In den letzten Monaten sahen sich Regierungen und Unternehmen in aller Welt durch die Verbreitung von Covid-19 zu drastischen Maßnahmen gezwungen – sowohl zum Schutz der öffentlichen Gesundheit als auch, um die verheerenden Auswirkungen der Pandemie auf die nationalen Volkswirtschaften und die Finanzen der Bürgerinnen und Bürger zu lindern. Mit bemerkenswertem Tempo wurden mutige neue Haushaltspakete und unternehmerische Maßnahmen auf den Weg gebracht. Viele von ihnen schienen vor der Krise noch undenkbar. Diese Initiativen haben dazu beigetragen, die Weltwirtschaft in einer bisher beispiellosen Notlage zu stabilisieren. Zu viele dieser Initiativen aber haben Frauen nicht ausreichend berücksichtigt. Dabei kommt ihnen eine Schlüsselrolle zu, wenn es um eine vollständige wirtschaftliche Erholung geht.

Auch wenn Männer mit größerer Wahrscheinlichkeit schwer erkranken oder sterben, sind Frauen von den wirtschaftlichen Folgen von Covid-19 stärker betroffen. Weltweit hat die Pandemie nicht nur weiblich dominierte Wirtschaftsbereiche zerstört. Sie hat auch die unbezahlten Betreuungs- und Pflegetätigkeiten vermehrt, die Frauen überproportional auf sich nehmen. Stellen Politiker und Konzernchefs bei ihrer Planung für die Erholung nach der Pandemie nicht die wirtschaftliche Teilhabe der Frauen in den Mittelpunkt, werden selbst die bescheidenen wirtschaftlichen Fortschritte, die Frauen in den letzten Jahrzehnten errungen haben, verloren gehen. Darunter werden die Aussichten für die Weltwirtschaft erheblich leiden.

In Bereichen wie Gastronomie, Bildung, Nahrung und Einzelhandel, die sich während der Krise als besonders verletzlich erwiesen haben, sind in vielen Ländern überwiegend Frauen tätig. In den Entwicklungsländern arbeiten sie meist im informellen Sektor – beispielsweise als Haushaltshilfen oder Verkäuferinnen auf dem Markt – und sind daher kaum gegen plötzliche Arbeitslosigkeit geschützt. Obwohl Frauen nur 39 Prozent der weltweiten Arbeitskräfte stellen, kam eine Analyse des McKinsey Global Institute im Juli 2020 zu dem Ergebnis, dass 54 Prozent der pandemiebezogenen Arbeitsplatzverluste auf sie entfielen.

Weltweit haben Frauen weniger Zugang zu Finanzdienstleistungen als Männer. Daher profitieren sie in geringerem Umfang von staatlichen Unterstützungsmaßnahmen.

Seit letztem März, als wegen der Lockdowns Schulen und Kindertagesstätten in vielen Ländern geschlossen wurden, entfällt der Löwenanteil der Belastung durch Heimunterricht und Kinderbetreuung auf Frauen. In Volkswirtschaften jeglicher Größe haben sich die unbezahlten Pflichten der Frauen vervielfacht – unabhängig davon, ob sie einen Arbeitsplatz haben oder nicht. Im Mai schätzte das globale Beratungsunternehmen Dalberg, dass die Zeit, die Frauen in Indien mit familiären Verpflichtungen verbringen, durch Covid-19 um 30 Prozent gestiegen ist. Im Monat darauf kam dann ein Bericht von Oxfam und Promundo zu dem Ergebnis, dass Frauen in den Vereinigten Staaten wöchentlich zehn bis fünfzehn Stunden mehr für pflegerische Tätigkeiten aufwenden als vor der Pandemie.

Durch den ungleichen Zugang zu finanziellen und digitalen Dienstleistungen hat sich die Verletzlichkeit der Frauen während der Krise noch verstärkt: Weltweit haben Frauen weniger Zugang zu Finanzdienstleistungen als Männer (die Rate liegt bei 77 Prozent). Daher profitieren sie in geringerem Umfang von staatlichen Unterstützungsmaßnahmen. Eine Analyse der Internationalen Fernmeldeunion vom November 2019 ergab, dass Frauen mit 17 Prozent geringerer Wahrscheinlichkeit Zugang zum Internet haben als Männer – eine Lücke, die während der Pandemie noch belastender geworden ist, weil viele geschäftliche Aktivitäten, wichtige Dienstleistungen und der Unterricht für Kinder jetzt online abgewickelt werden.

Diese Ungleichheiten untergraben die Aussichten auf eine globale wirtschaftliche Erholung. Werden die geschlechtsspezifischen Folgen der Pandemie nicht in Angriff genommen, könnte das weltweite BIP laut McKinsey im Jahr 2030 eine Billion US-Dollar niedriger ausfallen. Umgekehrt würden rasche Maßnahmen gegen die diskriminierenden Folgen von Covid-19 bis 2030 zu weltweiten BIP-Gewinnen von 13 Billionen US-Dollar führen.

Sogar in reichen europäischen Ländern sanken die Löhne von Arbeitnehmerinnen schneller als die ihrer männlichen Kollegen.

