Kopfbereich

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort
Warum Joe Biden beim Rennen um das Weiße Haus auf Kamala Harris setzt.

Von |
DPA
DPA

Mit John Nance Garner hat Kamala Harris bestimmt nichts gemein: Franklin D. Roosevelts erster Vizepräsident war ein rassistischer Konservativer aus Texas. Die Frage ist eher, ob Harris Ähnlichkeit mit einem anderen Texaner hat, der als Vizepräsidentschaftskandidat für die Demokraten in den Wahlkampf zog: Lyndon B. Johnson. Als John F. Kennedy den Senator aus Texas 1960 auf dem Nominierungsparteitag zum Kandidaten für das Amt des Vizepräsidenten ausrief, gab es Gezeter bei Liberalen wie Walther Reuther, dem Chef der Automobilarbeitergewerkschaft UAW, bei dem einen oder anderen eingefleischten Progressiven um Adlai Stevenson und bei den wenigen schwarzen Delegierten. Keiner der Genannten und auch sonst so gut wie niemand ahnte, dass Johnson als Erster seit Roosevelts Zeiten eine wirklich fortschrittliche Innenpolitik betreiben würde (außenpolitisch sah die Sache anders aus).

Kamala Harris, die Joe Biden am Dienstagnachmittag zu seiner „Running Mate“ erkor, ist eine scharfsinnige politische Strippenzieherin. Doch wenn in ihr eine ähnliche politische Begabung schlummern sollte wie in Lyndon B. Johnson, der auf die Bürgerrechtsbewegung und liberalen Strömungen seiner Zeit mit Gesetzen reagierte, die das Land positiv veränderten, hat sie diese Begabung jedenfalls bislang nicht unter Beweis gestellt. Ebenso wie Joe Biden schwimmt sie mit dem Strom. Als Bezirksstaatsanwältin in San Francisco und als Generalstaatsanwältin des Bundesstaats Kalifornien machte sie genau das, was demokratische Bezirks- und Generalstaatsanwälte seinerzeit immer machten: Sie steuerte in Umwelt- und Gleichstellungsfragen generell einen progressiven Kurs und setzte im Umgang mit Kriminalität auf Härte, obwohl in Kaliforniens Gefängnissen ohnehin schon mehr Häftlinge einsaßen als in den allermeisten Ländern der Welt. Diese Linie war das übliche Rezept für den politischen Aufstieg, und Harris hatte schnell den Dreh heraus, wie man dieses Rezept in die Tat umsetzt.

Auch beim traditionellen Balanceakt demokratischer Politiker zwischen Wirtschaft und Arbeitnehmerschaft hatte sie den richtigen Riecher. Harris ist natürlich gewerkschaftsfreundlich, pflegt aber zugleich – wie das gesamte Demokraten-Establishment in Kaliforniens Norden – enge persönliche Kontakte zu den Großen der High-Tech-Branche (ihr Schwager war Chef der Rechtsabteilung von Uber) und ist auf deren finanzielle Zuwendungen angewiesen. Sie ist keine Populistin – weder im schlechten noch im guten Sinne des Wortes.

Harris ist natürlich gewerkschaftsfreundlich, pflegt aber zugleich enge persönliche Kontakte zu den Großen der High-Tech-Branche.

Kamala Harris ist – eine weitere Parallele zu Biden – eine Instinktpolitikerin. Sie hat erkannt, dass die Nation und insbesondere die Demokratische Partei sich nach links bewegen und dass Biden und seine Administration eine progressivere Politik werden machen müssen als Clinton und Obama. Wie viel progressiver diese Politik aussehen wird, vor allem was die Balance zwischen Kapital und Arbeit betrifft, weiß allerdings noch niemand so recht.

Kurzum: Biden entschied sich unter anderem deshalb für Harris, weil sie genau wie er für die weichgespülte Mitte der Demokratischen Partei steht und deshalb – so vermutlich sein Kalkül – seine Chancen auf den Wahlsieg nicht allzu sehr gefährden dürfte. Die Republikaner werden sich auf sie einschießen, weil sie eine Frau (trifft zu), eine Schwarze (trifft zu), gottlos (wer weiß?) und Sozialistin (trifft nicht zu) ist. Außer bei Donald Trumps Stammwählerschaft werden solche Attacken jedoch ohnehin wenig Wirkung entfalten.

