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Fabrikunglück in Bangladesch: "Auch Schnäppchen haben ihren Preis..."

Fünf Fragen an den DGB-Vorsitzenden Michael Sommer

Vor einem Jahr kam es in der Textilfabrik Rana Plaza in Dhaka zur Katastrophe: 1135 Menschen verloren ihr Leben. Sie haben Anfang des Monats Textilfabriken in Bangladesch besucht. Welche Eindrücke haben Sie mit zurückgebracht? Ist das Unglück noch präsent?

Das Unglück ist auf jeden Fall präsent, gerade wegen des anstehenden Jahrestages. Leider ist es ja oft so, dass Menschen erst dann gegen Missstände vorgehen, wenn etwas Schlimmes passiert ist. So ist es auch in Bangladesch. Durch Rana Plaza hat sich ein „Window of opportunities“, ein „Fenster der Gelegenheiten“ geöffnet. Die Weltöffentlichkeit blickt wegen Rana Plaza auf Bangladesch und setzt damit die Regierung und die Arbeitgeber unter Handlungsdruck. Darum ist es so wichtig, dass jetzt gehandelt wird, denn das Fenster bleibt nicht ewig geöffnet. Den tiefsten Eindruck hat bei mir die Begegnung mit Opfern und Hinterbliebenen der Tragödien von Tazreen und Rana Plaza hinterlassen. Ich bin dankbar für den rührenden und herzlichen Empfang, den uns die Frauen bereitet haben, die so viel Leid und Trauer ertragen müssen.

Die Regierung in Dhaka, Unternehmen und auch die ILO sind mittlerweile tätig geworden. Was hat sich bislang konkret getan?

Seit Rana Plaza stehen Regierung und Unternehmen in Bangladesch unter Druck. Das ist auch gut so, weil viel zu lange nichts geschehen ist, um die Arbeitsbedingungen für die Textilarbeiterinnen auf ein angemessenes Niveau zu bringen. Die ILO hat Bangladesch in Programme aufgenommen, um die Arbeitsplätze sicherer zu machen. Aber weiterhin sind die Regierung und das Parlament gefordert, für ein besseres Gewerkschaftsrecht im Land zu sorgen. Das habe ich sowohl der Premierministerin als auch dem Arbeitsminister im persönlichen Gespräch gesagt.

Es ist nicht hinnehmbar, wenn westliche Unternehmen so tun, als ginge es sie nichts an, was in den Fabriken ihrer Lieferanten passiert. Sie sind mitverantwortlich und dazu sollen sie sich bekennen.

Derzeit konkurrieren zwei Modelle zur Einführung von Sicherheitsstandards: Der "ACCORD" von vor allem europäischen Unternehmen, IndustriALL und UNI und das vor allem von US-Unternehmen getragene Gegenmodell der "Alliance". Wo sehen Sie die Stärken und Schwächen?

Die Stärke des ACCORD liegt eindeutig in seiner Rechtsverbindlichkeit. Es ist das erste internationale Abkommen in dieser Form. Die Instrumente, wie die Festlegung von Sicherheitsstandards für Gebäude- und Brandschutz, die Kontrolle der Unternehmen und die Schulung von Experten sind gut durchdachte Schritte. Die Kontrollen haben nun begonnen und offenbaren den erheblichen Bedarf an Verbesserungen bei  Gebäude- und Brandschutz. Der vom ACCORD gesetzte Standard soll auch auf die Alliance-Firmen angewandt werden. Nur fehlen der Alliance die verbindlichen Sanktionsmechanismen. Die Alliance ist nun mal eine mehr oder weniger freiwillige Absichtserklärung. Aber auch beim ACCORD ist noch viel zu tun. Sein Erfolg hängt auch von der gewerkschaftlichen Präsenz in der Branche ab. Und hier stehen unserer Kolleginnen und Kollegen in Bangladesch vor einer großen Herausforderung, bei der sie die Hilfe der internationalen Gewerkschaftsbewegung brauchen.

Gewerkschaften können sich in Bangladesch erst seit 2013 wirklich frei organisieren. Welche Rolle haben Gewerkschaften bei der Lösung der Probleme? Was muss geschehen, damit sie die Rechte der Arbeiter wirklich durchsetzen können?

Zuerst einmal muss die Bildung von Gewerkschaften erleichtert werden. Derzeit muss man mindestens 30 Prozent der Belegschaft hinter sich haben, wenn man sich in einem Betrieb gewerkschaftlich organisieren will. Diese Hürde ist viel zu hoch. Eine Lösung der Probleme ohne die Gewerkschaften ist undenkbar. Ich habe bei meinen Gesprächen in Bangladesch – mit der Regierung, den Arbeitgebern und den Gewerkschaften – immer wieder dafür geworben, den Dialog zu suchen. Natürlich gibt es Interessengegensätze, die manchmal auch in Arbeitskämpfen ausgetragen werden müssen. Aber am Ende muss man sich dann doch wieder an einen Tisch setzen und miteinander sprechen, wenn man etwas erreichen will. Ohne Kompromisse geht es nicht. Internationale Unterstützung der Gewerkschaften ist deshalb von immenser Bedeutung. Sozialpartnerschaft, wie wir sie kennen, entsteht nicht von heute auf morgen. Dafür muss Vertrauen aufgebaut werden und dazu dient zum Beispiel der runde Tisch des Bangladesh Institute of Labour Studies (BILS) und der FES, der einen regelmäßigen sozialen Dialog etablieren soll.

Deutschland importiert 17 Prozent der Bekleidungsstücke aus Bangladesch. Und auch im Land bleibt die Textilbranche eine Schlüsselindustrie. Was können Unternehmen und Konsumenten tun, um die Lage vor Ort zu verbessern?

Es ist nicht hinnehmbar, wenn westliche Unternehmen so tun, als ginge es sie nichts an, was in den Fabriken ihrer Lieferanten passiert. Es geht sie sehr wohl etwas an. Sie sind mitverantwortlich und dazu sollen sie sich bekennen. Die soziale Verantwortung eines Unternehmens offenbart sich nicht in Hochglanzbroschüren über Corporate Social Responsibility, sondern im praktischen Handeln. Die Arbeitsbedingungen, der Arbeitsschutz und die Bezahlung in Bangladesch müssen sich deutlich verbessern und daran müssen sich auch die westlichen Firmen messen lassen. Was die Konsumenten betrifft: Ich halte nicht viel von Boykottmaßnahmen, die am Ende vor allem die Beschäftigten der Textilindustrie in Bangladesch treffen. Wir sollten uns als Konsumenten aber bewusst sein, dass immer irgendjemand den Preis für unsere Schnäppchenkäufe zahlt – sei es in Bangladesch oder anderswo.

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