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Feministische Front im Klassenkampf
Der Feminismus muss den Sturz der Konzernmacht anstreben, statt ihr ein weibliches Antlitz zu verleihen. Nancy Fraser im Gespräch.

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Seit einigen Jahren befindet sich die Frauenbewegung im Aufschwung, sei es durch eindrucksvolle Demonstrationen gegen häusliche Gewalt und sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz oder durch Massenstreiks am Internationalen Frauentag in Spanien, Polen und anderen Ländern. Diese Aktionen führen hin zu einem antisystemischen Feminismus, der die von Hillary Clinton und Gleichgesinnten propagierte liberale individualistische Variante hinter sich lässt.

Artikuliert wird diese neue feministische Welle unter anderem in dem berühmten Manifest Feminismus für die 99%. Danach ist der Feminismus keine Alternative zum Klassenkampf, sondern vielmehr eine maßgebliche Front im Kampf um eine Welt, die frei ist von Kapitalismus und allen Formen der Unterdrückung. Nancy Fraser ist Co-Autorin dieses Manifests.

Interview von Rebeca Martínez

Was genau ist Feminismus für die 99 Prozent, und warum schreiben Sie solch ein Manifest gerade heute?

Das Manifest ist eine kurze Schrift, die eher populär und zugänglich sein soll als akademisch. Verfasst habe ich es mit der italienischen Feministin Cinzia Arruzza, die in New York lebt, und Tithi Bhattacharya, einer indisch-britischen Professorin, die in den Vereinigten Staaten lehrt.

Das Manifest zielt darauf ab, einen neuen Weg für die feministische Bewegung zu formulieren, die in den letzten Jahrzehnten von einem liberal-konzernfreundlichen Flügel beherrscht wurde, in den Vereinigten Staaten personifiziert durch Hillary Clinton.

Dieser Feminismus ging von Fach- und Führungskräften aus, einer Klasse relativ privilegierter Frauen der Mittelschicht oder oberen Mittelschicht, die hochgebildet und überwiegend weiß waren und die es in der Welt der Wirtschaft, des Militärs oder der Medien zu etwas bringen wollten. Sie hatten sich vorgenommen, in den Unternehmenshierarchien aufzusteigen und genauso behandelt zu werden wie die Männer ihrer eigenen Klasse, mit derselben Bezahlung, demselben Prestige.

Das Manifest zielt darauf ab, einen neuen Weg für die feministische Bewegung zu formulieren, die in den letzten Jahrzehnten von einem liberal-konzernfreundlichen Flügel beherrscht wurde.

Das war kein ernsthaft egalitärer Feminismus, kein Feminismus, der für die große Mehrheit der Frauen viel zu bieten hätte, für die armen Frauen und Arbeiterinnen, die diese Privilegien nicht haben, Migrantinnen, Frauen of Color, Trans- oder Nicht-Cis-Frauen. Dieser Feminismus des 1 Prozent oder bestenfalls der 10 Prozent hat dem Ansehen des Feminismus wirklich geschadet. Er assoziierte unsere Sache mit Elitarismus, Individualismus, den Belangen von Unternehmen. Er brachte den Feminismus in Verruf, weil er uns mit Neoliberalismus, Finanzialisierung, Globalisierung und einer gegen die Arbeiterschaft gerichteten Politik verknüpfte.

Wir drei fanden, es sei an der Zeit, uns einzumischen und eine kurze verständliche Schrift über die Vision und das Projekt eines Feminismus zu verfassen, der, ausgehend von der Situation armer Frauen und Arbeiterinnen, fragt, was wir tatsächlich tun müssen, um das Leben der Frauen zu verbessern. Natürlich sind wir drei damit nicht allein: Auch andere linke Feministinnen entwickeln gerade Alternativen.

Dass sich etwas tut, sieht man an großen Protestmärschen und Demonstrationen zum 8. März [dem Internationalen Frauentag]: Diese Proteste haben einen antisystemischen Charakter, weil sie sich gegen Sparpolitik und Einschnitte ins Sozialsystem richten. Eine Bewegung, die darauf abzielt, die Bedürfnisse von Frauen zu befriedigen, darf sich nicht völlig auf die traditionellen Frauenthemen wie das Recht auf Abtreibung beschränken, auch wenn diese sehr wichtig sind. Sie muss über die Krise der Gesellschaft insgesamt nachdenken und Maßnahmen und Programme ausarbeiten, von denen alle profitieren. Deshalb sprechen wir vom Feminismus für die 99 Prozent. Das heißt nicht nur 99 Prozent der Frauen, sondern 99 Prozent der Menschen auf dem Planeten.