Mit den beiden anderen Afroamerikanerinnen, die weit oben auf seiner Liste standen, wäre Biden ein höheres Risiko eingegangen. Susan Rice steht für das außenpolitische Establishment der Obama-Zeit, aber das trifft bekanntlich auch auf Biden zu. Entscheidender war wohl, dass sie als Kandidatin ohne jede Erfahrung mit Innen- und Wirtschaftspolitik oder auch mit Rassismusfragen spätestens im Wahlkampf (und erst recht im Oval Office) zum Risiko geworden wäre. Karen Bass hätte mit ihrer in der amerikanischen Politik mehr oder weniger beispiellosen Vorgeschichte als führender Kopf einer multiethnischen Bewegung für soziale Gerechtigkeit vielleicht mehr junge Schwarze motiviert, zur Wahl zu geben, aber dass sie sich jahrelang in radikalen Organisationen oder deren Umfeld engagierte, bedeutete ebenfalls ein zu großes Risiko.

In Debatten glänzt Harris als wortgewandte Rednerin und dürfte für Mike Pence eine unangenehme Gegnerin werden.

Eine Frau stach aus dem Kreis der denkbaren Vizepräsidentschaftskandidatinnen heraus: Elizabeth Warren. Sie hätte mit Sicherheit das Format, das Präsidentenamt vom ersten Tag an auszufüllen, falls Biden etwas zustoßen sollte, aber sie ist keine Afroamerikanerin. Hätte er sich für Warren entschieden, hätte Biden außerdem vielleicht fürchten müssen, dass die Wall Street ihm den Geldhahn weitgehend zudreht. Andererseits wären Warren und Bass die beiden möglichen „Running Mates“ gewesen, die vielleicht ein paar mehr fortschrittlich Gesinnte an die Urnen gebracht und mehr Progressive motiviert hätten, nicht nur für die Demokraten zu stimmen, sondern sich auch für die Partei zu engagieren.

Wenn Biden wirklich ein progressiver Präsident werden will, kann er Warren natürlich immer noch als Finanzministerin an seine Seite holen. Sollten die Demokraten die Wahl gewinnen, könnte Kaliforniens Gouverneur Gavin Newsom Karen Bass zu Harris‘ Nachfolgerin im Senat ernennen: Für die kalifornische Wählerschaft dürfte Bass‘ radikale Vergangenheit kein Ausschlusskriterium sein. Für die Nachfolge von Kamala Harris’ Posten im Senat gibt es allerdings so viele Anwärter und Kandidaten, dass man damit fast einen eigenen Senat aufmachen könnte, wenngleich das Establishment – wie immer in Kalifornien – versuchen wird, eine Bewerberin oder einen Bewerber mit so guten Erfolgsaussichten aufs Schild zu heben, dass sich das Bewerberfeld von selber lichtet. So hatte man es bereits gehalten, als Newson als Gouverneurskandidat antrat und als 2016 Kamala Harris für den Senat kandidierte.

Alles in allem kam Biden nach Prüfung der sich bietenden Alternativen wohl zu dem Schluss, dass Harris das kleinste Risiko für den Wahlerfolg bedeutet. Kamala Harris verdankt ihren Triumph der Tatsache, dass sie ideal postiert war: Sie war politisch zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Und eines sei nicht vergessen: In Debatten glänzt Harris als wortgewandte Rednerin und dürfte für Mike Pence eine unangenehme Gegnerin werden. Sie ist klug und, wenn es sein muss, anpassungsfähig – und das progressive Lager setzt sich nur durch, wenn es anpassungsfähige Politikerinnen und Politiker ins Rennen schickt.

Aus dem Englischen von Andreas Bredenfeld

Die Originalversion des Artikels erschien in The American Prospect.

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Bestellen Sie hier den Newsletter.