Noch immer ist der Black Summer im kollektiven Gedächtnis der Australierinnen und Australier eingebrannt. Die Waldbrände Ende 2019, Anfang 2020 wüteten laut Daten der Vereinten Nationen auf 180 000 Quadratkilometern, einer Fläche halb so groß wie die Bundesrepublik Deutschland. 33 Menschen starben durch die Brände, 3000 Wohnhäuser und knapp 6000 andere Gebäude wurden zerstört. Über 60 000 der bedrohten Koalabären verbrannten, sowie Millionen von weiteren Tieren. Es wird Jahrzehnte dauern, bis sich die Wälder von diesen Bränden erholt haben, bei alten Eukalyptuswäldern wird es sogar noch länger dauern.

Zerstörerische Wetterereignisse haben in Australien in den vergangenen zehn Jahren deutlich zugenommen. Neben den Busch- und Waldbränden, die sich teilweise erst nach Monaten löschen lassen, sind viele Städte und Gemeinden jährlich, manche auch mehrmals im Jahr, von schweren Überschwemmungen betroffen.

Australien blickt aber auch auf ein Jahrzehnt der Untätigkeit beim Klima- und Umweltschutz zurück. Der bei Parlamentswahlen Ende Mai abgewählte Premier Scott Morrison behauptete noch 2019, es gebe „keinen glaubhaften Beweis“ für einen Zusammenhang von Klimawandel und Waldbränden. Obwohl der Weltklimarat genau dies schon 2007 mit einer wissenschaftlichen Studie belegen konnte. Darin prognostizierten die Experten „mit 99- bis 100-prozentiger Wahrscheinlichkeit“, dass Hitzewellen und Feuer in Australien an Intensität zunehmen würden. Was spätestens mit dem Black Summer evident geworden ist.

Australien blickt auf ein Jahrzehnt der Untätigkeit beim Klima- und Umweltschutz zurück.

Seine Ignoranz kostete Morrison das Amt. Sein Nachfolger als Premierminister ist Anthony Albanese, Parteichef der Australian Labor Party, der nie im Verdacht stand, den vom Menschen verursachten Anteil am Klimawandel zu leugnen. International war Albanese bis zu seiner Wahl kaum bekannt, doch in Australien zählt er seit mehr als 20 Jahren zur Führungsriege der Sozialdemokraten. Ab 2007 fungierte er unter verschiedenen Premiers als Minister für Infrastruktur und Entwicklung der Regionen.

Ein Amt, das ihm nun zugutekommt, wo nach den Extremwetterereignissen Straßen und Brücken repariert, zerstörte Häuser und Geschäfte immer wieder neu aufgebaut oder saniert werden müssen: Wer wüsste das besser als ein langjähriger Infrastrukturminister? Wer wüsste besser, welch hohen Anteil solche Instandsetzungen im Infrastruktur-Etat ausmachen?

Nicht wenige Australierinnen und Australier glauben hingegen, Klimaschutz-Programme würden dem Wirtschaftsstandort schaden. Vor diesem Hintergrund sollte Anthony Albanese ein langer Weg bis ins Amt des Premierministers bevorstehen. Als Leader of the House, was im Deutschen Bundestag dem Fraktionsvorsitzenden der Regierungspartei entspricht, konnte Albanese 2010 nicht verhindern, dass sich seine Labor Party über den richtigen Kurs in der Klimapolitik zerstritt. Der Dissens in dieser Frage führte dazu, dass nach parteiinternen Machtkämpfen zwei Labor-Premiers gestürzt wurden. Das wiederum kam bei den Wählern nicht gut an und so landete die Partei 2013 in der Opposition. 

Erst 2019, nach zwei verlorenen Wahlen, war der Weg an die Parteispitze für Albanese frei. Anfangs räumten viele dem inzwischen sichtbar gealterten, ergrauten „Albo“ kaum Chancen ein, einen Regierungswechsel herbeizuführen. Als Albanese 2021 bei einem unverschuldeten Autounfall fast ums Leben kam, begriff er dies als zweite Chance, trank weniger Alkohol, nahm kurzfristig 18 Kilogramm ab. Und nicht nur sein Äußeres änderte sich: Auf verschiedenen Politikfeldern positionierte sich Albanese neu. Die australischen „Klima-Kriege“ müssten ein Ende haben, sagte der aus einem multikulturellen Viertel in Sydney stammende Politiker im Wahlkampf. Priorität einer von ihm geführten Regierung werde es sein, die schlimmsten Folgen des Klimawandels noch abzuwenden.

Weltweit steht Australien als einer der schlimmsten Klimasünder unter zunehmendem Druck.