Der Einfluss, den die geschlechtsregressiven Folgen von Covid-19 auf die Weltwirtschaft haben, wird durch diese Zahlen mit ziemlicher Sicherheit noch unterschätzt. Der McKinsey-Bericht wurde im Juli 2020 veröffentlicht; die geschlechtsspezifischen Kosten der Pandemie sind inzwischen in vielen Ländern noch gestiegen. In den Vereinigten Staaten waren 80 Prozent der 1,1 Millionen Menschen, die aus der Gruppe der erwerbstätigen Bevölkerung herausfielen, Frauen. Im Oktober berichtete das Centre for Monitoring Indian Economy, dass indische Frauen 2,5-mal stärker vom Arbeitsplatzverlust betroffen seien als Männer.

Sogar in reichen europäischen Ländern, in denen Frauen dank gezielter staatlicher Stimulierungsmaßnahmen und starkem Arbeitsschutz weniger von Jobverlust bedroht sind als im Rest der Welt, sanken die Löhne von Arbeitnehmerinnen schneller als die ihrer männlichen Kollegen. Laut einer Analyse der Internationalen Arbeitsorganisation vom Dezember sind die Gehälter der Frauen in Deutschland um 8,6 Prozent gesunken – fast doppelt so stark wie die der Männer. Und ein aktueller Bericht von UN Women kommt zu dem Ergebnis, dass die Armutsraten von Frauen in direkter Folge der pandemiebezogenen Arbeitslosigkeit und Lohnverluste weltweit um 9,1 Prozent gestiegen sind. Die Armutslücke zwischen Männern und Frauen hat sich nach Jahren stetiger Verkleinerung wieder vergrößert.

Im Zuge ihres Wiederaufbaus nach der Pandemie sollten die Vereinigten Staaten und andere Länder einen neuen Kurs einschlagen, der sowohl fairer gegenüber Frauen als auch besser für die Weltwirtschaft ist. Dazu muss die Politik in die Pflegewirtschaft investieren sowie bei den digitalen und finanziellen Dienstleistungen geschlechterspezifische Lücken schließen.

Covid-19 hat verdeutlicht, dass Kinderbetreuung kein „Frauenthema“ ist, sondern ein zentrales Element der Wirtschaft.

Covid-19 hat verdeutlicht, dass Kinderbetreuung kein „Frauenthema“ ist, sondern ein zentrales Element der Wirtschaft. Manche Länder geben einen erheblichen Prozentsatz ihres BIP für die Betreuung ihrer Kinder aus – Schweden beispielsweise 1,1 Prozent und Norwegen 0,7 Prozent –, die meisten Länder aber nicht. In Mexiko liegt dieser Anteil bei nur 0,01 Prozent und in den Vereinigten Staaten bei 0,05 Prozent.

Mit dieser Lücke sollten sich Regierungen befassen. Sie könnten eine Steuerpolitik einführen, die verheiratete Frauen zur Aufnahme einer formellen Beschäftigung motiviert – beispielsweise Steuererleichterungen im Bereich der Kinderbetreuung. Sie könnten zur Finanzierung einer stärker professionalisierten und besser bezahlten Kinderbetreuungsbranche beitragen und damit die Wirtschaft stimulieren, indem sie mehr Frauen zur Rückkehr an ihren Arbeitsplatz verhelfen und mehr Jobs in der Betreuung schaffen.

Außerdem könnten sie Arbeitgebern Anreize geben, ihre familienfreundlichen Maßnahmen und Teilzeitprogramme zu verbessern, um Angestellte zu unterstützen, die während und nach der Pandemie stärker durch Kinderbetreuung beansprucht sind. Solche Reformen würden den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wert der Pflege widerspiegeln und dem globalen BIP zu Wachstum in Billionenhöhe verhelfen.

Wollen wir uns von der schlimmsten Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg erholen, müssen wir das wirtschaftliche Potenzial der gesamten Bevölkerung nutzen.

Obwohl die geschlechtsspezifischen Folgen der Covid-19-Krise sowohl in den Industrie- als auch in den Entwicklungsländern spürbar sind, sind sie nicht gleichmäßig zwischen den Ländern verteilt. In Australien, Dänemark, Norwegen und Großbritannien beispielsweise hat sich die Beschäftigungslücke zwischen Männern und Frauen während der Pandemie verkleinert. Ihre Regierungen haben bereits frühzeitig in der Pandemie mutige Programme zur Kinderbetreuung entwickelt, um arbeitende Eltern während der Schließung von Schulen und Kindergärten zu unterstützen.

Um die Geschlechterlücken bei den digitalen und finanziellen Dienstleistungen zu schließen, stehen den Regierungen mehrere Maßnahmen zur Verfügung: Sie könnten – insbesondere in den Entwicklungsländern – in die digitale Infrastruktur investieren. Die indische Regierung beispielsweise hat 200 Millionen Frauen Nothilfezahlungen gewährt – zusätzlich zu den bereits zuvor bestehenden Investitionen in digitale Identifizierung und finanzielle Inklusion. Außerdem können sich die Staaten gegen Geschlechterstereotype einsetzen, die den Zugang von Frauen zu Mobiltelefonen behindern, und sie können ihre Stimulusprogramme auf Unternehmen ausrichten, die Frauen gehören.

Die wirtschaftliche Teilhabe von Frauen ist nicht nur eine Frage der Fairness. Sie ist auch eine ökonomische Notwendigkeit für Regierungen und Unternehmen, um weltweit das Wachstum und den Lebensstandard zu verbessern. Wollen wir uns von der schlimmsten Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg erholen, müssen wir das wirtschaftliche Potenzial der gesamten Bevölkerung nutzen. So können wir auch gewährleisten, dass wir für die postpandemische Welt ein maximales Wachstum schaffen.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

Dieser Artikel wurde ursprünglich auf ForeignAffairs.com veröffentlicht.