Sie haben den 8. März und die Frauenstreiks erwähnt, die seit 2017 in vielen Ländern organisiert wurden, unter anderem hier in Spanien. Darüber hinaus gingen in den letzten Jahren auch die meisten Proteste der Arbeiterschaft von Frauen aus, etwa Hausangestellten oder Altenpflegerinnen. Haben wir es also mit einer neuen Welle innerhalb des Feminismus zu tun? Und auf welche Phase des neoliberalen Kapitalismus reagiert diese Bewegung?

Ich glaube schon, dass das eine neue Welle ist oder dass die Bewegung zumindest das Potenzial hat, eine zu werden, wenn sie sich vom liberal-konzernfreundlichen Feminismus abspalten kann. Und in meinen Augen deutet vieles darauf hin.

Der Neoliberalismus ist heftig gegen den Bereich der gesellschaftlichen Reproduktion vorgegangen, wie wir es nennen, sämtliche Aktivitäten und Programme also, die Menschen und ihre Reproduktion fördern: von der Geburt und Erziehung von Kindern, der Betreuung von Alten und der Arbeit im privaten Haushalt bis hin zu Bildung, Gesundheit, Verkehr, Renten und Wohnen. All diese Bereiche hat der Neoliberalismus ausgepresst. Nach seiner Logik müssen Frauen in der Erwerbsbevölkerung Vollzeit mitarbeiten, während der Staat im Zuge von Sparmaßnahmen und Finanzialisierung die Ausgaben für Sozialprogramme kürzt.

Hier wird also die staatliche Unterstützung zurückgefahren und gleichzeitig gefordert, dass Frauen ihre Zeit damit verbringen, Gewinne für das Kapital zu produzieren. Daraus entsteht eine echte Krise der Fürsorgearbeit und der gesellschaftlichen Reproduktion. In diesem Bereich finden – wie Sie gesagt haben – die militantesten Streiks und Proteste statt.

In der Krise der 1930er Jahre kreiste die militante Revolte um Industriearbeit. Heute steht die gesellschaftliche Reproduktion im Mittelpunkt.

In der Krise der 1930er Jahre kreiste die militante Revolte um Industriearbeit – Gründung von Gewerkschaften, Kampf um Arbeitnehmerrechte und so weiter. Heute ist die Situation anders, auch infolge der Deindustrialisierung und der Verlagerung industrieller Produktion in den globalen Süden. Nun steht die gesellschaftliche Reproduktion im Mittelpunkt.

Aktionen zur gesellschaftlichen Reproduktion bilden heute die vorderste Front des linken, antisystemischen, antikapitalistischen Kampfes, und Frauen sind die Speerspitze. Wer über eine neue Sichtweise feministischer Politik nachdenkt, sollte diese Tatsache stärker im Mittelpunkt stellen.

Welche wechselseitigen Einflüsse gibt es Ihrer Ansicht nach zwischen diesem Kampf um gesellschaftliche Reproduktion und dem Klassenkampf sowie den antirassistischen und LGBTQ-Bewegungen?

Zunächst meine ich, wir müssen den Klassenkampf neu definieren. Unser Bild vom Klassenkampf ist ebenfalls in den 1930er Jahren verwurzelt: der weiße männliche Industriearbeiter mit Gewerkschaftsbuch. Ich würde aber sagen, dass die Kämpfe um die gesellschaftliche Reproduktion auch Klassenkämpfe sind. Denn Produktion und Industriearbeit sind nur möglich, wenn jemand die Arbeit rund um die Produktion und Erneuerung der Arbeitskräfte übernimmt und sich um die nächste Generation kümmert, die sie ersetzen wird. Gesellschaftliche Reproduktion ist für die kapitalistische Produktion unabdingbar.

Die Arbeit, die diese Menschen hervorbringt und das Zusammenleben formt, ist genauso Arbeit wie die Arbeit in den Fabriken. Klasse entsteht nicht nur durch Arbeitsbeziehungen in der Fabrik, sondern auch durch Beziehungen der gesellschaftlichen Reproduktion, mit der Arbeitskräfte produziert werden. Das alles gehört daher mit zum Klassenkampf.

Ich sehe im Feminismus für die 99 Prozent keine Alternative zum Klassenkampf. Er ist eine von mehreren Fronten im Klassenkampf.

