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Wider das Patriarchat
Millionen Frauen setzen im indischen Kerala ein Zeichen gegen Diskriminierung.

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AFP
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Teilnehmerinnen der "Mauer der Frauen" in Kerala am 01. Januar 2019.

Das letzte Jahr war für die Beziehungen zwischen den Geschlechtern von entscheidender Bedeutung. Die #MeToo-Bewegung hat das weltweite Establishment aufgewirbelt. Sogar mächtige Männer mussten sich für ihr Verhalten gegenüber Frauen öffentlich verantworten. Und trotz eines patriarchalischen Rückschlags geht die Bewegung weiter: Im indischen Bundesstaat Kerala bildeten am 1. Januar schätzungsweise fünf Millionen Frauen eine menschliche Kette – oder eine „Mauer der Frauen“ –, die sich fast 650 Kilometer über den ganzen Staat erstreckte. Damit wollten sie ihre Entschlossenheit zeigen, für Gleichberechtigung zu kämpfen.

Die symbolische Bedeutung dieser Mauer der Frauen kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Fast ein Drittel der weiblichen Bevölkerung von Kerala über sechs Jahren nahm daran teil – sogar zwei Millionen Frauen mehr, als die Organisatorinnen erwartet hatten. Das Ereignis wurde von der Regierung des Bundesstaats unterstützt, aber seinen Erfolg verdankt es dem Engagement einer Vielzahl von Gruppen und Organisationen, ganz zu schweigen von den teilnehmenden Frauen.

Diese Frauen kamen aus allen Schichten der Gesellschaft: Unter ihnen waren Ärztinnen, Juristinnen, Studentinnen, Nonnen, Heimarbeiterinnen, Bäuerinnen, Lohnarbeiterinnen und Hausfrauen. Es waren Hindus, Muslime und Christinnen. Unter den Teilnehmerinnen waren Mütter mit ihren Babys, junge Mädchen und ältere Frauen, die kaum stehen konnten und sich auf andere stützen mussten. Vielfach waren auch die männlichen Verbündeten der Frauen dabei. Sie bildeten Ketten und standen solidarisch auf der anderen Straßenseite.

Teilweise waren so viele Frauen beteiligt, dass sie drei oder vier Reihen bildeten.

Die Mauer der Frauen erstreckte sich durch Städte und Metropolen, entlang von Autobahnen und Dorfstraßen – von Kasaragod bis in die Hauptstadt Thiruvananthapuram im Süden. Teilweise waren so viele Frauen beteiligt, dass sie drei oder vier Reihen bildeten. All diese Frauen standen Schulter an Schulter beisammen und gaben ein Versprechen: „Wir halten die Werte der Renaissance hoch; wir setzen uns für die Gleichheit der Frauen ein; wir widerstehen den Versuchen, Kerala zu einem Irrenhaus zu machen; und wir kämpfen für den Säkularismus.“

Diese „Werte der Renaissance“, auf die sich die Frauen beziehen, stammen von indischen Sozialreformern, die sich Anfang des 20. Jahrhunderts für Säkularismus, gegen Geschlechterdiskriminierung und für die Abschaffung des Kastensystems einsetzten. Das „Irrenhaus“ bezieht sich auf eine Aussage des reformerischen Hindu-Mönchs Vivekananda von 1892, der Kerala als Irrenhaus der Kastendiskriminierung bezeichnet hatte.

Angesichts des Themas, das der Auslöser für die Mauer der Frauen war, passt dieser Verweis sehr gut. Mit der Demonstration sollte nicht nur das Patriarchat in Kerala (und allgemein in Indien) angeklagt werden, sondern sie diente auch als scharfe Antwort an die Gegner der jüngsten Entscheidung des indischen Obersten Gerichtshofs, Frauen den Zugang zu einem weithin verehrten Tempel des Gottes Ayyappa (Vishnu) auf einem Hügel in Sabarimala zu erlauben.

Die Entscheidung des Obersten Gerichts hat zu massiven Protesten geführt.

Für Frauen zwischen Menarche und Menopause war dieser Tempel bisher tabu – aus angeblich traditionellen Gründen, die auf dem zutiefst überholten Glauben stammen, menstruierende Frauen seien „unrein“. Aber Frauen den Zugang zum Sabarimala-Tempel zu verwehren, ist keineswegs traditionell: Bis 1991 wurde er von Frauen aller Altersgruppen regelmäßig besucht. Erst danach wurde dies durch eine Gerichtsentscheidung unterbunden.

Dieses zutiefst sexistische Verbot kam laut der aktuellen Entscheidung des Obersten Gerichts einer Verletzung der grundlegenden Prinzipien der indischen Verfassung gleich. Und es hat viel mit dem widerwärtigen System der „Unberührbarkeit“ zu tun, das es Menschen niedriger Kasten verbot, Tempel zu betreten und beispielsweise von den gleichen Wasserstellen zu trinken wie die Mitglieder höherer Kasten.

Aber die Entscheidung des Obersten Gerichts hat zu massiven Protesten geführt. Beide großen nationalen indischen Parteien – die Regierungspartei Bharatiya Janata und die Kongresspartei – haben diesen Rückschlag auf zynische Weise ausgebeutet. Sie stehen im Verdacht, Gewalt und Proteste von Provokateuren angezettelt zu haben, die forderten, die Regierung von Kerala solle das Urteil des Gerichtshofs ignorieren.

Demonstrationen der Einheit und des Kampfes für Gleichheit wie die Mauer der Frauen sind nicht nur erhebend. Sie sind für die Zukunft Indiens enorm wichtig.

Sogar Shashi Tharoor von der Kongresspartei, ein typisches liberales Mitglied des Parlaments in Kerala, bezeichnete es als eine „unnötige, provokative Handlung“, als zwei Frauen am Morgen nach der Mauer der Frauen ihr Recht wahrnahmen, den Schrein zu betreten. Der Priester des Tempels schloss die Anlage nach ihrem Besuch für kurze Zeit, um ein „Reinigungsritual“ durchzuführen.

Natürlich zieht sich die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern durch ganz Indien. Bei den meisten Indikatoren für Frauenrechte steht das Land weit hinten, darunter auch bei der formalen Beteiligung von Frauen am Arbeitsmarkt, ihrem Besitz und ihrer Ernährung. Gewalt gegen Frauen ist an der Tagesordnung. Und in Kerala haben trotz hoher weiblicher Alphabetisierungsraten und starker Indikatoren für menschliche Entwicklung nur relativ wenig Frauen bezahlte Arbeit.

Trotzdem nimmt die unverfrorene und vehemente Frauenfeindlichkeit, die sich in der Reaktion gegen das Urteil des Obersten Gerichts zeigt, eine Sonderstellung ein. Dies ist der Grund, warum Demonstrationen der Einheit und des Kampfes für Gleichheit wie die Mauer der Frauen nicht nur erhebend sind, sondern auch für die Zukunft Indiens enorm wichtig.

Nach einem schwierigen Jahr ist die Mauer der Frauen ein potentes Symbol für das, was möglich ist. Die Aktion hat klar gemacht, dass Frauen im Kampf für ihre eigene Emanzipation an vorderster Front stehen – und damit die gesamte Gesellschaft befreien.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff.

(c) Project Syndicate

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