Als die Krisen in Syrien, Venezuela und Iran ausbrachen, war zunächst unklar, wie ihre Partner, insbesondere Russland, reagieren würden. Moskau unterhält zu diesen Ländern strategische Beziehungen. Aber folgt daraus zwangsläufig eine Verpflichtung, bei internen oder externen Bedrohungen militärisch zu intervenieren? Viele Kommentare bejahten diese Frage, stellten Russland aber als unzuverlässigen Schutzherrn dar – entweder unwillig oder unfähig, seine Partner zu verteidigen. Für einige gilt Russland sogar als geopolitischer Verlierer.

Der Sturz langjähriger Verbündeter wie Baschar al-Assads in Syrien oder Nicolás Maduros in Venezuela sowie der zunehmende Druck der USA auf Kuba und die Angriffe der USA und Israels gegen Iran haben diese Wahrnehmung verstärkt. Die Schlussfolgerung lautet, dass Russland seinen Freunden nicht zur Seite steht und im gesamten Globalen Süden, von Lateinamerika bis Afrika, an Ansehen verliert.

Russland verfolgt einen hybriden Ansatz, der politische Unterstützung mit einer langfristigen Positionierung verbindet.

Diese Lesart ist jedoch analytisch verkürzt. Sie verwechselt das Ausbleiben militärischer Interventionen mit strategischem Versagen und hält Zurückhaltung für Schwäche. Eine genauere Betrachtung zeigt ein Muster: Russland verfolgt einen hybriden Ansatz, der politische Unterstützung mit einer langfristigen Positionierung verbindet. Anstatt sich kostspielig und potenziell unbefristet militärisch zu binden, versucht Moskau, seine Standbeine zu bewahren und relevant zu bleiben, selbst wenn verbündete Regierungen schwächeln oder zusammenbrechen. In einer geopolitischen Landschaft, die zunehmend im Fluss ist, ermöglicht dies Russland, Rückschläge zumindest teilweise abzufedern und sich gleichzeitig im Globalen Süden neu zu positionieren.

Dieser Ansatz steht im Einklang mit Russlands umfassenderer strategischer Neuausrichtung: Das außenpolitische Konzept von 2023 und seine Umsetzung zeigen eine vertiefte Zusammenarbeit mit Asien, Afrika, Lateinamerika und dem gesamten Globalen Süden, die Teil einer sich abzeichnenden multipolaren Ordnung sind.

Russlands Intervention im Jahr 2015 war entscheidend für die Verteidigung des Assad-Regimes.

Für viele ist Syrien der deutlichste Test für Russlands Verlässlichkeit. Russlands Intervention im Jahr 2015 war entscheidend für die Verteidigung des Assad-Regimes. Doch Moskau hat nie eine verbindliche gegenseitige Verteidigungsverpflichtung formalisiert, die einen Kampf für Damaskus verlangt hätte. Stattdessen konzentrierte es sich darauf, seine strategischen Investitionen zu sichern: die Marinebasis in Tartus, Russlands einzigen ständigen Stützpunkt im Mittelmeer, und den Luftwaffenstützpunkt Khmeimim, Zentrum seiner regionalen Luftoperationen. 2017 schloss Moskau ein auf 49 Jahre angelegtes, automatisch verlängerbares Abkommen, das ihm Zugang zu Tartus sowie umfangreiche rechtliche Privilegien und Erweiterungsrechte gewährt.

Gleichzeitig unterhielt Russland diplomatische Kanäle zu einer Vielzahl von Akteuren – darunter die syrische Opposition, der Iran, die Türkei, Israel und die Vereinigten Staaten. Dies ermöglichte es Moskau, sich nicht nur als Schutzmacht Syriens, sondern als relevanter Akteur im regionalen Machtgleichgewicht zu positionieren.

Dank seiner Vermittlerrolle konnte Russland seine Präsenz in Syrien auch nach Assads Sturz im Dezember 2024 aufrechterhalten. Es gelang Moskau, sich rasch neu zu orientieren, mit der neuen syrischen Führung in Kontakt zu treten und seine militärische Präsenz durch Verhandlungen über den fortgesetzten Zugang zu seinen Stützpunkten zu bewahren. Bemerkenswert ist, dass die neuen syrischen Behörden Russland offenbar als Partner betrachten, den es sich zu erhalten lohnt. Das bisherige Ergebnis: Moskaus Kernziel – die Aufrechterhaltung eines Stützpunkts am Mittelmeer – bleibt unter veränderten politischen Bedingungen erfüllt. Russlands vorrangiges Ziel in Syrien war es nicht, ein bestimmtes Regime dauerhaft im Amt zu halten, sondern die Institutionalisierung seiner eigenen Präsenz und seines geopolitischen Zugangs.

