Die Nahostreise des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj mit den Stationen Saudi-Arabien, Vereinigte Arabische Emirate (VAE), Katar und Jordanien markierte eine fundamentale Wende in der ukrainischen Außenpolitik: Die Ukraine wandelt sich vom Hilfsempfänger zum aktiven Sicherheitslieferanten. Selenskyj absolvierte nicht bloß eine Reihe politischer Besuche, sondern schuf systematisch einen Rechtsrahmen für umfangreiche Rüstungsaufträge. Er folgte dabei einer „Top-down“-Logik: Erst unterzeichnen die Staatschefs ein Memorandum und räumen damit die politischen Risiken aus dem Weg, dann folgen Direktinvestitionen, und schließlich entfaltet die militärtechnische Industrie ihre Aktivitäten. Bei dieser klassischen G2B-Strategie (Government-to-Business) öffnet der Staat zunächst den Markt, indem er für ukrainische Hersteller von Drohnen, Systemen für elektronische Kampfführung (EloKa) und Abhöranlagen die bürokratischen Hürden beseitigt. Daran knüpft sich die Erwartung, dass nach diesen Vereinbarungen die Beschränkungen für den ukrainischen Rüstungssektor aufgehoben werden und der Weg frei wird für vollumfängliche Technologieexporte im Austausch gegen strategische Ressourcen.
Denkwürdig ist, dass Selenskyjs Tour durch den Nahen Osten zeitlich mit einer heftig und öffentlich geführten Kontroverse mit Washington zusammenfiel. Als US-Außenminister Marco Rubio Selenskyjs Aussage, dass die amerikanischen Sicherheitsgarantien vom Rückzug der Ukraine aus dem Donbass abhingen, als „Lüge“ bezeichnete, reagierte Kiew asymmetrisch. Ganz gleich, wer in dem Streit Recht hat – allein schon der Umstand, dass am Aufbau strategischer Partnerschaften in der Golfregion gearbeitet wird, war eine direkte Reaktion auf den Druck aus den USA. Selenskyj führt der Trump-Regierung demonstrativ vor Augen, dass der Ukraine inzwischen andere Optionen und alternative Einflusszentren zur Verfügung stehen. Sollte Washington bei der langfristigen Unterstützung der Ukraine wankelmütig werden, könnte Kiew in einer strategischen Region zum essenziellen Partner für wichtige Verbündete der USA werden. Weil die Handlungsmacht der Ukraine durch die Interessen Riads und Abu Dhabis gestärkt wird, kann sie den Preis für alle Versuche, hinter ihrem Rücken „unter die Ukrainefrage einen Schlussstrich zu ziehen“, massiv in die Höhe treiben.
Das schlagende Argument der ukrainischen Seite war ihre konkurrenzlose Aufklärungsexpertise, die im Washingtoner Staatsapparat nicht zu haben ist. In einem Interview mit NBC News machte Selenskyj öffentlich, dass die Russische Föderation sich unmittelbar an der Vorbereitung iranischer Luftangriffe auf strategische Ziele der USA im Nahen Osten beteiligt. Am 20., 23. und 25. März 2026 machte eine russische Satellitenkonstellation drei Serien hochauflösender Aufnahmen des saudi-arabischen Luftwaffenstützpunkts Prinz Sultan, auf dem auch US-Militärflugzeuge stationiert sind. Die Ukraine erkannte und verifizierte diese Vorgehensweise als Erste, weil sie sie aus eigener Erfahrung kennt: Die ersten Bilder dienen der Vorbereitung, mit den zweiten wird die Einsatzbereitschaft der Luftabwehr simuliert und getestet, und die dritten Aufnahmen bedeuten, dass in ein bis zwei Tagen angegriffen wird. Nach eigener Aussage konnte die Redaktion von NBC News diese Angaben nicht eigenständig überprüfen, aber durch die Ereignisse des 26. und des 27. März wurde die ukrainische Prognose klar bestätigt: Der Iran attackierte die Basis mit sechs ballistischen Raketen und 29 Drohnen und richtete erhebliche Schäden an; unter anderem wurde ein Flugzeug vom Typ AWACS E-3 Sentry beschädigt. 15 amerikanische Soldaten wurden verwundet. Bei dieser Operation habe Russland Teheran 100-prozentig unterstützt, so Selenskyj. De facto agiert Moskau beim Angriff auf die amerikanischen Streitkräfte also als Komplize.
Dass Moskau und Teheran militärisch Hand in Hand agieren, war für Riad und Abu Dhabi eine Nachricht, die sie auf keinen Fall ignorieren konnten. Russland ist zum „strategischen Vorbereiter“ des Iran geworden und belieferte ihn schon vor Beginn der aktiven Phase des Krieges am 28. Februar 2026 mit kritisch wichtigen Waffen. Der (sechs Tage vor der Eskalation unterzeichnete) Vertrag über die Lieferung von 48 Su-35-Kampfjets, Mi-28-Hubschraubern sowie über die Blitzlieferung von „Iwa“-MANPADS (tragbaren Luftabwehrsystemen) ist eine unmittelbare Bedrohung für die arabischen Monarchien. Die logistische Unterstützung wird über „humanitäre“ Kanäle getarnt – so im Falle des 3 610 Tonnen schweren tadschikischen Konvois, der mutmaßlich mit der Drohnenfabrik Ababil-2 in Duschanbe in Zusammenhang stand. Wie der britische Verteidigungsminister John Healey zutreffend feststellte, sehen wir die „verborgene Hand“ des Kremls, die den Brand am Golf schürt, um die Aufmerksamkeit und die Ressourcen des Westens von der Ukrainefront abzulenken.