Unser Klassenkampf-Begriff war in der Vergangenheit zu eng. Ich sehe im Feminismus für die 99 Prozent keine Alternative zum Klassenkampf. Er ist eine von mehreren Fronten im Klassenkampf und sollte sich daher mit den bekannten Arbeiterbewegungen wie auch mit den anderen, die Sie erwähnt haben, verbünden: antirassistischen Bewegungen, dem Kampf um Migrant*innenrechte und dem Kampf um LGBTQ-Rechte.

Das spielt auch wegen der neuen Aufteilung der Frauen nach Klasse und Hautfarbe eine Rolle. Die gebildeten Frauen der oberen Mittelschicht, die sich gegen Diskriminierung durchsetzen und an die Spitze von Unternehmen aufsteigen, arbeiten 60 Stunden die Woche in sehr anstrengenden Jobs. Sie stellen Frauen of Color, häufig Migrantinnen ein, die ihnen Sorgearbeit abnehmen, Kinderbetreuung, Saubermachen, Kochen für die Kinder, die Betreuung der Eltern im Pflegeheim und so weiter. Diese liberal-feministischen Frauen stützen sich mithin auf die Arbeit rassifizierter Frauen. Die wiederum befinden sich in einer schwachen Position: Sie haben keine Arbeitnehmerrechte, werden sehr schlecht bezahlt und sind Tätlichkeiten und sexuellen Übergriffen schutzlos ausgeliefert.

Diese Dimension von Klasse und Hautfarbe innerhalb des Feminismus gilt es vorrangig zu behandeln. Der Feminismus für die 99 Prozent muss eine antirassistische Bewegung sein. Er muss die Situation armer Frauen, Arbeiterinnen und rassifizierter Frauen – der Mehrheit der Frauen also – und ihre Bedürfnisse in den Vordergrund rücken, nicht die Bedürfnisse der Aufsteigerinnen in der Wirtschaft, die die gläserne Decke durchstoßen wollen.

Auch in der LGBTQ-Bewegung gibt es einen liberalen Flügel mit Hegemonieansprüchen und daneben die breite Masse von Menschen, deren Bedürfnisse und Probleme marginalisiert werden. Meiner Ansicht nach wird in den LGBTQ-Bewegungen somit ähnlich darum gerungen, wessen Probleme im Mittelpunkt stehen sollen. Ich würde mir wünschen, dass unser Feminismus für die 99 Prozent seine Stimme auch für Transfrauen, queere und lesbische Frauen erhebt, und ich würde mir eine LGBTQ-Bewegung für die 99 Prozent wünschen, die unsere natürliche Verbündete wäre.

Es ist klar, dass der Kampf um die gesellschaftliche Reproduktion einen Block gegen Neoliberalismus und Kapitalismus errichten könnte. Aber wie steht es mit den patriarchalen Verhältnissen: Können wir unter den Bedingungen des Kampfes um die Reproduktion auch gegen männliche Gewalt vorgehen? Können wir diese Front nutzen, um unsere Beziehungen zu anderen Frauen und vor allem Männern zu verändern?

Da möchte ich zunächst die #MeToo-Bewegung ansprechen. Das Image dieser Bewegung in der Öffentlichkeit kreist um Hollywood, hoch bezahlte Schauspielerinnen, Entertainerinnen, die Medien und so weiter. Die breite Masse weniger privilegierter Frauen ist aber sexuellen Übergriffen und Belästigung am Arbeitsplatz noch viel schutzloser ausgeliefert. Ich meine damit Arbeiterinnen in der Landwirtschaft, die zum Teil nicht einmal Papiere haben und ohne Macht und Ressourcen wehrlos sind gegen die Forderungen ihrer Chefs und Vorarbeiter. Dasselbe gilt für Hotelangestellte – nehmen wir als Beispiel den Fall Dominique Strauss-Kahn – oder Frauen, die Büros reinigen. Hausangestellte in Privathaushalten fallen bekanntermaßen besonders häufig Vergewaltigungen und sexuellen Übergriffen zum Opfer.

Die #MeToo-Bewegung ist, wenn man sie in der Breite betrachtet, eine Arbeiterinnenbewegung. Ziel ihres Kampfes ist ein sicherer Arbeitsplatz, an dem Frauen keine Übergriffe erleben. Leider konzentrieren sich die Medien nur auf die Stars, sodass es nicht mehr nach einem Klassenkampf aussieht. Doch beim Thema gesellschaftliche Reproduktion geht es im Grunde auch darum, dass sich die Beziehungen zwischen Produktion und Reproduktion ändern müssen, damit sich in der Familie ein neues Machtgleichgewicht einstellt.

