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Flüchtlinge als Unternehmer und Arbeitgeber

Einige Flüchtlinge sind wirtschaftlich offenbar aktiver, als die ansässige Bevölkerung.

Esperanza Tabisha mit ihren Mitarbeiterinnen

Esperanza Tabisha ist 27 Jahre alt und hat schon ein eigenes Modelabel, es heißt „Esperanza Fashion & Design“. Das ist in ihrem Alter ohnehin bemerkenswert, zumal sie ihr Label schon vor sieben Jahren ins Leben rief, da war sie gerade 20. Besonders beachtlich aber ist das, weil die Kongolesin ein Flüchtling ist. Esperanza Tabisha lebt seit 2011 im Flüchtlingslager Kakuma im Norden von Kenia, zusammen mit derzeit gut 180.000 weiteren Flüchtlingen aus einer Vielzahl von Ländern, darunter der Demokratischen Republik Kongo, Somalia und dem Südsudan, Äthiopien und Burundi.

Mit ihrem Unternehmergeist helfen die Flüchtlinge nicht nur sich selbst, sondern auch ihren Gastgebern: Wie UNHCR und IFC betonen, stellen sie häufig einheimische Arbeitskräfte an.

Etwa 2000 von ihnen sind Unternehmerinnen beziehungsweise Unternehmer oder betreiben in dem Flüchtlingslager zumindest ein kleines Geschäft. Das ist das Ergebnis einer Studie, die das Flüchtlingshilfswerk United Nations High Commissioner for Refugees (UNHCR) und die International Finance Corporation (IFC) gemeinsam erstellten. Der Untersuchung zufolge sind in dem Lager 12 Prozent der Flüchtlinge Geschäftsinhaber oder kleine Unternehmer, was beachtlich sei, so schreiben die Autoren, wenn man bedenke, dass die meisten von ihnen so gut wie nichts besaßen, als sie in Kenia Zuflucht fanden. Mit ihrem Unternehmergeist helfen die Flüchtlinge nicht nur sich selbst, sondern auch ihren Gastgebern: Wie UNHCR und IFC betonen, stellen sie häufig einheimische Arbeitskräfte an. Zudem beflügeln ihre wirtschaftlichen Aktivitäten die Ökonomie in der Region: die Flüchtlinge kaufen Kleinvieh zum Schlachten. Sie brauchen Feuerholz, Holzkohle und andere Produkte, die von den Einheimischen angeboten werden.

Für die Region Kakuma im Landkreis Turkana ist das besonders wichtig: Die Gegend ist trocken und wurde im Wesentlichen von halbnomadischen Hirten besiedelt, bis 1992 die ersten Flüchtlinge aus dem Südsudan kamen. Turkana war damals von mehreren schweren Dürren gezeichnet, komplette Viehherden waren verendet, viele Menschen hatten mit ihren Tieren ihre Lebensgrundlage verloren. Mit der Eröffnung des Lagers begann ein lokaler Wirtschaftsboom. Der Bedarf an Arbeitskräften, der für die Versorgung von zehntausenden Neuankömmlingen nötig war, ging und geht weit über die Region hinaus. Das gilt ebenso für das zweite große Flüchtlingslager in Kenia, Dadaab. Das ist mit gegenwärtig noch gut 200.000 Bewohnern das größte des Landes. Zeitweilig drängten sich hier sogar über 500.000 Menschen. Natürlich sind sie für die aufnehmende Nation eine Herausforderung, aber sie sind auch eine Chance: Internationale und nationale Hilfsorganisationen schreiben Stellen aus, kaufen auf dem lokalen Markt Lebensmittel für die Campbewohner, brauchen Transportkapazitäten, Fahrzeuge für ihre Mitarbeiter, Diesel, Unterkünfte und vieles mehr.

Bis zu 5000 Kenianer haben bei den Flüchtlingsgeschäftsleuten und -unternehmer im Lager Kakuma eine mehr oder weniger feste Arbeit oder verdienen ihren Unterhalt als Tagelöhner.

Der Kenianer Billy Kapua, der zum Volk der Turkana gehört und im Norden Kenias aufwuchs, hat von 2001 bis Anfang 2018 für verschiedene Hilfsorganisationen in Kakuma gearbeitet. Er habe miterlebt, wie das Wirtschaftsleben in der von vielen Dürren gezeichneten Region im Laufe der Jahre wenigstens etwas aufblühte. Ihn beeindruckte vor allem, dass die Flüchtlinge schon früh begannen, Arbeitskräfte aus dem Volk der Turkana zu beschäftigen: als Mitarbeiter in ihren Läden, als Träger oder Transporteure. Kapua schätzt, dass bis zu 5000 Kenianer bei den Flüchtlingsgeschäftsleuten und -unternehmer im Lager Kakuma eine mehr oder weniger feste Arbeit haben, oder als Tagelöhner Geld verdienen.

