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Der Weltklimarat macht deutlich: Bis hierhin und nicht weiter.

AFP
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Erreichen wir das 1,5-Grad-Ziel nicht, kommen wir an einen gefährlichen Punkt.

Der Weltklimarat (IPCC) hat einen Sonderbericht zum 1,5-Grad-Ziel vorgelegt. Noch 2014 hatte der IPCC Zahlen veröffentlicht, nach denen es kaum noch möglich schien, die Erderwärmung möglichst auf 1,5 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen. Der neue Bericht schätzt die Perspektiven nun positiver ein. Ist die Lage also doch nicht so dramatisch?

Die Lage ist durchaus dramatisch. Der IPCC hat seine Prognosen zum verbleibenden CO2-Budget im Vergleich zu 2014 zwar nach oben korrigiert. Die Menschheit hat demnach noch etwas mehr Zeit, bis dieses Budget ausgeschöpft ist. Aber das bedeutet keineswegs, dass wir uns zurücklehnen können. Technisch und physikalisch ist es möglich, die globale Erderwärmung auf 1,5 Grad zu beschränken – und der Bericht spricht auch ganz konkret von den damit einhergehenden Vorteilen für Menschen und Ökosystem. Er macht aber auch sehr deutlich, dass schnelle, extrem weitreichende und beispiellose Veränderungen notwendig sind. Eine Dekarbonisierung des Stromsektors allein wird nicht ausreichen. Wir müssen uns auch der Landwirtschaft, dem Städtebau, der Industrie, dem Verkehrs- und dem Bausektor widmen. Wir haben dafür nicht mehr viel Zeit, denn die Erde hat sich bereits um 1 Grad erwärmt – und wir sehen bereits die katastrophalen Konsequenzen.

Was ist die zentrale Botschaft des Berichts?

Die wichtigste Botschaft ist wohl, dass das 1,5-Grad-Ziel erreichbar ist, dass aber massivste und sofortige Anstrengungen notwendig sind. Es macht sehr wohl einen Unterschied, ob die Welt das 2-Grad-Ziel oder das 1,5-Grad-Ziel in den Blick nimmt. Der Meeresspiegel würde zehn Zentimeter weniger steigen, Permafrostböden würden nicht so stark auftauen und damit viel weniger klimaschädliches Methan freisetzen. Teile der für unser Ökosystem so wichtigen Korallenriffe könnten erhalten werden. Die weltweiten Fischbestände würden nicht so stark zurückgehen und extreme Wetterereignisse würden weniger häufig auftreten und weniger intensiv ausfallen. Ganz allgemein gesprochen könnten die Folgen des Klimawandels so zumindest für die Menschheit beherrschbar bleiben.

Auf welchen Gebieten sieht der IPCC den größten Handlungsbedarf?

Treffen wir das 1,5-Grad-Ziel nicht, so nähern wir uns einem gefährlichen Punkt. Klimaveränderungen könnten unumkehrbar werden. Die C02-Emissionen müssen unbedingt schnell sinken, bis 2050 auf „Netto null“. Ein „business as usual“ ist vollkommen ausgeschlossen. Der Sonderbericht macht konkrete Vorschläge, wie man dieses Ziel erreichen kann. Wichtig sind der Umbau der globalen Energiesysteme auf Basis erneuerbarer Energien, eine drastische Reduktion der Nutzung fossiler Brennstoffe wie Kohle und die Transformation der Industrie.

Im Bericht ist auch von negativen Emissionen die Rede, die in Zukunft bedeutsam für den Kampf gegen den Klimawandel sein werden. Was ist damit gemeint?

Negativemissionen sind ein Aspekt in der Debatte um das 1,5-Grad-Ziel, der zwingend stärker diskutiert werden muss. Im Kern handelt es sich dabei um Verfahren, die der Atmosphäre durch technische Lösungen mehr CO2 entziehen als emittiert wird. Das klingt zunächst positiv, weil es den Eindruck erweckt, dass man der globalen Erderwärmung mit Technik und Innovation allein begegnen kann. Dem ist aber nicht so. Bei den aktuell vorhandenen Möglichkeiten handelt es sich eher um „falsche Freunde“. Bislang wird nur sporadisch und in einigen wenigen Pilotprojekten negativ emittiert – und hier meist zu sehr hohen Kosten und ohne eine wirkliche Analyse der möglichen Folgen oder der tatsächlichen Effizienz. Konkret heißt das, dass diese Hoffnungen auf Technologien basieren, die es noch gar nicht gibt und deren Auswirkungen für Mensch und Natur vollkommen unklar sind. Es ist gefährlich zu glauben, dass wir nichts ändern müssen und einfach so weitermachen können wie bisher. Dem Geoengineering, also dem technischen Eingriff in unser Erdsystem im Kampf gegen den Klimawandel, sollten wir aus meiner Sicht eine Absage erteilen.