Gesellschaftliche Reproduktion sollte nicht geschlechtsspezifisch den Frauen vorbehalten sein. Diese Arbeit ist wichtig für die Gesellschaft, und einige Bestandteile sind durchaus angenehm und kreativ. Männer sollten ebenfalls eingebunden sein und sich verantwortlich fühlen, sich zu beteiligen und das Ihre beizutragen. Auch hier geht es um eine Veränderung der Dynamik in der Familie. Und natürlich stellt sich ein Feminismus für die 99 Prozent gegen jegliche Gewalt gegen Frauen, gegen Transmenschen, gegen Nicht-Cis-Menschen, gegen rassifizierte Menschen und so weiter.

Die wirklich wichtigen Formen der Macht in unserer Gesellschaft sind unpersönlicher und struktureller Art und schränken die Möglichkeiten der Arbeiterklasse und armer Menschen ein.

Das Wort Patriarchat benutze ich übrigens nicht gern, weil es das Bild einer zweigeteilten Macht impliziert: Da sind ein Meister und eine Dienerin, die sein Untertan ist. Das gibt es teilweise auch noch, keine Frage. Aber die wirklich wichtigen Formen der Macht in unserer Gesellschaft sind eher unpersönlicher und struktureller Art und schränken die Möglichkeiten der Arbeiterklasse und armer Menschen ein.

Mir ist es daher wichtig, dass wir ein anderes Bild von der Macht haben. Macht geht von Banken und dem IWF aus, von der Organisation des Finanzwesens und der Industrie und von der Konstruktion geschlechtsspezifischer rassifizierter Arbeitsmärkte. So entscheidet sich, wer Zugriff auf Ressourcen hat, wer seine Ansprüche geltend machen kann und sogar, wer in Familien und persönlichen Beziehungen gleichberechtigt agieren kann.

Wenn Sie von sozialer Gerechtigkeit sprechen, unterscheiden Sie drei Ebenen. Es gibt die Distribution (die Wirtschaft), aber auch Erkenntnis (Kultur) und Repräsentation (Politik). Inwieweit sind diese drei Ebenen im neuen Feminismus enthalten?

Wir befassen uns, meine ich, mit allen dreien, und sie stehen auch gewissermaßen miteinander in Beziehung. Man kann den wirtschaftliche Bereich und die distributiven Beziehungen nur verändern, wenn man auch die anderen Dinge ändert.

Ob ein Thema als politisch eingeordnet wird, ist oft davon abhängig, ob es als wirtschaftliches Thema durchgeht. Den Kräften des Kapitals zufolge sollten alle Belange rund um den Arbeitsplatz von den Märkten, den Chefs entschieden werden; das seien keine Themen für demokratische, politische, kollektive Selbstbestimmung, heißt es. Zwischen dem, was private Kapitaleigentümer entscheiden, und dem, was demokratische Mehrheiten entscheiden, gibt es eine klare Abgrenzung.

Das ist aber vor allem eine Frage der Kultur: Wir begreifen unsere Situation mithilfe der Sprachen, die uns zur Verfügung stehen. Haben wir Begriffe wie sexuelle Belästigung oder Date-Rape, die Terminologie also, mit der wir Unrecht in der Gesellschaft, unsere eigenen Erfahrungen und Ansprüche artikulieren können?

Der Feminismus hat sehr viel zur Entwicklung einer neuen Sprache beigetragen und somit zu einer veränderten Kultur, zu einem veränderten Verständnis der Menschen darüber, worauf sie Anspruch haben und womit sie sich nicht abfinden müssen. So hat er den Bereich des politischen Diskurses ausgeweitet und auch den Anteil dessen vergrößert, was potenziell eine Frage für die demokratische Entscheidungsfindung und nicht etwa für private Entscheidungen in Familie oder Firma ist.

Im Moment machen wir auf dieser kulturellen Ebene mehr Fortschritte als auf der Ebene der institutionellen Veränderung und Transformation, im politischen wie auch im ökonomischen Bereich. Aber immer geht es um die Beziehungen zwischen diesen drei Ebenen.

Sie haben darauf hingewiesen, dass der Neoliberalismus Kritikpunkte und Forderungen des Feminismus der zweiten Welle und anderer Bewegungen der 1970er Jahre übernommen und sich zu seinem eigenen Vorteil einverleibt hat. Könnte das den neu entstehenden Formen des Feminismus auch widerfahren, und wie können wir das vermeiden?

