Im 11 000-Einwohner-Städtchen Urbana im US-Bundesstaat Ohio stimmten bei den Präsidentschaftswahlen 2020 fast drei Viertel der Wahlberechtigten für Donald Trump. Hier ist die Journalistin Beth Macy aufgewachsen, die in ihren früheren Büchern die zunehmenden Brüche in der US-Gesellschaft anhand der Opioidkrise und der Folgen der Globalisierung dokumentiert hat. In ihrem neuen Buch Paper Girl kehrt sie nach Urbana zurück – in eine Stadt, die unter wirtschaftlichem Niedergang, schrumpfenden öffentlichen Mitteln, einem kollabierenden Schulsystem und dem Verschwinden des Lokaljournalismus leidet. Dies klingt wie eine Fortsetzung von J.D. Vance’ Hillbilly Elegy. Zufällig ist der heutige US-Vizepräsident nur eine Autostunde von Urbana entfernt aufgewachsen.

Aber anders als Vance, der die Schuld für den Niedergang seiner Heimatstadt bei deren Einwohnern sucht, begegnet Macy dem Urbana des Jahres 2023 unvoreingenommen. Sie will verstehen, was passiert ist. Dabei konzentriert sie sich weniger auf die Gründe für den Verfall als vielmehr auf die Frage, warum die Menschen – selbst enge Familienangehörige – nicht mehr miteinander sprechen. Wie kommt es, dass Amerikaner, die unterschiedlicher Meinung sind, nicht einmal in der Lage sind, eine Sprache zu finden, in der sie miteinander reden können? Um das herauszufinden, versucht Macy etwas scheinbar Einfaches, das sich als äußerst bedeutsam erweist: mit Menschen zu sprechen, die sie kennt, auch wenn diese in einer anderen Realität zu leben scheinen, und dabei Gemeinsames zu finden.

Sie besucht Familienangehörige und alte Freunde, von denen einige ihre Weltanschauung teilen, und – was wichtiger ist – auch andere, die die Dinge ganz anders sehen als sie selbst. Als während eines Gesprächs mit ihrer Schwester Cookie – die glaubt, dass die Wahlen von 2020 manipuliert worden seien – Macys homosexueller Sohn zur Sprache kommt, zitiert Cookie aus der Bibel: Ein Mann soll „nicht bei einem Mann liegen wie bei einer Frau; es ist ein Gräuel“. Daraufhin erklärt Macy ihr, dass sie keine Einladung zur Hochzeit ihres Sohnes erhalten werde. Bei dem Bemühen, ein Klassentreffen von Macys Abschlussklasse an der Highschool zu organisieren, eskalieren die während Trumps erster Amtszeit entstandenen Spannungen. Einer der Organisatoren zieht sich nach einer Morddrohung zurück und Macy schreibt: „Freundschaften, die sich im Laufe von 60 Jahren entwickelten, gingen auseinander. Auch einige meiner ältesten Freundschaften schienen kurz davor, zu zerbrechen.“

Wie kommt es, dass Amerikaner, die unterschiedlicher Meinung sind, nicht einmal in der Lage sind, eine Sprache zu finden, in der sie miteinander reden können?

Macys ist jedoch nicht nur von denen enttäuscht, mit denen sie politisch nicht einer Meinung ist. Auf einem Weihnachtsfest schimpft ihre Schwägerin, eine Yale-Absolventin und Dichterin, über Macys Geschwister, die alle Trump gewählt hatten. Sie erklärt Macy: „Deine Leute wollen nicht, dass es meine Leute überhaupt gibt.“ Macy denkt über diesen Vorwurf nach und schreibt: „Wie könnte ich meine Angehörigen nicht lieben, die sich um meine demenzkranke Mutter kümmerten, als ich sieben Stunden entfernt wohnte? Dazu gehören auch mein Schwager John, der mich zwar als ‚erbärmlich‘ bezeichnet, aber doch jeden zweiten Tag den Fernseher meiner Mutter einstellt, oder meine Schwester, die meine Mutter zu jedem Arzttermin begleitet.“ Macy antwortet ihrer Schwägerin: „Meine Leute hassen deine Leute nicht; sie kennen deine Leute nicht einmal.“ In Paper Girl macht Macy etwas, was in den meisten Meinungsartikeln und Beiträgen in den sozialen Medien nicht einmal ansatzweise passiert: Macy verlässt ihre Blase.

