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EUseeland

Die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern erklärt, warum ihr Land nach Europa blickt.

AFP
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Helle Freude: Premierministerin Ardern bei ihrem Europabesuch 2018 mit Präsident Macron.

Nur wenige Orte sind so weit von fast allem entfernt wie Neuseeland. Jedes Jahr zieht die entrückte Schönheit unseres Landes Millionen von Touristen an, die inmitten einmaliger, unberührter Landschaften Erholung suchen. Aber unsere physische Distanz vom Rest der Welt gibt uns Neuseeländern ein besonderes Verständnis von Gemeinschaft und Verbundenheit, das heute wieder sehr relevant ist.

Für uns ist die internationale Partnerschaft mit denen, die unsere Werte – Menschenrechte, offene Gesellschaft und Wirtschaft, integrativer Handel und soziale Gerechtigkeit – mit uns teilen, weder entbehrlich noch optional. Diese Partnerschaft ist für unser Überleben als Inselstaat und für unsere Identität von entscheidender Bedeutung.

Auch die Europäische Union stützt sich auf diese Prinzipien. Also überrascht es angesichts der Herausforderungen unserer heutigen Zeit nicht, dass Neuseeland die EU bei so vielen globalen Themen als Partner betrachtet.

Dieses Gefühl der Verbundenheit wurzelt in der Geschichte. Tausende junger neuseeländischer Männer waren bereit, auf die andere Seite der Welt zu reisen und gemeinsam mit unseren Verbündeten in zwei Weltkriegen zu kämpfen. Insbesondere der erste der beiden schlug eine tiefe Wunde in unser Land. Drei von fünf unserer Männer, die in diesem Krieg kämpften, wurden entweder verletzt oder sogar getötet.

Wir lernten, unbedingte Verfechter von Dialog, Diplomatie und internationaler Rechtsstaatlichkeit zu werden.

Diesen tragischen Verlust – und die Lehren daraus – hat Neuseeland nie vergessen. Wir lernten, dass eine Welt ohne Regeln und ohne friedliche Mittel zur Konfliktlösung eine Welt des Chaos und des Blutvergießens ist. Wir lernten, dass sogar die kleinsten Länder daran beteiligt sind, die Welt, in der wir leben möchten, aufzubauen und zu verteidigen. Und wir lernten, unbedingte Verfechter von Dialog, Diplomatie und internationaler Rechtsstaatlichkeit zu werden – ebenso wie enthusiastische Teilnehmer an Institutionen für Frieden und globale Regierungsführung.

Heute, wo die globalen Regeln und Normen erneut unter Beschuss stehen und die gemeinsame Arbeit an den großen weltweiten Herausforderungen bedroht ist, müssen Länder wie unseres noch enger mit jenen zusammenarbeiten, die sich auf dieselben Grundwerte verpflichtet haben. In dieser Beziehung sieht Neuseeland die EU und ihre Mitgliedstaaten insbesondere bei drei Themenbereichen als wichtige Partner: beim Klimawandel, bei der weltweiten Förderung von Frieden und Stabilität, und beim Handel.

Der Klimawandel ist die entscheidende globale Herausforderung unserer Zeit. Daher arbeiten wir mit unseren Partnern in der EU zusammen, um ehrgeizige Ziele zur Verringerung von Emissionen zu entwickeln. Außerdem teilen wir Informationen und Expertise miteinander, um damit nationale Initiativen zu unterstützen, die dazu beitragen, diese Ziele zu erreichen.

Neuseeland und die EU arbeiten auch zusammen, um den verletzlichsten und am stärksten betroffenen Ländern der Welt dabei zu helfen, sich an die Folgen des Klimawandels anzupassen, und sie in die Lage zu versetzen, auf nachhaltige Weise einen höheren Lebensstandard zu erreichen. In der Pazifikregion haben wir beispielsweise gemeinsam die verstärkte Verwendung erneuerbarer Energien unterstützt. Dies hat die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern verringert und die dortigen Gemeinschaften wirtschaftlich widerstandsfähiger gemacht. So konnten wir dazu beitragen, dass die Region ihre Klimaschutzziele erreicht.

Unsere Partnerschaft im Bereich des Friedens und der Stabilität in der Welt ist ebenso wertvoll. Gemeinsam bekämpfen wir mit Friedenseinsätzen den Terrorismus, fördern wir die Rechtsstaatlichkeit und wehren wir Bedrohungen der Datensicherheit ab. Globale Bedrohungen erfordern globale Antworten, und dafür ist unsere Partnerschaft mit der EU von entscheidender Bedeutung.

Neuseeland und die EU haben jetzt die Gelegenheit, das globale Handelssystem zu verbessern, indem wir ein umfassendes, qualitativ hochwertiges Freihandelsabkommen abschließen.

Und schließlich ist die EU für uns ein unersetzlicher Partner, um die regelgebundenen globalen Handelssysteme zu schützen und zu fördern, die für unseren gemeinsamen Wohlstand so entscheidend sind – und vor allem für den Wohlstand kleiner Länder wie Neuseeland. Ebenso setzen wir uns gemeinsam dafür ein, dass die Vorteile des Handels unter allen unseren Bürgern fair verteilt werden.

Im Mittelpunkt solcher Bemühungen steht natürlich, die Integrität der Welthandelsorganisation zu sichern. Aber Neuseeland und die EU haben jetzt die Gelegenheit, das globale Handelssystem noch zu verbessern, indem wir ein umfassendes, qualitativ hochwertiges Freihandelsabkommen abschließen.

Trotz unserer engen Verbindungen und unserer gemeinsamen Einstellung zum Handel benachteiligen wir uns aufgrund unserer Abkommen mit anderen Ländern gegenseitig. Ein Freihandelsabkommen zwischen der EU und Neuseeland würde beiden Seiten daher erhebliche Vorteile bringen. Allgemeiner betrachtet würde es den Unterstützern des progressiven, inklusiven und nachhaltigen Handels, der allen Mitgliedern der Gesellschaft nützt, einen dringend benötigten Auftrieb geben. Ich hoffe, dass wir so bald wie möglich Fortschritte machen, um ein solches Abkommen zu erreichen.

Neuseeland ist vor der Rolle, die es auf der weltweiten Bühne spielt, nie zurückgeschreckt. Jetzt stehen wir, genau wie in früheren Zeiten des Wandels und der Unsicherheit, Schulter an Schulter mit Europa, um den größten globalen Herausforderungen entgegen zu treten. Die Tiefe dieser Verpflichtung wird dabei durch die physische Distanz nur noch unterstrichen.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

© Project Syndicate

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