Der liberale Feminismus wurde gemeinsam mit dem liberalen Antirassismus und der liberalen LGBTQ-Bewegung sowie dem sogenannten „Öko-Kapitalismus“ von einem hegemonischen Herrscherblock, der in den Vereinigten Staaten in der Form des, wie ich es nenne, „progressiven Neoliberalismus“ auftrat, hegemonisiert, also einverleibt.

Diese Bewegungen gaben ihr Charisma, ihre Ideologie her, um grauenhaften politischen Strategien – Finanzialisierung, Prekarisierung der Arbeit, Absenken der Löhne – eine schwulenfreundliche, frauenfreundliche und so weiter Fassade zu verleihen. Das ist definitiv geschehen, und gerade deshalb ist es so wichtig, dass sich die neue feministische Welle von dieser Art des Feminismus lossagt und einen neuen Weg ebnet.

Es ist immer möglich, von mächtigeren Kräften hegemonisiert zu werden, deren ultimative Ziele den eigenen eklatant widersprechen. Emanzipatorische und linke Bewegungen sollten deshalb stets auf der Hut sein.

Wir leben in einer enorm krisenhaften Zeit, in der wir die Chance haben, einen anderen Weg einzuschlagen und eine wahrhaft antisystemische Bewegung für die 99 Prozent aufzubauen.

Heute sagt man uns, wir hätten eigentlich nur zwei Optionen: entweder rechter autoritärer Populismus, der rassistisch und xenophobisch ist, oder die Rückkehr zu unseren liberalen Beschützerinnen und Beschützern und dem progressiven Neoliberalismus. Aber das sind die falschen Alternativen: Wir müssen beide Optionen ablehnen.

Wir leben in einer enorm krisenhaften Zeit, in der wir die Chance haben, einen anderen Weg einzuschlagen und eine wahrhaft antisystemische Bewegung für die 99 Prozent aufzubauen, innerhalb derer der Feminismus für die 99 Prozent nur eine Strömung ist neben Arbeiterbewegungen, Umweltschutz für die 99 Prozent, dem Kampf für die Rechte von Migrantinnen und Migranten für die 99 Prozent und so weiter.

Sie haben geschrieben, dass der Nationalstaat (in der, wie Sie es nennen, Westfälisch-Keynesianischen Ordnung) mit dem Neoliberalismus in eine Krise geraten ist und seine Grenzen nun verschwimmen. Sie bezeichnen das als „Deframing“. Aber welche Rolle spielt der Nationalstaat heute? Kann man sagen, dass er verschwunden ist?

Nein, er ist nicht verschwunden. Die wichtigste Kraft, die arbeitenden Menschen ein gewisses Maß an Schutz und Sicherheit vor dem Kapital bietet, ist seit jeher der Nationalstaat. Und nach wie vor ist der Nationalstaat der erste Adressat für ihre Ansprüche. Wenn wir Schutz suchen, wenn wir soziale Unterstützung brauchen, an wen wenden wir uns? Wir verlangen, dass unser Staat uns eine Antwort gibt.

Das ist verständlich, denn Politik ist noch überwiegend auf nationaler Basis organisiert, und nationale Politik findet vor allem in Form nationaler Wahlkämpfe statt. Tatsache bleibt aber, dass dies im Grunde unzureichend ist.

Wir sehen das bei der Migration, einem großen Konfliktthema, ja einer Krise. Aus aller Welt kommen Menschen, weil sie keinen Staat haben, der sie beschützt oder ihnen auch nur annähernd das gibt, was wir in den reichen Ländern von unserem Staat erwarten. Sie leben in gescheiterten Staaten, in Flüchtlingslagern, sie werden zur Flucht gezwungen durch politische Gewalt, religiöse Verfolgung, einen Einmarsch und die Zerstörung ihres Landes durch die Vereinigten Staaten, die Klimakrise und viele andere Faktoren der globalen Krise, die wir derzeit erleben.

Wenn diese Menschen kommen, verstärken rechtspopulistische Bewegungen ihre nationalistische und exkludierende Politik. Wie lautet Trumps Slogan? „Make America Great Again“ – so großartig, wie es war, ehe die vielen dunkelhäutigen Menschen auftauchten und unser Land ruinierten. Das ist die Ideologie dieser populistischen Bewegung. Deshalb müssen wir uns transnational und global Gedanken machen, wie wir allen Menschen auf der Welt soziale Rechte garantieren können. Sie brauchen diese Rechte, damit sie nicht in ein Boot steigen und ihr Leben aufs Spiel setzen müssen, um irgendwo auf der anderen Seite des Planeten einen anständigen Ort zum Leben zu finden.

 Aus dem Englischen von Anne Emmert

(c) Viento Sur

 

 

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