Unter anderen Rahmenbedingungen lässt sich ein ähnliches Muster in Venezuela beobachten. Russland fehlt in der westlichen Hemisphäre die Infrastruktur für eine nennenswerte Machtprojektion: Es gibt keine permanenten Stützpunkte, ständige Marinepräsenz oder logistische Kapazitäten, um eine Konfrontation mit den Vereinigten Staaten aufrechtzuerhalten. Eine Eskalation wäre strategisch unhaltbar gewesen. 
Russlands militärische Unterstützung für Venezuela spiegelte dies wider. Waffenlieferungen wie die Pantsir-S1-Luftabwehrsysteme waren angesichts der Fähigkeiten der USA weitgehend symbolisch. Moskaus Zurückhaltung wurde weithin als Zeichen der Schwäche und des schwindenden Einflusses interpretiert. Doch Moskau passte sich an wandelnde politische Realitäten an, anstatt sie frontal anzugehen.

Bislang hat es unter widrigen Umständen eine zurückhaltende, aber dauerhafte diplomatische und wirtschaftliche Präsenz aufrechterhalten. Nach seinem jüngsten Besuch in Caracas erklärte der Sonderbeauftragte des russischen Außenministers, Alexander Shchetinin: „Die hier abgehaltenen Treffen und vor allem das Treffen mit dem venezolanischen Außenminister Iván Gil Pinto zeigen, dass unsere venezolanischen Kollegen der weiteren Zusammenarbeit mit Russland verpflichtet sind.“ Bei Russlands Engagement in Venezuela ging es weniger um wirtschaftliche Vorteile als vielmehr um die Aufrechterhaltung eines geopolitischen Standbeins in der westlichen Hemisphäre. Öl dient als Instrument der Einflussnahme und der Annäherung. Dieses Standbein ist nicht verschwunden.

Moskau kann das Vorgehen der USA als Beeinträchtigung der kubanischen Souveränität darstellen.

Die jüngsten Entwicklungen haben Moskau neue Möglichkeiten eröffnet. Der verstärkte Druck der USA auf Kuba und die Ölblockade haben zu akuten Energieknappheiten und einer verschlechterten humanitären Lage geführt. Russlands Bereitschaft und seine Fähigkeit, als Öllieferant zumindest kurzfristig Abhilfe zu schaffen, ermöglicht es Moskau, sich als Partner und als symbolisches Gegengewicht zur US-Politik zu positionieren. Dies hat weitreichende politische Auswirkungen. Moskau kann das Vorgehen der USA als Beeinträchtigung der kubanischen Souveränität darstellen. Dieses Narrativ einer westlichen Übergriffigkeit stößt in Teilen des Globalen Südens auf Resonanz. Angesichts von Russlands Reputationsproblemen bietet dies Chancen für eine teilweise Imageverbesserung, insbesondere bei Staaten, die empfindlich auf externen Druck reagieren.

Einige traditionell westlich orientierte Staaten beginnen, ihre Position neu zu kalibrieren. Madagaskar, lange Zeit im Einflussbereich Frankreichs, diversifiziert allmählich seine Außenpolitik. Präsident Mikail Randrianirina hat Moskau im Februar besucht und die  Bereitschaft signalisiert, die diplomatischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu Russland auszubauen. Die Gründung der Organisation Friends of Russia in Madagaskar, die sich für engere Beziehungen zu Moskau und den BRICS-Staaten einsetzt, verdeutlicht diesen Wandel.

Iran ist komplexer. Auf den ersten Blick schienen die US-amerikanisch-israelischen Angriffe den schwindenden Einfluss Russlands zu unterstreichen. Doch inzwischen ist dies weniger eindeutig. Anders als im Fall Venezuelas unterstützt Moskau den Iran deutlich – politisch, diplomatisch und durch Zusammenarbeit im Geheimdienstbereich. Berichten zufolge hat Russland dem Iran Satellitenbilder, Drohnentechnologie und Einsatzdaten zur Verfügung gestellt, was die militärischen Fähigkeiten Teherans potenziell stärkt.

