt hat. Michael Walzer, amerikanischer Moralphilosoph und Kommunitarismus-Theoretiker, hat diese Debatte allerdings schon vorher eröffnet.

Ende Dezember veröffentlichte er im renommierten US-Kulturmagazin Dissent einen Beitrag über die Haltung der Linken zum Islamismus. Darin wirft Walzer der Linken vor, die notwendige Auseinandersetzung mit dem Islamismus als Ideologie zu vermeiden. Die Ursache: Angst vor dem Vorwurf der „Islamophobie“ und eine verständliche aber letztlich unangebrachte Sympathie mit den anti-imperialistischen Agenden zahlreicher islamistischer Akteure – etwa in Bezug auf westliche militärische Interventionen in der Arabischen Welt.

Jetzt zunehmendes öffentliches Unbehagen mit dem Islamismus als Phänomen aber habe mit einer irrationalen „Phobie“ nichts zu tun: Die Angst vor Dschihadismus und der darin ausgesprochenen Bedrohung von „Andersgläubigen, Abweichlern, säkularen Liberalen, Sozialdemokraten und befreiten Frauen in weiten Teilen der Islamischen Welt“ sei, so Walzer, vielmehr „vollständig rational“. Walzers Kritik bezieht sich dabei übrigens dezidiert nicht nur auf Religion in ihrer islamischen Ausprägung. „Ich für meinen Teil, lebe mit einer ganz allgemeinen Furcht vor jeder Form der religiösen Militanz. Ich fürchte Hindutva Zeloten in Indien, messianische Zionisten in Israel und marodierende buddhistische Mönche in Myanmar. Aber ich gebe zu, dass ich mich am meisten vor islamistischen Zeloten fürchte”, erklärt Walzer. Weshalb? Weil die Islamische Welt heute „besonders fieberhaft und eifernd“ sei. Wohlgemerkt: Heute. „Nicht immer und nicht für immer.”

Die Linke aber habe die Auseinandersetzung mit dieser Tatsache bisher weitestgehend vermieden. Für sie handelt noch der radikalste ISIS-Kämpfer letztlich gewissermaßen als Verbrecher aus verlorener Ehre und aus Gründen der sozialen und/oder wirtschaftlichen Marginalisierung. Weshalb all diese – natürlich nicht rein imaginierte – soziale Ausgrenzung jedoch „nicht zu einer linken, sondern eben zu einer religiösen Mobilisierung“ führt, bleibt schleierhaft. Wenig zweideutig ist nur das Schweigen der Linken: „Kein einziges linksgerichtetes Magazin und keine Webseite hat sich bisher um eine ernsthafte Auseinandersetzung mit islamistischem Zelotentum bemüht“, kritisiert Walzer.

Um Walzers Artikel hat sich mittlerweile auf der Website von Dissent eine rege Debatte zwischen Walzer und Andrew F. March (Universität Yale) entwickelt, der auf Walzers Vorwürfe ragiert. Vieles deutet darauf hin, dass die diese Debatte noch lange nicht vorbei ist, sondern gerade erst anfängt. Zur Debatte gelangen Sie hier.

Wem das nicht reicht, findet hier noch zwei weitere Stimmen zu dieser Diskussion: Der bekennende Atheist Nick Cohen in Standpoint (kein linkes Magazin) zum „Great Betrayal: How Liberals Appease Islam" und Slavoj Zizek im (linken) New Statesman über den Anschlag auf Charlie Hebdo.