Kapua ist davon überzeugt, dass die Wirtschaft der Region kollabieren würde, sollte das Camp eines Tages geschlossen werden. Der Gedanke an eine Zwangsschließung scheint selbst nach so vielen Jahren nicht abwegig. Zwar war Kakuma in dieser Hinsicht noch nicht im Fokus der kenianischen Behörden, aber den Weiterbetrieb von Dadaab lässt sich Kenia vom UNHCR und von seinen internationalen Partner seit einigen Jahren immer wieder regelrecht abringen.

Dadaab und Kakuma sind in ihrer wirtschaftlichen Bedeutung für die Region vergleichbar. Viele Kenianer erledigen ihre Einkäufe in den Lagern, kaufen dort Kleidung, Mobiltelefone und andere Waren. In Kakuma gibt es einen Schlachtbetrieb, zu dem auch die lokale Bevölkerung ihr Vieh treibt. Der Betrieb gehöre Flüchtlingen, sagt Kapua, unterstehe aber der Kontrolle der kenianischen Regierung. Laut UNHCR und ICF beträgt die Wirtschaftsleistung Lager Kakuma und der angrenzenden Region 56 Millionen US-Dollar im Jahr. Für Nordkenia ist das ausgesprochen viel, denn von dem Flüchtlingslager abgesehen gibt es dort wenig wirtschaftliche Perspektiven. Die Gegend ist dünn besiedelt, die Bevölkerung arm, die Regierung investiert kaum etwas.

 Wir sollten unsere Annahme überdenken, dass Flüchtlinge untätig in den Lagern herumsitzen und nichts tun, außer auf Hilfe zu warten“, sagte der UNHCR-Vertreter in Kenia, Raouf Mazou. „Tatsächlich gründen sie Unternehmen und schaffen Arbeitsplätze für andere.“

Einige Flüchtlinge sind wirtschaftlich offenbar aktiver, als die ansässige Bevölkerung. Viele Flüchtlinge haben vergleichsweise bessere internationale Netzwerke. Sie selbst kommen ja anderswo her, haben Verbindungen zumindest in ihre Heimatregion. Einige haben sogar Verwandte, die es nach der Flucht geschafft haben, sich in irgendeinem der reicheren Länder des Westens oder der arabischen Welt eine Existenz aufzubauen. Sie schicken selbst Menschen, mit denen sie aus europäischer Sicht nur entfernt verwandt sind, per mobilem Geldtransfer oder auf andere Weise auch konto-los etwas Geld. Geld, das viele Flüchtlinge zur Existenzgründung nutzen. Vielleicht reicht es, zum Beispiel für ein erstes Schaf, das dann geschlachtet wird. Aus dem Erlös für das Fleisch ist durch allmähliche und kluge Reinvestition schon mehr als ein Betrieb entstanden.

Das Fazit, dass das UNHCR aus der Studie zieht, ist auch für Deutschland interessant. „Wir sollten unsere Annahme überdenken, dass Flüchtlinge untätig in den Lagern herumsitzen und nichts tun, außer auf Hilfe zu warten“, sagte der UNHCR-Vertreter in Kenia, Raouf Mazou. „Tatsächlich gründen sie Unternehmen und schaffen Arbeitsplätze für andere.“ Für Flüchtlinge in Deutschland ist es schwerer, auf eigene Füße zu kommen. Es gibt mehr Regeln und Regularien, mehr Kapital ist nötig, und viele sprechen noch nicht die Sprache ihrer neuen Heimat. Aber viele wollen auch in Deutschland etwas anderes, als passiv auf Hilfe zu warten. Sie wollen arbeiten und auf eigenen Füßen stehen. Und auch in Deutschland schaffen sie indirekt Jobs, für alle diejenigen nämlich, die mit ihrer „Verwaltung“, Förderung, Integration und vielem mehr beschäftigt sind. Statt nur die Belastungen zu beklagen, sollten wir in den Flüchtlingen, die zu uns kommen, auch wirtschaftlich eine mögliche Bereicherung sehen.

 

 

 

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