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Moral und Moneten
Der Neustart der Bundesliga steht für eine Rückkehr zur Normalität. Ihrer gesellschaftlichen Verantwortung wird sie dabei leider nicht gerecht.

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Hexenkessel Westfalenstadion.

An einem Wochenende Mitte Mai 2020 schaut die ganze Welt auf Deutschland. Die Fußball-Bundesliga hat ihren Betrieb wieder aufgenommen, sie ist damit die erste große Liga, die nach dem Lockdown wieder spielt. Zwar ähnelte die Geräuschkulisse in den leeren Arenen der Atmosphäre beim Kreisligafußball, aber die Fernsehbilder aus Dortmund, Frankfurt und den anderen Spielorten konnten weltweit ausgestrahlt werden. Die internationalen Beobachter schwankten zwischen Neid, Bewunderung und Dankbarkeit.

Das eigens für die Wiederaufnahme des Spielbetriebs erstellte Konzept der Deutschen Fußball Liga DFL wird ehrfürchtig durchgeblättert und zitiert. Gerade in England – dem Mutterland des Fußballs – gab es ausführliche Berichte darüber, welche Hürden die Beteiligten beim Weg ins Stadion überwinden mussten. Von außen betrachtet war es die Rückkehr der deutschen Wertarbeit, nur diesmal nicht mit komplexen Maschinen oder hochtourigen Automobilen. Wer anders als der selbst ernannte Fußballgott Zlatan Ibrahimovic hätte die Gefühlslage der vor dem Bildschirm versammelten Fußballwelt am besten zusammenfassen können? „Sie sagen es, sie machen es. Danke!“ huldigte er dem deutschen Fußballbetrieb auf Instagram.

Aus der Liga selbst war viel Dankbarkeit für das Gesundheitssystem und die sorgfältige Abwägung der Politik zu hören. Es wurde aber vor allem davon gesprochen, dass dies ein vorsichtiger Schritt in Richtung Normalität sein kann. Und das war es auch für viele Haushalte, die seit Wochen in einer Zwischenwelt aus Zwangsurlaub, verkürzter Arbeitszeit, Homeoffice, Homeschooling, Wochenende und Ferien leben. Zwar sind Schulen und Kindergärten weiterhin nur im Minimalbetrieb. Aber die Rückkehr des festen Termins am Samstagnachmittag wirkte wie ein Signal dafür, dass nun auch diese Teile des Alltags vielleicht so langsam wiederkehren werden.

Von außen betrachtet war der Re-Start die Rückkehr der deutschen Wertarbeit, nur diesmal nicht mit komplexen Maschinen oder hochtourigen Automobilen.

Die erfolgreiche Durchführung der ersten beiden Spieltage nach Corona wurde dann auch gleich als Bestätigung dafür aufgefasst, dass der deutsche Fußball alles richtig gemacht habe und die vielen Kritiker nun widerlegt seien. Denn es war nicht ganz unumstritten, dass professionelle Fußballvereine mit hochbezahlten Kickern den Spielbetrieb wieder aufnehmen, bloß damit einige Klubs mit ihren auf Kante genähten Business-Modellen nicht schon Ende Mai pleitegehen. Die vielen wohltätigen Initiativen von einigen Profis konnten nicht verbergen, dass die Gehaltsverzichte der hochdotierten Sportler dann doch eher im symbolischen Bereich geblieben waren.

Fußballbegeisterte Hipster führen gern das berühmte Zitat von Albert Camus an, um ihre Euphorie über kickende Millionäre zu rechtfertigen: „Alles, was ich über Moral und Verpflichtungen weiß, verdanke ich dem Fußball.“ An diesem Maßstab gemessen, gibt die Bundesliga momentan eher ein trübes Bild ab. Sie macht sich zwar gern gesellschaftlich groß, spricht über Verantwortung und Vorbildwirkung, wann immer es in den Businessplan passt. Aber die Verpflichtung wird stets bei der Gesellschaft gesehen, während die Vereine dies mit der Steuerlast als erledigt betrachten. Die Corona-Krise hat diese Heuchelei offengelegt: In den Worten von Oke Göttlich, Präsident des FC St. Pauli: „Spiele ohne Fans bieten in allen Facetten ein gruseliges Bild, was wir alle im puren Marktglauben aus diesem Spiel gemacht haben.“

Dabei könnte die erfolgreiche Rückkehr zu einer Art der Normalität mit einem neuen, wirklich vorbildhaften Element verknüpft werden. Das Kopenhagener Tella Parken Stadion, wo normalerweise die Kicker vom FC Kopenhagen oder die dänische Nationalmannschaft ihre Heimspiele austragen, hat sich zum Klassenraum gewandelt. Dort verbringen momentan etwa 200 Schülerinnen und Schüler ihren Tag, um mit ausreichend physischer Distanz weiterhin dem Unterricht folgen zu können. Eine Fußballtribüne, deren Sitzreihen zum Lernen genutzt werden, so dass zumindest ein Teil der Klassen ein Stück Alltag erfahren kann. In Deutschland tummeln sich dahingegen die Ersatzspieler mit physischem Abstand zueinander auf einem Tribünenabschnitt. Ein ganzer Block für keine zehn Personen, aber dafür ein Marktwert von vielen Millionen, der sich da breit machte.

Die „neue Normalität“ nach Corona verlangt eine andere Form des Gewohnten, eine Verbindung zwischen dem Gewohnten und dem gewachsenen Verständnis für soziale Verpflichtungen und dem, was das Zusammenleben grundsätzlich lebenswert macht. Die Bundesliga hat bislang nur den ersten Schritt getan und uns einen Teil des gewohnten Alltags zurückgegeben, in veränderter, ja geisterhafter Atmosphäre. Sie muss nun den zweiten Schritt machen und ihrer gesellschaftlichen Verantwortung, die wir aus den Sonntagsreden kennen, auch gerecht werden. Das heißt, die eigenen großen Grünflächen inklusive Stadion den lokalen Kindergärten oder Schulen zur Verfügung zu stellen. Damit könnte man Familien direkt helfen, sich in der veränderten Normalität zurechtzufinden. Es würde das alte Motto „Mittendrin statt nur dabei“ mit ganz neuem Leben füllen und die Stadien unter der Woche ebenso. Und im Wissen, dass unter der Woche Kindergartenkinder und Schüler die Arenen nutzen, könnten wir alle mit einem besseren Gefühl genießen, dass der Fußball vor Geisterkulisse weitergeht.

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