Im Dezember steht im polnischen Kattowitz die nächste UN-Klimakonferenz an. Dort soll ein Regelbuch für das Paris-Abkommen verabschiedet werden. Welche Rolle spielt der IPCC-Bericht für diesen Gipfel?  

Der Bericht spielt eine sehr große Rolle. Denn es wird nicht nur um die wichtige Aufgabe der Verabschiedung eines Regelwerks zur Umsetzung des Pariser Klimaabkommens und die Klärung zahlreicher Fragen im Bereich der Klimafinanzierung gehen. Die COP 24 in Kattowitz muss auch größere Ambitionen im globalen Klimaschutz zeigen, um als erfolgreich gelten zu können. Die vorliegenden nationalen Klimaschutzbeiträge der Staaten reichen weder aus, um das 2-Grad-Ziel zu erreichen noch um überhaupt über das 1,5 Grad Ziel nachzudenken. Betrachtet man alle aktuellen Vorschläge, so befinden wir uns gerade eher auf einem Erwärmungspfad von 3-4 Grad – mit den entsprechenden verheerenden Konsequenzen für Millionen von Menschen und unsere Umwelt.

Und hier könnte durch den Bericht Druck aufgebaut werden?

Die nationalen Beiträge müssen dringend ambitionierter werden. Die Botschaften des IPCC Berichts sind dafür sehr gut geeignet, denn sie weisen einerseits darauf hin, dass das 1,5-Grad-Ziel durchaus machbar ist. Sie unterstreichen aber auch die Tatsache, dass viel mehr getan werden muss und dass wir dabei unter sehr großem Zeitdruck stehen. Ein Vertagen der Probleme ist somit nicht mehr möglich. Das erzeugt Handlungsdruck, der meiner Einschätzung nach einen großen Einfluss auf die Verhandlungen im Dezember in Kattowitz haben kann. Zudem stärkt er natürlich auch zivilgesellschaftliche Akteure, die die im Bericht empfohlenen Veränderungen schon seit langem fordern.  

Die Klimapolitik der Bundesregierung ist zuletzt stark in die Kritik geraten. Welche Empfehlungen lassen sich aus dem IPCC-Bericht für die deutsche Energie- und Klimapolitik ableiten?

Gemessen an den im Bericht dargelegten Informationen sind die kommenden Jahre vielleicht die wichtigsten in der Geschichte der Menschheit. Aktuell ist die Lücke zwischen dem Wissen, was notwendig und machbar ist, und konkreten Handlungen weltweit leider noch groß. Die Schlussfolgerungen des Berichts schicken ein klares Signal an die Regierungen dieser Erde: wir brauchen eine konsequente Energie-, Verkehrs- und Agrarwende. Das gilt natürlich auch für Deutschland und die Europäische Union. Deren mittelfristige Klimaziele müssen auf jeden Fall ambitionierter werden.

Was bedeutet das konkret?

In der Kommission „Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung“ sollte mit Blick auf den Sonderbericht ein möglichst früher und sozial verträglicher Kohleausstieg diskutiert werden. Dieser Rohstoff weist laut IPCC in einem 1,5-Grad-Szenario den steilsten Reduktionspfad auf. Aber nicht nur Regierungen werden vom IPCC-Bericht angesprochen. Auch wir Bürgerinnen und Bürger in einem reichen Industrieland wie Deutschland müssen etwas ändern, indem wir zum Beispiel unser Konsumverhalten und unsere Essgewohnheiten anpassen. Ein effektiver Klimaschutz ist aber nicht nur gut für uns und unsere Umwelt. Auch soziale Gerechtigkeit und reduzierte Ungleichheit sind zentrale Aspekte einer klimagerechten Zukunft. Packen wir es an.  

 

Die Fragen stellte Claudia Detsch.

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