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Der Weg in die Post-Apokalypse
Schon einmal entwickelte sich aus einer massiven Wirtschaftskrise eine gerechtere Gesellschaft. Wird auch das Virus zum Aufbruch führen?

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"Annihilation" dreht sich um die Mission von fünf Wissenschaftlerinnen.

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Wenn ich in den Morgenstunden auf den Schlaf warte, greife ich auf ein Gedankenspiel zurück, um mich abzulenken. Das Spiel besteht darin, dass ich mir überlegen muss, welche Art von Menschen ich mit in die Wildnis nehmen würde, wenn die Apokalypse bevorstünde. Welche menschlichen Eigenschaften sind am vorteilhaftesten? Muskelmasse, Ausdauer, eine fröhliche Persönlichkeit? Vielleicht jemanden, der gut jagen kann. Es ist interessant, was diese Krise uns über uns selbst offenbart.

In einem Essay in der Zeitschrift Wired beschreibt die britische Autorin Laurie Penny, wie Menschen in den meisten unserer Katastrophenszenarien dank roher Kraft und Waffen gerettet werden. In diesen Geschichten ist der Held ein Mann, allein gegen die Gefahr: Terroristen, Zombies, Außerirdische.

Als die Krise kam – unsere aktuelle Krise – stellte sich heraus, dass sie nicht so aussah, wie wir sie uns vorgestellt hatten. Der Held, der sein Leben riskiert, um uns zu retten, ist kein in einen Patronengürtel gehüllter Prepper mit einer Waffe über der Schulter.

Die Heldin ist eine unterbezahlte Aushilfskraft in einem Seniorenheim, die gezwungen ist, sich dem Virus ohne Desinfektionsmittel oder angemessene Schutzausrüstung auszusetzen. Die „Kämpfer an der Front“ in dieser Apokalypse sind keine Soldaten, sondern Pfleger und Ärztinnen, Putzfrauen und Kassierer. Chirurgische Masken und Beatmungsgerät werden aus finnischen Notfalllagern entladen, keine Waffen.

Was zwischen uns und dem Kollaps steht, ist nicht rohe Kraft, sondern Schutzausrüstung, Medikamente und Krankenhausbetten.

Was also zwischen uns und dem Kollaps steht, ist nicht rohe Kraft, sondern Schutzausrüstung, Medikamente und Krankenhausbetten. Es ist genau die Wohlfahrtsstaatlichkeit, die in den letzten Jahrzehnten unterfinanziert und sogar privatisiert worden ist. Es ist die prosaische Infrastruktur der Zivilisation: Altenpflege, medizinische Versorgung, soziale Sicherheit.

Hier werden auch unsere Unzulänglichkeiten sichtbar. Die Geschichten sind inzwischen alltäglich geworden, Geschichten von Menschen, die in Pflegeheimen arbeiten und nach dem Anstieg der Infektionen weiter zur Arbeit gingen, obwohl sie Halsschmerzen hatten. Sie konnten es sich einfach nicht leisten, zu Hause zu bleiben. Am Ende fehlten ihnen und vielen anderen zwei Schutzschichten – eine vor der Armut und eine vor dem Virus.

Einige Politiker haben die Herausforderung, dem Virus beizukommen, dennoch als „Krieg“ bezeichnet. Aber ein echter Krieg, Gott behüte, verlangt Taten. Was jetzt von den meisten von uns gebraucht wird, ist das Gegenteil: Geduld, Fürsorge für andere, stille Solidarität, kleine Gesten der Freundlichkeit.

Die Angst der Privilegierten, dass sie alles verlieren könnten, schwang zwischen den Zeilen mit. Ein ganzes System bebt.

Natürlich, wenn es wirklich ein Krieg wäre, wie die indische Autorin Arundhati Roy rhetorisch fragt, wer wäre dann besser vorbereitet als die Vereinigten Staaten? „Wenn es nicht Masken und Handschuhe wären, die ihre Frontsoldaten bräuchten, sondern Gewehre, intelligente Bomben, bunkerbrechende Waffen, U-Boote, Kampfjets und Atombomben, gäbe es dann einen Mangel?“ Wohl kaum.

Die Lieblingszeitung der Finanzelite, die Financial Times, veröffentlichte vor einigen Wochen einen historischen Text. „Das Virus legt die Zerbrechlichkeit des Gesellschaftsvertrags offen", lautete der Titel des Artikels, der von der Chefredaktion der Zeitung verfasst wurde. Sie argumentierte, dass die vorherrschende politische Richtung der letzten Jahre umgekehrt werden müsse und dass Vorschläge wie ein universelles Grundeinkommen und höhere Vermögenssteuern erwogen werden müssten - Ideen, die bisher nur in viel radikaleren Kreisen diskutiert wurden.