Moskau hat es jedoch vermieden, die Schwelle zu einer militärischen Allianz zu überschreiten. Trotz einer 2025 formalisierten vertieften strategischen Partnerschaft ist der Konflikt für russische Beamte ausdrücklich „nicht unser Krieg“, im Bemühen, das Risiko zu begrenzen und strategische Autonomie zu wahren. Dieser zweigleisige Ansatz zeigt eine vorsichtige und interessenorientierte Strategie, keine ideologische Übereinstimmung oder bedingungslose Unterstützung.

Am Golf navigiert Russland zwischen Engagement und Zurückhaltung.

Geoökonomische Überlegungen stehen im Mittelpunkt dieser Haltung. Die Instabilität am Golf und insbesondere in der Straße von Hormus hat die globalen Energiemärkte belastet, mit Folgewirkungen für Kraftstoff- und Lebensmittelpreise sowie für die Düngemittel-Lieferketten. Solche Störungen bringen dem Energieexporteur Russland Vorteile, sie setzen ihm aber auch klare Grenzen. Eine längere Sperrung der Straße von Hormus birgt das Risiko weitreichender systemischer Folgen wie einer globalen Rezession, zusammenbrechender Lieferketten und akuter Ernährungsunsicherheit in gefährdeten Regionen. Die Kosten einer Eskalation würden kurzfristige Vorteile überwiegen. Vor diesem Hintergrund scheint Russland zwischen Engagement und Zurückhaltung zu navigieren – mit dem Ziel, diplomatischen Einfluss zu wahren und begrenzte Vorteile zu erzielen sowie zugleich die Risiken einer massiven Eskalation zu vermeiden.

Unterdessen deutet die Rolle Pakistans und Chinas bei der Vermittlung eines vorübergehenden Waffenstillstands zwischen den Vereinigten Staaten und Iran auf einen umfassenderen strukturellen Wandel hin: die wachsende Fähigkeit nicht-westlicher Akteure, die Konfliktbewältigung mitzugestalten. Anstatt den westlichen Einfluss vollständig zu ersetzen, diversifizieren solche Vermittlungsbemühungen die Mechanismen der Konfliktbewältigung. Für Russland ist dieser Wandel von Vorteil. Er stärkt ein diffuseres, multipolares Umfeld, in dem diplomatische Autorität weniger zentralisiert ist und sich in Richtung eurasischer Akteure verlagert. Der Spielraum für russischen Einfluss wird potenziell erweitert.

In allen untersuchten Fällen zeigt sich ein einheitliches Muster: Während Russland strategische Partnerschaften als langfristige Beziehungen betrachtet, setzt es diese nicht in verbindliche Sicherheitsverpflichtungen um – es sei denn, sie sind formalisiert wie im Fall Nordkoreas. Moskaus Ziel ist weniger die Erhaltung bestimmter Regierungen als vielmehr die Aufrechterhaltung von Zugang und Einfluss in sich wandelnden politischen Kontexten. Diese Zurückhaltung als Niedergang zu interpretieren, birgt die Gefahr, zu übersehen, wie Russland schrittweise seinen Einfluss aufrechterhält und in einigen Fällen sogar ausweitet.

Doch die Bewältigung zahlreicher instabiler Beziehungen – von Syrien über Iran bis hin zu Venezuela – erfordert von Moskau ständige Neukalibrierung. Jeder Schauplatz weist eine eigene Eskalationsdynamik auf. Die Häufung solcher Risiken erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass eine Fehleinschätzung auf einem Schauplatz Russlands Position insgesamt untergraben könnte.

Die Herausforderung ist dreifach: die Beziehungen zu strategischen Partnern wie Iran aufrechterhalten; zugleich eine direkte Konfrontation mit den Vereinigten Staaten vermeiden; und die Glaubwürdigkeit im Globalen Süden wahren, damit die Zuverlässigkeit als Sicherheitsgarant nicht in Frage gestellt wird. Ob dies nachhaltig gelingt, bleibt ungewiss. Doch vor dem Hintergrund sich lockernder Allianzen und einer sich vertiefenden Multipolarität könnte sich der Ansatz als widerstandsfähiger erweisen, als es zunächst scheint.