Einige Wochen nach Trumps erster Amtseinführung 2017 führte ich bei einer Veranstaltung des Fachbereichs Politik an der University of Chicago ein Gespräch mit J.D. Vance. Es fällt mir schwer, den besonnenen Menschen von damals mit der durch und durch rachsüchtigen und höhnischen Person von heute in Einklang zu bringen. Als Vance seinerzeit an Trumps hasserfüllter Rhetorik verzweifelte, sprach er darüber, dass die Amerikaner „unfähig sind, in ihren Gesprächen ideologische Grenzen zu überwinden“. Er verwies auf die „massive geografische Chancenungleichheit“ im Land und äußerte, dass „es wirklich schwierig ist, mit jemandem mitzufühlen, den man gar nicht kennt“. Macy beschwört dieses Mitgefühl aktiv herauf, als sie versucht, wieder engeren Kontakt mit denen herzustellen, die sie als „ihre Leute“ erachtet. Sie sagt, sie wolle diese Menschen „nicht abschreiben“ und genauso wenig wolle sie von ihnen abgeschrieben werden.

Eine von Macys Erkenntnissen, die am meisten nachhallen, betrifft die Vereinsamung so vieler Menschen in Urbana. Die Einwohner der Stadt seien nicht nur vom Rest des Landes entfremdet, sondern auch von ihren eigenen Nachbarn. Sie stellt fest, dass zur Mitte des Schuljahres 27 Prozent der Schüler in dem Bezirk als „chronisch abwesend“ galten, obwohl die Schule eine der wichtigsten Einrichtungen sei, in der sie Gemeinschaft finden könnten. In den letzten sechs Jahren habe sich in Urbana die Zahl der Kinder verdoppelt, die zuhause unterrichtet werden. Ermöglicht wurde dies vor allem durch ein 2023 vom Bundesstaat Ohio erlassenes Gesetz, aus dem einige Regelungen für den Heimunterricht gestrichen wurden: Die Hauslehrer müssen der Schulaufsicht des Bezirks nicht länger die Lehrpläne vorlegen. Zudem hat die Schulbehörde der LifeWise Academy, einem religiösen Bildungsträger, die Erlaubnis erteilt, an Urbanas Schulen aktiv zu werden. Kürzlich nahm LifeWise 55 Erst- und Zweitklässler aus dem Unterricht und brachte sie in Bussen zu einer nahegelegenen Kirche, wo sie „Charakter-Erziehung auf Grundlage der Bibel“ erhielten. An dieser Stelle zitiert Macy den Philosophen Kenneth Conklin: „Die einfachste Art und Weise, eine Gesellschaft ohne Gewaltanwendung langfristig auseinanderzubrechen, ist die Schaffung getrennter Bildungssysteme.“

Dazu kommt, dass die Gemeinde fast keine zuverlässigen lokalen Informationsquellen mehr hat. Die Tageszeitung Urbana Daily Citizen erscheint jetzt nur noch zweimal die Woche und wird von zwei Redaktionsmitgliedern produziert. Eine Gruppe von Journalisten gründete die Online-Zeitung Ohio Capital Journal. Allerdings schreibt Macy dazu: „Außer meinem früheren Chefredakteur hat in Urbana niemand jemals davon gehört.“ Ohne den Zusammenhalt durch einen gemeinsamen Schulbesuch oder das Gefühl der Einheit, das sich durch eine gemeinsame Informationsquelle entwickelt, ist es kein Wunder, dass sich die Menschen voneinander entfernen oder voneinander entfernt werden.

In einer Zeit, in der viele Menschen den Kontakt zu Familie und Freunden abbrechen, fordert Macy ihre Leserschaft dazu auf, miteinander zu reden, einander zuzuhören.

Im Mittelpunkt von Paper Girl steht die bewegende Geschichte eines jungen Mannes, Silas James, der der jungen Macy in vieler Hinsicht ähnelt. Als Macy aufwuchs, arbeitete ihre Mutter in einer Fabrik, und ihr Vater war ein stadtbekannter Trinker. Die Familie hatte chronische Geldprobleme, und Macy begann schon in der siebten Klasse, Zeitungen auszutragen, um etwas dazuzuverdienen – ihre Kunden nannten sie „paper girl“.

