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Unser Europa ≠ Euer Europa
Warum sich die Ukrainer als Europäer fühlen, mit Europa aber nicht Brüssel meinen.

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Ukrainer diskutieren im Dezember 2013 in einem Protestcamp auf dem Maidan in Kiew ihre Zugehörigkeit zu Europa.

Dieses Jahr feiert die Ukraine 25 Jahre Unabhängigkeit. Das Land scheint noch auf der Suche nach der eigenen Identität. Dabei taucht häufig der Begriff „Kosakenstaat“ auf. Was ist damit gemeint?

Diese Idee von der Ukraine als „Kosakenstaat“ wurde in erster Linie für die jüngere Generation, für den Schulunterricht wiederbelebt. Vielleicht soll er bei den Ukrainern das Gefühl einer eigenen Identität verstärken. Das Paradoxe ist, dass an ukrainischen Universitäten die Studierenden nicht die sowjetische Phase der ukrainischen Geschichte lernen, außer ein paar Tragödien wie Holodomor [eine schwere, durch die sowjetische Führung ausgelöste Hungersnot Anfang der 1930er Jahre, Anm. d. Red.] oder die Massendeportationen der ukrainischen Bauern nach Sibirien. Der Begriff Kosakenstaat ist, glaube ich, eine Erfindung. Obwohl es keinen Namen gibt für das politische System, das im 16./17. Jahrhundert in der Ukraine herrschte. Damals gab es keine festgelegten Grenzen, keine Währung, keine zivile Gerichtsbarkeit, nur Militärgerichtsbarkeit, und gewählt wurden nur die obersten Militärränge.

Dient dieser Rückgriff auf die Geschichte dazu, eine eigene Identität der Ukrainer zu stärken?

Das ist eine Erklärung dafür, warum Ukrainer anders sind als Russen. Ich sage nicht, dass alle Ukrainer anders sind. Aber die russische und die sowjetische Identität war gleich: eine kollektive Identität. Wo alle machten, was ihnen gesagt wurde. Die ukrainische anarchische Mentalität war individualistisch. Die Leute wollten frei sein, hatten keinen Respekt vor der Regierung, vor Autoritäten oder Gesetzen. Das gleiche findet man in der heutigen Gesellschaft.

Wie äußert sich das?

Nun, es ist zum Beispiel sehr schwer, den Ukrainern zu erklären, dass sie wie Europäer leben sollen. Dass sie Steuern zahlen sollen. Sie wissen, dass das so sein sollte, aber sie sagen, wenn wir normale, zivilisierte Politiker hätten, dann würden wir auch Steuern zahlen.

Meinen Sie, die Mehrheit der Ukrainer fühlt europäisch? Aber welches Europa ist gemeint?

Das polnische Europa ist gemeint. Das Europa der Nachbarländer, nicht das Europa in Brüssel. Gemeint ist Osteuropa: Polen, Litauen, die Tschechische Republik, Slowakei, Rumänien und Ungarn. Für jene, die in den Karpaten leben, ist Europa sogar noch die K.-u.-k.-Monarchie. Es gibt da eine seltsame Nostalgie was die K.-u.-k.-Monarchie betrifft, auch unter ukrainischen Schriftstellern. Sie schreiben gerne darüber. Ganz aktuell ist das Buch „Felix Österreich“ von Sofia Andruchowytsch, der Tochter des Poeten Juri Andruchowytsch.

Wenn man als Ukrainer pro-europäisch ist, heißt das nicht, dass man Brüssel gut findet, mit der Kommission und den Gesetzen?

Ja genau, denn Brüssel ist zu weit weg. Einige Politiker und Intellektuelle meinen vielleicht das Brüsseler Europa. Die Mehrheit der Ukrainer ist pro-europäisch. Das bedeutet für sie, ein Leben ohne Korruption, mit funktionierenden Gesetzen, die für alle gelten.

Aber das erhoffen sie sich doch durch eine EU-Mitgliedschaft, die vielleicht irgendwann einmal kommt?

Nein, die Menschen reden nicht viel über eine EU-Mitgliedschaft.

Es geht also eher um die europäischen Werte?

Ja, es geht um europäische Werte und Traditionen, um Gerechtigkeit in erster Linie.

Spielt der EU-Binnenmarkt eine Rolle?

Für Geschäftsleute sicherlich, aber für die einfachen Leute spielt das keine Rolle.

Was waren aus Ihrer Sicht die Gründe für die Proteste gegen Präsident Viktor Janukowitsch und den „Euromaidan“?

Ich denke, das war eine Wiederholung dessen, was man von 1945 bis Anfang der 1960er Jahre erlebt hat. Damals war es der Widerstand gegen die sowjetische Regierung und ihre Truppen nach dem Zweiten Weltkrieg. Dieses Mal war es Widerstand gegen die Besetzung der ganzen Ukraine durch die Donezker Elite und gegen Korruption. Denn Janukowitsch hat das Verhalten des sowjetischen Systems übernommen. Als seine Partei, die Partei der Regionen, die Mehrheit im Parlament hatte, und er 2010 Präsident geworden war, schickte er Vertreter aus Donezk oder dem Donbass in alle Regionen des Landes, um wichtige Posten als Richter oder Zollbeamte zu besetzen. Diese Leute waren korrupt, und sie sprachen Russisch. Ukrainisch sprechende korrupte Beamte werden in der Westukraine toleriert, aber nicht Russisch sprechende. Der Euromaidan war eine Revolution gegen die Korruption. Aber die Korruption hatte das Gesicht von Janukowitsch oder von Mykola Asarow, eben der „Donbass“- und Wirtschaftselite.

