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Zu Beginn der Covid-19-Pandemie war es üblich, Länder und ihre Maßnahmen zur Virusbekämpfung gemäß ihrem politischen System zu unterscheiden. Chinas Erfolg bei der Kontrolle des Virus wurde beispielsweise häufig auf seinen Autoritarismus zurückgeführt. Inzwischen ist jedoch klar, dass die wahre Trennlinie keine politische, sondern eine geografische ist. Unabhängig davon, ob ein Land demokratisch oder autoritär regiert wird, ob es eine Insel ist oder Teil eines Kontinents, ob es konfuzianisch oder buddhistisch ist, kommunitaristisch oder individualistisch: liegt es in Ostasien, Südostasien oder im Westpazifik, hat es Covid-19 besser bewältigt als jedes europäische oder nordamerikanische Land.

Die Trennlinie verläuft nicht absolut präzise zwischen den Hemisphären. Sie verläuft aber doch ausreichend präzise, um zu denken zu geben. Selbst die asiatischen Länder mit der  schlimmsten Entwicklung – wie etwa die Philippinen und Indonesien – haben die Pandemie wirksamer unter Kontrolle gehalten als Europas größte und wohlhabendste Länder. Ungeachtet begründeter Zweifel an der Qualität und Genauigkeit der gemeldeten Sterblichkeitsdaten im Falle der Philippinen (und Indiens) bleibt die Tatsache, dass die Wahrscheinlichkeit, 2020 an Covid-19 zu sterben, für Europäer oder Amerikaner wesentlich größer war als für Asiaten.

Es bedarf dringend umfassender Untersuchungen, um diese Unterschiede zu erklären. Viele unserer derzeitigen Erkenntnisse beruhen auf Einzelbeobachtungen und sind nicht ausreichend regionenübergreifend angelegt. Daher lassen sie sich leicht politisch instrumentalisieren und sind anfällig für Verzerrungen. Um alle Länder dabei zu unterstützen, sich gegen künftige biologische Bedrohungen zu wappnen, sind mehrere konkrete Fragen zu untersuchen. Die erste betrifft das Ausmaß, in dem die Erfahrungen mit SARS, MERS, der Vogelgrippe und anderen Krankheitsausbrüchen in asiatischen Ländern dazu geführt haben, dass die Gesundheitssysteme besser vorbereitet sind und die Bevölkerung empfänglicher für schützende Maßnahmen ist.

Wenn Historiker künftig nach einem Datum für den Beginn des „asiatischen Jahrhunderts“ suchen, könnten sie versucht sein, sich für das Jahr 2020 zu entscheiden.

Einige asiatische Länder haben eindeutig von bestehenden Strukturen profitiert, die darauf ausgelegt sind, Ausbrüche von Tuberkulose, Cholera, Typhus, HIV/AIDS und anderen Infektionskrankheiten zu verhindern. So hatte etwa Japan (Stand 2014) 48 452 Public Health Nurses, von denen 7 266 in öffentlichen Gesundheitszentren beschäftigt waren. Sie konnten schnell mobilisiert werden, um bei der Rückverfolgung von Kontaktpersonen zu helfen. Trotz abweichender Berufsdefinitionen lassen sich diese Zahlen mit denen für England vergleichen, wo 2014 nur 350–750 Public Health Nurses im Einsatz waren.

Zudem waren einige Länder wesentlich erfolgreicher darin, Pflegeheime und andere Senioreneinrichtungen zu schützen – vor allem Länder mit einem hohen Bevölkerungsanteil von über 65-Jährigen (insbesondere Japan und Südkorea).

Darüber hinaus gab es zwischen den verschiedenen Ländern klare Unterschiede bei der Effektivität der Kommunikation im Bereich der öffentlichen Gesundheit, und womöglich trugen genetische Unterschiede und frühere Impfprogramme gegen Tuberkulose in einigen Gegenden dazu bei, die Ausbreitung des Coronavirus zu begrenzen. Nur durch stringente empirische Untersuchungen werden wir die Informationen erhalten, die wir zur Vorbereitung auf künftige Bedrohungen brauchen.