Ukrainische Expertenteams sind in einigen Golfstaaten physisch präsent und haben bereits einige iranische Drohnen erfolgreich unschädlich gemacht.
Maßgeblich ist, dass die Ukraine nicht mehr nur Vorschläge macht, sondern handelt. Ukrainische Expertenteams sind in einigen Golfstaaten physisch präsent und haben bereits einige iranische Drohnen erfolgreich unschädlich gemacht. Es geht also nicht um zukünftige Aufträge, sondern um ein greifbares Resultat im Kampfgeschehen. Genau dies wurde zum ausschlaggebenden Argument für die Unterzeichnung der Abkommen. Ein nicht ausreichend gewürdigtes Einzelergebnis der Reise Selenskyjs war eine Vereinbarung, die der Ukraine für ein Jahr Diesellieferungen aus dem Nahen Osten sichert und die zeigt, dass die „Drohnen-Diplomatie“ Teil einer breiter angelegten wirtschaftlichen Kehrtwende ist: Es geht nicht nur um Waffenlieferungen gegen Geld, sondern um eine vielschichtige Partnerschaft, mit der die Ukraine sich sowohl Energiesicherheit als auch strategische Ressourcen verschafft.
Einen besonderen Stellenwert hat das Resultat des Selenskyj-Besuchs in Katar: die Unterzeichnung eines Verteidigungsabkommens. Dessen Laufzeit von zehn Jahren spricht nicht für eine kurzfristige Krisenreaktion, sondern für einen strategischen Horizont. Der Emir von Katar persönlich lobte die Arbeit der ukrainischen Drohnenabwehr-Experten. Die Ukraine steigt also nicht als Waffenhändler in die Region ein, sondern als langfristiger Sicherheitspartner.
Im Gegensatz zu Trump begegnet Selenskyj dem saudischen Kronprinzen als Partner auf Augenhöhe.
Nicht zu übersehen sind die Unterschiede im diplomatischen Stil, mit dem man in der Region auftritt. In der Woche des Selenskyj-Besuchs sagte Donald Trump in der ihm eigenen Manier über Kronprinz Mohammed bin Salman (MBS): „Er hat nicht damit gerechnet, dass er mir in den Hintern kriechen würde, aber jetzt muss er nett zu mir sein.“ Das ist die herrisch-hierarchische Diktion des vorletzten Jahrhunderts. Selenskyj dagegen begegnete dem Kronprinzen als Partner auf Augenhöhe, der konkrete technologische Angebote und einen fertigen Plan mitbringt, was man den gemeinsamen Bedrohungen entgegensetzen kann. Diese beiden Arten, auf ein und denselben Verbündeten zuzugehen, zeigen, dass die Ukraine etwas zu bieten hat, was das heutige Washington nicht liefern kann: Achtung vor der Souveränität des Partners durch die gemeinsame Nutzung technologischer Vorteile und den Austausch realer Kampferfahrung.
Ein eigener Höhepunkt der Nahost-Reise war Selenskyjs Treffen mit König Abdallah II. in Jordanien. Jordanien nimmt eine Schlüsselposition für die Verteidigung des Luftraums zwischen dem Irak und dem Mittelmeer ein und bekommt die Folgen der iranischen Eskalation Tag für Tag im eigenen Luftraum zu spüren. Gerade deshalb hat die Partnerschaft für dieses Land eine strategische und nicht nur eine symbolische Dimension. Die Beziehungen zwischen den beiden Ländern waren bereits vor dem Irankrieg dynamisch und vertrauensvoll, doch jetzt erreichen sie ein neues Niveau echter Solidarität auf der Basis gemeinsamer Sicherheitsinteressen.
Die Formulierung security donor („Sicherheitsgeber“) transportiert eine Botschaft, die direkt an die Trump-Regierung gerichtet ist und auf die isolationistische Stimmungslage mancher Republikaner abzielt: Die Ukraine kostet den USA kein Geld, sondern sie spart ihnen Geld. Kiew schützt mit seinen selbst entwickelten Abhörtechnologien amerikanische Verbündete und Stützpunkte und macht sich damit unentbehrlich. Umgekehrt sprach Selenskyj mit seiner Aussage – „Saudi-Arabien hat das, woran die Ukraine interessiert ist“ – drei vorteilhafte Faktoren an: Petrodollars für die Finanzierung der ukrainischen Rüstungsindustrie; den Zugang zu technologischen Komponenten, auf die die Russische Föderation den Daumen zu halten versucht; und Saudi-Arabiens großen diplomatischen Einfluss auf das Weiße Haus.
Der Kreml nutzt den Krieg am Golf als Mittel zum Zweck, um dank hoher Ölpreise wirtschaftlich durchzuhalten und die Sanktionen im Indischen Ozean zu umgehen. Russland versucht, das Chaos zu steuern und gegen die westliche Sicherheitsarchitektur zu richten. Doch die Handlungsmacht der Ukraine hat den russischen Plan durchkreuzt. Die Ukraine bietet der Region – von Riad bis Amman – ein gemeinsames Sicherheitsgefüge, das mit ukrainischen Lösungen die iranische Aggression und die russische Spionage abschirmt. Das ist das bislang greifbarste Resultat der „Drohnen-Diplomatie“. Es markiert den Schritt von den Absichtserklärungen hin zu einem vertraglich vereinbarten Fundament für technologische Dominanz. Die Ukraine wird zum Schutzschild für die Verteidigung der globalen Energieinfrastruktur.
Aus dem Russischen von Andreas Bredenfeld