Ukrainisch sprechende korrupte Beamte werden in der Westukraine toleriert, aber nicht Russisch sprechende.

Gab es noch andere Gründe?

Alle, die zum Euromaidan gingen, hatten eigene Gründe. Es kamen zum Beispiel auch viele aus der Süd- oder Ostukraine, weil sie persönliche Probleme mit Beamten bei sich zu Hause hatten.

Was halten Sie von den Vorwürfen, die Proteste seien von den USA gesteuert worden?

Das ist lächerlich. Der Anfang der Proteste war spontan und gar nicht leicht zu begreifen. Es fing an mit Protesten von Studierenden in Lwiw (Lemberg) und Kiew ab dem 21. November 2013. Die wollten, dass der Ministerpräsident zurückkommt, um das Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union zu unterzeichnen. Die Studentensprecher sagten, dies seien keine politischen Proteste. Sie seien nicht politisch engagiert, sie wollten einfach, dass die Regierung das tut, was sie versprochen hat. Nach den ersten Gewaltausbrüchen am 29. November änderte sich die Situation. Da gingen 100 000 Leute aus Kiew auf den Maidan und viele weitere kamen aus den umliegenden Dörfern und Städten. Dann wurden die Proteste wirklich politisch. Am Anfang in Lwiw wollte die nationalistische Partei Swoboda die Studenten für ihre Zwecke instrumentalisieren; sie behauptete, die Proteste organisiert zu haben. Doch was passierte, war, dass einer der Anführer der Nationalisten in Lwiw, Juri Michaltschischin, von einer Studentenbühne sprach und die Studenten aufforderte, das zu tun, was Swoboda sagt. Daraufhin wurde er hinuntergestoßen und als Antwort darauf behauptete er, die Proteste seien von Janukowitsch organisiert. Es gab ganz viele Intrigen am Anfang. Doch ab dem 29. November waren die Proteste politisch und wurden finanziell unterstützt von der Mittelschicht. Diese finanzierte die Bustransfers und versorgte die Demonstranten mit Lebensmitteln. Das war nicht orchestriert, sondern sehr chaotisch. Drei Anführer von Oppositionsparteien versuchten immer, die Leitung der Proteste zu übernehmen. Aber sie haben es nie geschafft. Alle drei hatten weniger als 30 Prozent Unterstützung der Protestierenden. Die Leute wollten keine Politiker auf der Bühne haben.

Wie könnten „normale“ Beziehungen zu Russland aussehen?

Zurzeit können es nur ökonomische Beziehungen sein, weil es so große Differenzen gibt zwischen der ukrainischen Politik und der russischen Politik und derer beider Eliten. Zudem hat Russland seine Kultur als Waffe gegen die Ukraine eingesetzt. Ich glaube, es wird sehr schwer werden, neue Beziehungen aufzubauen, sei es auf kultureller, sei es auf politscher Ebene. Anfangen kann es nur mit wirtschaftlichen Beziehungen, mit Handel. Wann dann auch andere Kontakte hinzukommen, ist schwer abzuschätzen.

Für wie wichtig halten Sie die Umsetzung des Minsker Abkommens?

Das ist wichtig. Aber es gibt so viele Kleinigkeiten in dem Abkommen, die jede Seite anders verstehen kann. Die Hauptsache ist die Kontrolle der Grenze zwischen Russland und dem Donbass. Das sind, glaube ich, 470 Kilometer, die von der russischen Armee und Separatisten kontrolliert werden. Man kann dort keine Wahlen abhalten, wenn die Ukraine nicht ihre Grenzen kontrolliert. Das heißt, an den Wahlen werden russische Truppen und die Krim teilnehmen, nicht die Leute, die dort wohnen.

Wo sehen Sie die Ukraine in zehn Jahren?

Geopolitisch wird sich die Ukraine Europa stark annähern und ökonomisch wird sie hoffentlich in der Phase sein, in der sich heute Polen befindet.

Die Fragen stellte Anja Papenfuß.

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2 Leserbriefe

Erik schrieb am 30.10.2016
"Aber die russische und die sowjetische Identität war gleich: eine kollektive Identität." Das halte ich für eine gewagte Behauptung. Die SU mag zentralistisch regiert worden sein, aber ein Vielvölkerstaat mit fast 300 Mio. Einwohnern und über einem Dutzend versch. Sprachen kann kaum eine einheitl. Identität haben. Zu der "lächerlichen" Behauptung der Steuerung des Aufstands aus den USA/ DEU: Victoria Nulands 5 Mrd $ für den Regimechange, ihr Telefonat mit dem US Botschafter Kievs und die zahllosen Auftritte westl. Politiker auf dem Maidan sagen etwas anderes. Offensichtlichste Tatsachen abzustreiten fördert keine Glaubwürdigkeit. I.ü. denke ich, viele Ukrainer sind mehr mit ihren Alltagssorgen ausgelastet als mit aufgezwungenem Russenhass oder EU-Euphorie.
Slave schrieb am 02.11.2016
Schöne Märchen über die Ukraine. Leider nur die Märchen für EU-Kinder.