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Und jedem Ende wohnt ein Zauber inne
Foreign Affairs über China, ausgereizte Spielräume und Szenarien des Zusammenbruchs.

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Die neueste Ausgabe der Foreign Affairs widmet sich mit einem Länderschwerpunkt der Volksrepublik China. Warum gerade jetzt ein „China-Spezial“? Weil es Einiges zu diskutieren gibt. Erst im März hatte David Shambaugh, als renommierter China-Kenner ansonsten nicht für vorschnelle Untergangsprognosen bekannt, im Wall Street Journal den kommenden Zusammenbruch des chinesischen Regimes vorhergesagt.

Seitdem, so scheint es, wittern die Propheten des baldigen Untergangs der kommunistischen Ein-Parteienherrschaft die Chance, ihre seit Jahrzehnten falschen Prognosen erneut unter die Leute zu bringen. Doch langsam. Mit sieben Beiträgen vornehmlich chinesischer Autoren ist es gelungen, ein umfassendes Bild der aktuellen Situation in China zu zeichnen. Wesentliche Problemfelder werden erwartbar kompetent nachgezeichnet und analysiert: politische Reformvorhaben, Korruption und Anti-Korruptionskampange, demographischer Wandel, nationale Einheit & Identität, ethnische Konflikte und die zunehmend schwierige wirtschaftliche Lage. Das ist beileibe keine Kleinigkeit, zumal chinesische Autoren im westlichen Diskurs viel zu selten eine tragende Rolle spielen.

Doch nicht alles ist frei von Kassandrarufen. So orakelt etwa ein unter dem Pseudonym Youwei schreibender Autor, dass die bisherige Überlebensstrategie der Anpassung des autoritären Regimes an neue Begebenheiten nun an ihrem Endpunkt angelangt sei. Die Spielräume des Systems seien jetzt ausgereizt – notwendige Reformen nicht mehr umsetzbar. Dazu führt er die an diesem Punkt üblichen Szenarien des Zusammenbruchs an. Es geht also nicht um die Frage ob, sondern nur noch wie die KPCh ihre Macht verliert. Angesichts der belegbaren Wandlungs- und Anpassungsfähigkeit des eklektisch lernenden Regimes darf dieser Befund zumindest angezweifelt werden. Nicht angezweifelt werden darf hingegen die vielschichtige Problemlage in der Volksrepublik, die in den weiteren Beiträgen kompetent beschrieben wird.

Schwierig wird es, wenn es im Editorial heißt, Beijing habe nun fast alle der „Low-hanging fruits“ geerntet. So kann man die enorme Leistung, über 600 Millionen Menschen aus absoluter Armut zu befreien, natürlich auch kleinreden... Denn diese Einschätzung verkennt zumindest ein Stück weit die enorme Entwicklungsleistung, die die Volksrepublik in den vergangenen dreieinhalb Dekaden vollbracht hat.

Korrekt: Ein Resultat dieser Anstrengungen ist, dass die vormalige „Werkbank der Welt“ nun ihr Geschäftsmodell umstellen muss. Dass Volkswirtschaften an der Entwicklungsschwelle vom Niedriglohnland hin zum mittleren Einkommen große Hürden zu überwinden haben, ist als middle-income trap bekannt. Einer Partei, die sich über lange Jahre des zweistelligen Wachstums vornehmlich über die stetige Verbesserung des Lebensstandards legitimierte, kommt bei den aktuell abgesunkenen Wachstumszahlen natürlich unter Druck – speziell wenn Verlust von Arbeitsplätzen durch die Abwanderung arbeitsintensiver Industrien droht.

Einen Überblick über die Inhalte der Ausgabe finden Sie hier.


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