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Weltende?
Das Carnegie Endowment über eine nicht ganz unberechtigte Frage.

„Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut. Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen an Land, um dicke Dämme zu zerdrücken. Die meisten Menschen haben einen Schnupfen. Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.“ Jakob van Hoddis goss sein umfassendes expressionistisches Unbehagen über den Gang der Welt „im tiefsten Frieden“ (1911) in nur acht Zeilen. Heute liest man sie als Prophezeiung der Urkatastrophe. Denn: Recht sollte er bekanntlich haben – auch wenn in der Folge nicht die, sondern nur eine Welt unterging.

Heute sind wir alle ein bisschen van Hoddis. Deshalb ist es tröstlich, dass das Carnegie Endowment for International Peace nun gewissermaßen einen Hoddis-Realitätscheck erstellt hat. 100 Jahre zeitversetzt widmen sich die Autoren der zunehmend berechtigten Frage: „Is the World Falling Apart?“ Und: „Ist das Ausmaß des Chaos real, oder fühlt es sich einfach nur so an?“.

Der Beitrag stellt dabei nicht nur die richtige Frage, sondern beginnt auch mit einem richtig guten ersten Satz: „The world can be an awfully dangerous and unpredictable place.” Ja. Es folgt eine kurze aber kluge Tour durch das aktuelle Katastrophen-Potpourri: Carnegie-Experten bewerten das Kriegsrisiko in der Ukraine, das Chaos im Irak, Eskalationspotenziale im südchinesisches Meer, und das Drama des Arabischen Frühlings (insgesamt und die Gaza-Tragödie im Besonderen).

Bemerkenswert ist die eingangs vorgenommene Selbstvergewisserung: „None of the current flashpoints is undermining the overall international order”. Immerhin.

Als vorläufige Handlungsempfehlung an das Weiße Haus angesichts „all des internationalen Aufruhrs” bleibt ein Plädoyer überzeugend: „Washington needs to move away from the habit of configuring its foreign policy machinery for one big thing—we have to be equally adept, equipped, and prepared to put forward masterful strategic diplomacy in Asia; shrewd diplomatic, economic, and political responses to Russia; effective efforts to deal with the spread of jihadist actors in the Arab world and sub-Saharan Africa; and much else.” Klingt plausibel. Multi-Tasking also? „Hillary…?”

Empfehlungen an die Europäer gibt es übrigens keine. 

Den Beitrag „Is the World falling apart?“ von Thomas Carothers, Lina Khatib, Marwan Muasher, Douglas H. Paal und Andrew S. Weiss finden Sie hier.

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2 Leserbriefe

Dr.-Ing. Ernst Reichenbach schrieb am 26.08.2014
In ihrem netten interpretierenden Kommentar zu den Einschätzungen der Carnegie-Stiftung haben Sie im 4. Absatz eine Textmanipulation beim Zitieren vorgenommen, die im Kontext völlig überflüssig und der IPG unwürdig ist. Der vollständige Satz heißt: "None of the current flashpoints is undermining the overall international order yet they are all of considerable significance beyond the harm they are inflicting because they are manifestations of longer-term, deep-reaching trends in the international system." Das Wort "yet" hat hier nicht die von Ihnen unterstellte Bedeutung, sondern die von "however", "but", zu Deutsch "aber". Trotzdem vielen Dank für den Hinweis.
Redaktion schrieb am 26.08.2014
Sehr geehrter Herr Reichenbach,
vielen Dank für den Hinweis. Bei der Erstellung der Textexzerpte wurde versehentlich nur die Hälfte des Satzes erfasst. Der Fehler wurde behoben. Wir bitten um Entschuldigung.
Die Redaktion