Häufig wird die Frage diskutiert, was der relative Erfolg Asiens für die Ordnungs- und Geopolitik im Gefolge der Pandemie bedeutet. Wenn Historiker künftig nach einem Datum für den Beginn des „asiatischen Jahrhunderts“ suchen, könnten sie versucht sein, sich für das Jahr 2020 zu entscheiden – genau wie der US-Verleger Henry Luce das „amerikanische Jahrhundert“ mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs beginnen ließ.

Eine systemische Überlegenheit Chinas lässt sich nicht zwangsläufig ausmachen, schließlich waren viele andere asiatische Länder gleichermaßen erfolgreich.

Doch legt gerade dieser Vergleich nahe, dass jedes derartige Urteil verfrüht sein könnte. Schließlich war das Amerika von Luce eine einzelne Supermacht. Das asiatische Jahrhundert wird einen kompletten Kontinent mit einer breiten Palette von Ländern umfassen.

Anders ausgedrückt: Es geht nicht nur um China. Natürlich war diese aufstrebende neue Supermacht – nach anfänglichen Versäumnissen und einem Mangel an Transparenz zu Beginn der Pandemie – bemerkenswert erfolgreich bei deren Bewältigung. Doch eine systemische Überlegenheit lässt sich nicht zwangsläufig ausmachen, schließlich waren viele andere asiatische Länder gleichermaßen erfolgreich.

Auch aus wirtschaftlicher Perspektive könnte der Vergleich mit der Nachkriegszeit verfrüht sein. Die Wirtschaftsentwicklung der asiatischen Länder konnte 2020 nicht mit ihrem Erfolg bei der Pandemiebekämpfung mithalten. Zwar haben Vietnam, China und Taiwan die übrige Welt beim BIP-Wachstum übertroffen. Doch auch die USA schlugen sich trotz ihres Versagens bei der Bekämpfung des Virus nicht allzu schlecht. Die Prognosen deuten für 2020 auf einen Rückgang des BIP von 3,6 Prozent hin; damit stehen die USA besser da als jede europäische Volkswirtschaft und auch besser als Japan, Malaysia, Singapur, Thailand, die Philippinen und andere asiatische Länder. Im Vergleich zu den USA sind viele asiatische Volkswirtschaften stärker von Handels- und Reiseverboten betroffen, die die Touristikbranche hart getroffen haben.

Womöglich ist es zu früh, eine neue historische Epoche zu verkünden. Zu früh, Lehren aus Asiens Erfolgen im Bereich der öffentlichen Gesundheit zu ziehen, ist es jedoch keinesfalls.

Obwohl die Entwicklung in China 2020 besser verlief als im Westen, hat das Land keine politischen oder diplomatischen Vorteile aus der Krise ziehen können oder es auch nur ernsthaft versucht. Allenfalls ist China gegenüber seinen unmittelbaren Nachbarn und Ländern wie Australien aggressiver aufgetreten. Dies legt nahe, dass die chinesische Führung nicht einmal darum bemüht ist, ein asiatisches Netz aus Freunden und Unterstützern aufzubauen.

Wie China die Frage der internationalen Schuldenumstrukturierung angeht wird 2021 ein zentraler Test sein. Doch natürlich werden auch die USA und der übrige Westen auf die Probe gestellt, und zwar in einem breiten Spektrum von Themen, die vom internationalen Finanzwesen bis hin zur soziopolitischen Stabilität reichen.

Womöglich ist es zu früh, eine neue historische Epoche zu verkünden. Zu früh, Lehren aus Asiens Erfolgen im Bereich der öffentlichen Gesundheit zu ziehen, ist es jedoch keinesfalls.

Aus dem Englischen von Jan Doolan

(c) Project Syndicate