„Wie die westlichen Staats- und Regierungschefs in der Weltwirtschaftskrise und nach dem Zweiten Weltkrieg gelernt haben, muss man, um kollektive Opfer zu fordern, einen Gesellschaftsvertrag anbieten, der allen zu Gute kommt", argumentierte die Financial Times.

Die Angst der Privilegierten, dass sie alles verlieren könnten, schwang zwischen den Zeilen mit. Ein ganzes System bebt. Gerade jetzt, so stand es in derselben Zeitung, steuern mehr Amerikaner auf die Arbeitslosigkeit zu als in den 1930er Jahren.

Die „Wirtschaft“ ist nicht nur und nicht mal in erster Linie eine Frage des Profits oder des Geldes, sondern der materiellen Bedingungen der Menschen.

In der Diskussion um das Corona-Virus gibt es eine falsche Dichotomie. Es geht nicht um die Wahl zwischen „Wirtschaft“ auf der einen und „Gesundheit“ auf der anderen Seite. Die „Wirtschaft“ ist nicht nur und nicht mal in erster Linie eine Frage des Profits oder des Geldes, sondern der materiellen Bedingungen der Menschen – des Gleichgewichts zwischen Arbeit und Kapital, der öffentlichen Gesundheit und der Arbeitslosigkeit. Hoffnung gegen Verzweiflung.

Viele lesen jetzt „Die Pest“ von Albert Camus, einen prophetischen Roman, der für diesen Moment geschrieben scheint. Aber ich wähle aus dem Bücherregal einen anderen Klassiker. John Steinbecks „Früchte des Zorns“ beschreibt die herzzerreißende Realität, die die Wirtschaftskrise der 1930er Jahre, verbunden mit einer ökologischen Katastrophe, im amerikanischen „Dust Bowl“ geschaffen hat.

In dem Buch bricht die Familie Joad nach Kalifornien auf und bewegt sich durch die Apokalypse. Unter ihren Mitgliedern sind Tom und Ma. Da ist Rose of Sharon, die vom Kind zur Erwachsenen wird und auf der letzten Seite die Milch ihrer Brust einem verhungernden Fremden anbietet. Jim Casey begleitet sie – ein Prediger, der seinen Glauben verloren hat. In diesem Lehrbuch der Wirtschaft wird der ehemalige Priester zum Gewerkschaftsagitator. Für seine Nöte wird er zu Tode geprügelt. Doch aus der Wirtschaftskrise erwuchs schließlich die Forderung nach einer anderen, einer gerechteren Gesellschaft.

Plötzlich scheint sich die Mittelschicht daran zu erinnern, dass der Wohlfahrtsstaat nicht etwa nur die Schwachen und Armen schützt.

Das Corona-Virus schneidet wie ein Messer, aber keineswegs ohne Unterschied. Es sortiert nach Klasse. Die wohlhabenden und bürgerlichen Büroangestellten können sich zu Hause isolieren. Die Arbeiter, die Krankenpfleger, die Kassierer und die Busfahrer sind enormen Risiken ausgesetzt und tragen die Last für alle anderen. Diejenigen mit unsicherer Beschäftigung und niedrigem Einkommen, die bereits krank und durch Armut geschwächt sind, leiden am meisten. Ganz unten in der Hierarchie kämpfen die Arbeiter in der „Gig“-Ökonomie und die Obdachlosen – ohne jeglichen Schutz. 

Jeder kann an dem Virus sterben, aber die Armen und Kranken sterben am zahlreichsten. Die Länder, die es sich leisten können, stärken jetzt in Panik ihre sozialen Sicherungssysteme. Plötzlich scheint sich die Mittelschicht daran zu erinnern, dass der Wohlfahrtsstaat nicht etwa nur die Schwachen und Armen schützt. In Schweden wurde die Obergrenze für die Arbeitslosenversicherung ohne Diskussion angehoben. Im Vereinigten Königreich werden Milliarden ins Sozialversicherungssystem gepumpt. Ist das Virus ein Erwachen? Ich hoffe es, aber ich bin mir nicht sicher.

Ich liege eine weitere schlaflose Nacht wach. Diesmal denke ich an die Familie Joad. Sie sind nicht die Leute, die ich auswählen würde, wenn ich mein imaginäres optimales Team für die Post-Apokalypse aufbauen müsste. Aber im wirklichen Leben, so stellt sich heraus, kann man sich nicht aussuchen, wann und wo die Krise zuschlägt. Sie stehen einfach da – die Alten, die Kranken und die Armen – und fordern einen Platz im Team und eine faire Überlebenschance.

Aus dem Englischen von Marius Mühlhausen

Dieser Artikel ist eine gemeinsame Veröffentlichung von Social Europe und dem IPG-Journal. Eine schwedische Version erschien in der Zeitschrift „Aftonbladet“.

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