Nach seinem Wahlsieg formulierte er mutiger und versprach „eine neue Ära für den Klimaschutz und für erneuerbare Energien“. Gemeinsam mit den Regierungschefs der Inselstaaten Ozeaniens rief Albanese den Klimanotstand im Pazifik aus. Australiens Nachbarinseln würden durch die Erderwärmung „unmittelbar bedroht“. Noch im Wahlkampf hatte der Labor-Chef verkündet, den CO2-Ausstoß seines Landes bis 2030 um 43 Prozent reduzieren zu wollen, Australien solle bis 2050 klimaneutral werden. Inzwischen drängen die kleinen Pazifikstaaten die Regierung in Canberra, noch weitergehende Ziele zu verfolgen. Albanese und 15 Regierungschefs des Pacific Islands Forum wenden sich zudem gemeinsam an den Internationalen Strafgerichtshof – dieser solle Untätigkeit bei diesem Thema als Verstoß gegen Menschenrechte verfolgen. Zudem bewirbt sich Australien als Ausrichter der UN-Klimaschutzkonferenz 2024. „Der weltweite Klima-Notstand ist eine Chance für Australien“, sagt Albanese. „Wir können Marktführer für erneuerbare Energien werden, wenn wir uns dieser Herausforderung nur stellen.“

Nicht nur Opfer häufiger Überschwemmungen in den Regionen rund um Städte wie Sydney oder Brisbane warten dringend auf eine Wende in der Klimapolitik. Auch weltweit steht Australien unter zunehmendem Druck: Es gilt als einer der schlimmsten Klimasünder und verursacht pro Kopf einen besonders hohen CO2-Ausstoß. Australien verfügt unter anderem über 10 Prozent der globalen Vorkommen an Steinkohle und ist weltgrößter Exporteur dieses Rohstoffs. Daher ist das Land derzeit für rund 5 Prozent der globalen Emissionen des Klimagases Kohlendioxid verantwortlich, wie die Denkfabrik Climate Analytics errechnet hat. Mit neuen Kohleminen – noch von Scott Morrison auf den Weg gebracht – könnte sich Australiens Anteil bis 2030 noch mehr als verdoppeln.

Dass es dazu kommt, ist keineswegs ausgeschlossen, sollten Albaneses Klimapläne im Parlament scheitern. So wie schon einmal, 2010, als die Grünen einem von den Sozialdemokraten vorgelegten Carbon Pollution Reduction Scheme nicht zustimmen wollten, weil ihnen die darin formulierten Ziele nicht weit genug gingen. Auch in diesem Jahr betonen die Grünen, Labors Klimaziele reichten nicht aus, und fordern eine Reduktion des CO2-Ausstoßes um mindestens 60 Prozent. Labor hat im Senat keine eigene Mehrheit.

Australien besitzt enormes Potential, mit einem Ausbau von Solar- und Windenergie einen spürbaren Beitrag zum globalen Klimaschutz zu leisten.

Doch abgesehen davon, wie das innenpolitische Kräftemessen ausgeht: Selbst abseits politischer Zielvorgaben besitzt Australien enormes Potential, mit einem Ausbau von Solar- und Windenergie einen spürbaren Beitrag zum globalen Klimaschutz zu leisten. Sonnenschein und Wind gibt es auf dem Inselkontinent bekanntlich reichlich. Überschüsse an Solarenergie ließen sich etwa in Wasserstoff umwandeln und mit Schiffen nach Europa oder Asien transportieren, um dort fossile Energieträger zu ersetzen. Auch ohne ein nennenswertes Klimaschutzprogramm haben viele Unternehmen bereits aus eigenem Antrieb auf erneuerbare Energien umgestellt. Auch zahlreiche Privathaushalte haben die eigene Energiewende längst vollzogen und Photovoltaik-Anlagen auf den Dächern installiert. Mit erstaunlichen Einspareffekten: So ließen sich dreistellige Stromrechnungen auf Restbeträge von monatlich 2 bis 3 Australische Dollar reduzieren.

Laut einer Studie des Wirtschaftsverbands Australian Energy Council zählt Australien dank dieser stillen Energiewende inzwischen zu den westlichen Industrieländern mit den niedrigsten Strompreisen. Daran ändern auch Preissprünge infolge des russischen Krieges in der Ukraine nichts, die viele Länder in ähnlichem Umfang treffen. In Australien drücken die kostengünstigeren, erneuerbaren Energien bereits seit mehreren Jahren als zusätzliche Kontingente am Strommarkt die Preise: So zahlten Kunden 2020 und 2021 rund 8 Prozent weniger als noch in den zwei Jahren zuvor. Die höchsten Strompreise gab es demzufolge 2020/2021 mit rund 40 Cent pro Kilowattstunde in Deutschland, die niedrigsten in Island. Beim letzten Vergleich 2014 lag der Preis für eine Kilowattstunde in Australien bei 20,5 Cent, sank zuletzt aber auf 17,6 Cent. Für den Bundesstaat Queensland wird beim Strom ein weiterer Preisrückgang um rund 10 Prozent bis 2024 prognostiziert. Was die Zukunft mit erneuerbaren Energien betrifft, ist Australien also auf dem besten Weg zum Lucky Country.

Was die Folgen der Erderwärmung angeht, gilt jedoch das Gegenteil. Anthony Albanese steht mit dem von ihm anvisierten Klimaschutzgesetz also unter noch größerem Druck als viele andere Regierungschefs, wie Prognosen von Klimaforschern belegen: Demnach muss Australien bis zum Ende dieses Jahrhunderts mit einem Anstieg der Durchschnittstemperaturen von bis zu 3,9 Grad Celsius sowie mit zahlreicheren und intensiveren Bränden rechnen. Und andernorts mit jährlich steigenden Pegelständen.