Wie Macy ist auch Silas intelligent, ehrgeizig und stammt aus einer armen Familie. Doch Macy ist erschüttert, wie viel härter Silas’ Leben ist, als ihres es damals war – und das nicht nur, weil er trans ist. Noch während seiner Highschool-Zeit stirbt sein Vater, der an mehreren Krankheiten litt, an einer Methadon-Überdosis, und seine Mutter sitzt wegen Drogendelikten im Gefängnis. Silas ist obdachlos und gezwungen, mal hier, mal dort auf dem Sofa von Freunden zu schlafen. „Das ist eine Realität, die ich mir vor 40 Jahren in Urbana nicht hätte vorstellen können. Damals kannte ich keine Obdachlosen und schon gar niemanden, der einen Elternteil durch eine Überdosis verloren hatte“, schreibt Macy. Gleichzeitig bestätigt Silas’ Geschichte die Annahme, dass Menschen ihre Vorurteile eher hinterfragen, wenn sie jemanden persönlich kennen. Zehn Jahre zuvor hatte die Stadt die Memorial Day-Parade abgesagt, weil sie keinen LGBTQ-Festwagen zulassen wollte. Doch als Silas kurz vor seinem Schulabschluss steht und der Schulleitung mitteilt, dass er sich weigert, zur Abschlussfeier ein Kleid zu tragen, reagiert der Schulleiter – der Silas inzwischen kennengelernt hat – mit den Worten: „Ich werde dich nicht dazu zwingen.“ Als Leser erfährt man zudem, dass die Eltern von Silas’ Freund ihre Kirchengemeinde verlassen, weil diese Homosexualität ablehnt, und sich einer offeneren Gemeinde anschließen.

Macys Buch wirkt unter anderem deshalb so einzigartig, weil sie ihre Gesprächspartner kennt. Zu vielen von ihnen hat sie tiefe, langjährige Bindungen und man spürt, wie sehr ihr das zu schaffen macht. In einer Zeit, in der viele Menschen den Kontakt zu Familie und Freunden abbrechen, fordert Macy ihre Leserschaft dazu auf, miteinander zu reden, einander zuzuhören und ihre Beziehungen so gut wie möglich aufrechtzuerhalten. Aber auch sie räumt ein, dass das nicht immer leicht ist. Während ihres Aufenthalts in Urbana nimmt sie Kontakt zu einem Ex-Freund von damals auf, der als 20-Jähriger ein politisch progressiver Freigeist war. Desillusioniert von den US-Demokraten und einem Großteil der Medien ist er Macy zufolge jetzt ein „begeisterter Anhänger Wladimir Putins“ und „fasziniert“ von den Verschwörungsmythen der QAnon-Bewegung.

Macy gibt zu, dass in einigen seiner Beschwerden auch „eine Portion Wahrheit“ steckt. Beispielsweise kritisiere er Präsident Barack Obama, sein Versprechen gebrochen zu haben, die Insolvenzgesetze zu ändern, um während der Finanzkrise von 2008 überschuldeten Hausbesitzern zu helfen, gleichzeitig aber große Banken und Autohersteller gerettet habe. Aber die Wut ihres Ex-Freundes stellt alles andere in den Schatten. Eines Tages schreibt er ihr in einer E-Mail: „Ihr belügt die Menschen immer weiter, aber Tag für Tag lassen sich weniger Menschen von euren Tatsachenverdrehungen täuschen. (...) Einige Amerikaner könnt ihr noch täuschen, aber der Rest der Welt sieht euch so, wie ihr wirklich seid. (...) Ihr seid verdammte Lügner. Da kann ich nicht mehr freundlich bleiben“. Macy bricht den Kontakt ab.

Viele von Macys Interaktionen sind ein Wechselspiel von Druck und Loslassen. Sie sagt ehrlich, was sie denkt, und weiß doch, wann sie sich zurückhalten muss. Menschliche Bindungen, ganz zu schweigen von Überzeugungsarbeit, sind selten das Ergebnis einzelner Gespräche, sondern die Arbeit von Monaten oder Jahren, vielleicht sogar eines ganzen Lebens. Manchmal muss man auch aus sich herausgehen und mit Fremden sprechen. Ich denke immer noch über die Worte von James Baldwin nach, die Macy zitiert: „Die Welt verändert sich je nach der Art und Weise, wie die Menschen sie sehen, und wenn man die Art und Weise verändert, wie eine Person oder wie die Menschen die Realität betrachten, und sei es auch nur um einen Millimeter, dann kann man die Welt verändern.“

© The Atlantic

Aus dem Amerikanischen von Ina Goertz