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Der weiße Fleck der Terrorbekämpfung
Rechtsextreme Terroristen folgen denselben Mustern wie islamistische Extremisten - und müssen auch so bekämpft werden.

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AFP
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Proteste in Charlottesville, USA, von White Supremacy- und Alt-Right-Anhängern im August 2018.

Weder die Theorie von der weißen Vorherrschaft noch die in ihrem Namen ausgeführten rassistisch motivierten Terrorangriffe sind neue Phänomene. Doch die Antwort auf den rechtsextremen Terrorismus bleibt weiterhin völlig unzureichend. Nach dem Massaker in Neuseeland tat US-Präsident Donald Trump die Bedrohung durch den weißen Nationalismus als Fall einer „kleinen Gruppe von Menschen mit einem sehr, sehr ernsten Problem“ ab. Das fügt sich in einen umfassenderen Trend, im Rahmen dessen Anschläge durch Täter mit muslimischen Hintergrund sofort als „Terrorakte” eingestuft und systematisch unter ausreichender Ressourcenausstattung bekämpft werden, während gewalttätige Angriffe, die im Namen anderer Ideologien verübt werden, als „Einzelfälle“ betrachtet werden. 

Derartige Ereignisse sind jedoch keine Einzelfälle. Laut Angaben des globalen Terrorismus-Index 2018 ist die Zahl der Todesopfer durch terroristische Angriffe im Zusammenhang mit  rechtsextremen Gruppen oder Einzelpersonen seit 2014 kontinuierlich gestiegen. In den Vereinigten Staaten haben Rechtsextremisten weit mehr Anschläge verübt als Islamisten. Direkter Ansporn für den Anschlag in Christchurch waren die rechtsextremen Terroranschläge in Norwegen im Jahr 2011, die ich glücklicherweise als einer der wenigen überlebte. Tatsächlich behauptet der Schütze von Christchurch, mit dem Segen des norwegischen Attentäters Anders Breivik agiert zu haben, der bei den von ihm verübten Anschlägen 77 Menschen tötete.

Breivik ist bei weitem nicht das einzige Vorbild des Schützen im Hinblick auf den weißen Suprematismus. In seinem kurz vor dem Anschlag veröffentlichten, weitschweifigen „Manifest” erwähnt er auch andere Rechtsextremisten – wie etwa Dylann Roof, der 2015 in Charleston im amerikanischen Bundesstaat South Carolina neun Afroamerikaner in einer Kirche ermordete. Das alles widerspricht der Vorstellung, dass es sich bei Massakern wie in Christchurch um einmalige Angriffe gestörter Einzeltäter – geisteskranker „einsamer Wölfe“ – handelt.  Diese Attentate sind ganz klar Teil eines umfassenderen Musters und sie erfordern Maßnahmen wie sie auch im Rahmen aller anderen Bestrebungen zur Terrorismusbekämpfung ergriffen werden.

Gewalttätige weiße Suprematisten – ebenso wie extremistische Islamisten – organisieren sich grenzüberschreitend, knüpfen enge Verbindungen und sind bestrebt, ihre Botschaften wechselseitig zu verstärken.

Dazu muss in erster Linie der Zusammenhang zwischen dem wieder erstarkenden rechtsextremen Nationalismus, dem Alltagsrassismus und der mit Andeutungen und versteckten Signalen für bestimmte Wählerschichten aufgeladenen sogenannten „Dog-Whistle-Politik” erkannt werden, die sich in den öffentlichen Diskurs vieler Gesellschaften eingeschlichen haben. Meine Kollegen und ich von Extremely Together, einer von der Kofi-Annan-Stiftung ins Leben gerufenen Jugendinitiative zur Bekämpfung des Extremismus, verfolgen diesen Trend mit wachsender Besorgnis. Manche unter uns wissen aus eigener Erfahrung, wie es ist, Terroranschläge zu überleben.

Wir wissen auch, dass Trump, wenn er davor warnt, dass Einwanderer die USA „heimsuchen”, sich eines Narrativs bedient, wonach manche Bevölkerungsgruppen Untermenschen seien. Dieses Narrativ – das auch andere Spitzenpolitiker wie der brasilianische Präsident Jair Bolsonaro einsetzen – hat Auswirkungen auf die reale Welt und führt unter anderem auch zur Ermutigung extremer Akteure. Es ist keine Überraschung, dass der Schütze von Christchurch in seinem Manifest Trump als „Symbol einer erneuerten weißen Identität und eines gemeinsamen Ziels“ preist.

In der Reaktion auf diese sich verstärkende terroristische Bedrohung muss auch die Tatsache berücksichtigt werden, dass gewalttätige weiße Suprematisten – ebenso wie extremistische Islamisten – sich grenzüberschreitend organisieren, immer engere Verbindungen knüpfen und bestrebt sind, ihre Botschaften wechselseitig zu verstärken. Um diesem Trend entgegenzuwirken, gilt es für  Regierungen und zivilgesellschaftliche Organisationen – ebenso wie bei den Reaktionen auf den islamistischen Terror – auf verstärkte Koordination und Informationsaustausch zu setzen.

Statt sich zu Komplizen und Verstärkern des Terrors zu machen, müssen sich Nachrichtenmedien der faktenbasierten Berichterstattung verschreiben, die die Verbreitung terroristischer Propaganda vermeidet.

Auch die Medien haben eine Rolle zu spielen. Um die maximale Kontrolle über seine Hassbotschaft und ihre Verbreitung zu erlangen, übertrug der Attentäter seinen Anschlag live auf Facebook. Allerdings veröffentlichten zahlreiche Nachrichtenagenturen Teile des Videos auf ihren eigenen Internet-Plattformen, wohl um mit der Verbreitung der Gewaltbotschaft des Täters Klicks zu erzielen. Statt sich zu Komplizen und Verstärkern des Terrors zu machen, müssen sich Nachrichtenmedien der faktenbasierten Berichterstattung verschreiben, die die Verbreitung terroristischer Propaganda vermeidet. Es bedarf womöglich einer Debatte – die auch begrüßt werden sollte – um den Journalistinnen und Journalisten zu helfen, die richtige Balance zu finden, umfassend und unabhängig zu berichten, ohne sich dabei von Extremisten instrumentalisieren zu lassen.

Ein Teil der Verantwortung liegt freilich auch bei sozialen Medien wie Facebook. Die digitalen Technologien von heute bieten einen unmittelbaren und höchst wirksamen Übertragungskanal, mit dem Terroristen oftmals in Echtzeit ein weltweites Publikum erreichen können. Facebook und andere müssen ihren Teil der Verantwortung übernehmen und Wege finden, um zu verhindern, dass ihre Plattformen auf diese Weise verwendet werden. Trotz des starken Anstiegs des Rechtsextremismus erkennen die meisten Menschen auf dieser Welt, dass zwischen uns mehr Verbindendes als Trennendes besteht. Wirksame Maßnahmen gegen die Armut, den Klimawandel, Epidemien und vieles andere erfordern nicht nur grenzüberschreitende Zusammenarbeit, sondern auch Kooperation über ethnische oder religiöse Grenzlinien hinweg.  

Für meine Kollegen bei Extremely Together und mich könnte das Gebot der Stunde nicht deutlicher sein. Wir müssen uns gemeinsam gegen alle Formen des Extremismus und die Hassbotschaften – auch diejenigen unserer gewählten Politikerinnen und Politiker – stellen, durch die Terroristen jeder Couleur ermutigt werden.

(c) Project Syndicate

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier

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