Uns alle treiben Verheißungen und Bedrohungen rund um KI um. Was wissenschaftliche Entdeckungen angeht, gibt es reichlich Optimismus. Jedoch zeichnet sich speziell bezüglich der Frage, was die Zukunft für Beschäftigte bereithält, eine pessimistische Grundhaltung ab. Es wird befürchtet, dass für diejenigen, die Codes schreiben oder routinemäßige Managementprozesse beaufsichtigen, die Erwerbstätigentage gezählt sind. Und eine arbeitslose Bevölkerung verheißt für die Demokratie nichts Gutes.
Nobelpreisträger Daron Acemoğlu warnt, dass ein großer Teil der gegenwärtigen Innovationen im Bereich der KI zu stark auf Automatisierung um der Automatisierung willen ausgerichtet sei. Dieser Technologiepfad senke den Arbeitskräftebedarf, drücke die Löhne und sorge dafür, dass die Innovationsgewinne nach oben fließen und nicht in die Breite. Dieser Pfad könnte das ökonomische Fundament unterspülen, auf dem die liberale Demokratie in der Vergangenheit ruhte: Wohlstand für breite Bevölkerungsschichten, mannigfaltige Chancen zur produktiven Mitwirkung und das Gefühl, die Zukunft der Demokratie mitbestimmen zu können.
Wenn KI das Gefühl von Teilhabe durch die Automatisierung weiterer Arbeitsbereiche untergräbt, verliert das Gemeinwesen seinen zivilgesellschaftlichen Elan.
Für eine intakte Demokratie braucht es nicht nur Rechte und Repräsentation, sondern die staatsbürgerlichen Handlungsmöglichkeiten, die durch sinnvolle Teilhabe am Wirtschaftsleben entstehen. Wenn KI das Gefühl von Teilhabe durch die Automatisierung weiterer Arbeitsbereiche untergräbt, verliert das Gemeinwesen seinen zivilgesellschaftlichen Elan. Es braucht ein starkes, unabhängiges und selbstbestimmtes Volk, das die demokratischen Institutionen in die Verantwortung nimmt. Geoffrey Hinton stellt fest, dass eine wirtschaftlich bedeutungslose Bevölkerung für demokratische Institutionen zunehmend unsichtbar wird, sodass der Staat schneller von politisch favorisierten Tech-Riesen gekapert wird. Spürbar ist keine technologiefeindliche Stimmung, sondern die differenziertere Sorge, dass konzentrierte technologische Macht und um sich greifende wirtschaftliche Entwurzelung in einer sich gegenseitig verstärkenden Dynamik zur Bedrohung für die Demokratie werden.
Aus dieser Sorge heraus fordern viele pro-demokratische Stimmen klare politische und regulatorische Maßnahmen. Sie schlagen vor, KI-Systeme, die Arbeitsplätze verdrängen, zu besteuern oder in ihrer Nutzung einzuschränken. Alternativ könnte man die Entwicklung von KI zwar zulassen, doch die erzielten Gewinne sollten einem Staatsfonds zufließen, der dauerhaft von der Automatisierung betroffene Arbeitskräfte unterstützt. Hinter diesen Sorgen verbirgt sich eine tiefere Angst davor, dass das Potenzial des Menschen an seine Grenzen stößt und die Technologie von jetzt an sowohl qualitativ als auch kostenmäßig dem menschlichen Bemühen immer überlegen sein wird. Aus diesem Blickwinkel betrachtet, scheinen radikale, von oben verordnete Abhilfemaßnahmen das Naheliegendste zu sein.
Unternehmerische Aufgabe ist jedoch auch die Suche nach Komplementaritäten. Gemeint sind neue Ressourcenkombinationen, die menschliche Arbeit und andere Ressourcen auf verschiedene Arten verknüpfen und neue Wertschöpfungsketten generieren. Dieser Teil des Gesamtbildes fällt in Gesprächen über KI, bei denen die Demokratie im Fokus steht, häufig unter den Tisch. Dieser Aspekt ist aber essenziell, wenn wir nicht nur die Prozesse verstehen wollen, die unsere ökonomische Zukunft prägen werden, sondern auch unser Leben als demokratische Staatsbürger.
Die historische Betrachtung von Fortschrittsschüben zeigt, dass es dabei um weit mehr geht als bloße Substitution. Am Beispiel von James Watts Dampfmaschine wird deutlich: Was zunächst als Optimierung startete, eröffnete eine ganze Kette von Möglichkeiten, wie man physisches und menschliches Kapital neu miteinander kombinieren könnte. Was dieser Flügelschlag der Erfindung lostrat, trug zur Erfindung von Dampfschiffen und Eisenbahnen bei. Was als kostensparende Substitution begonnen hatte, entwickelte sich rasch zur Basis für ganz neue Arten menschlichen Mitwirkens: neue Fertigkeiten, neue Industriezweige, neue Organisationsformen.
Diese wirtschaftlichen Umbrüche wirkten auch auf gesellschaftliche Prozesse: Durch dampfbetriebene Fabriken erhielten viele Frauen erstmals Zugang zu Erwerbsarbeit und damit zu eigener finanzieller Handlungsmacht. Auf diese Weise wurden Reformen in Gang gesetzt, die das Leben von Frauen auf eine breitere demokratische Grundlage stellten.
Komplementaritäten entstehen jedoch nur durch dezentralisiertes Experimentieren. Das bedeutet: Unzählige Einzelpersonen und Unternehmen erproben, wie man Werkzeuge, Instrumente, Fertigkeiten und Ideen neu miteinander kombinieren kann. Diese neuen Kombinationen sind nicht vorhersehbar, denn ihre Entwicklung ist in erster Linie keine technische Frage, sondern eine des Entdeckens. Welche neuen Kombinationen erfolgreich sind, erweist sich erst im Marktprozess.
Ein weiterer wichtiger Aspekt: Wer von den neuen Arrangements profitiert, zeigt sich, wenn die durch die Substitution verursachten Umwälzungen am deutlichsten sichtbar werden. Den ersten Maschinenwebstühlen war nicht anzusehen, dass junge Frauen schon bald ihr eigenes Geld verdienen und die Webstühle somit zum Ausgangspunkt eines emanzipatorischen Wandels werden würden. Nicht nur für das Wirtschaftsleben, sondern auch für das demokratische Leben galt es neue Strukturen zu entdecken.
Nun könnte das Argument vorgebracht werden, dass unsere heutige Herausforderung mit KI eine andere Dynamik sei. Durch frühere Innovationsschübe – von der Dampfmaschine über die Elektrifizierung bis zum Aufstieg der Computertechnik – seien eng begrenzte menschliche Betätigungsfelder automatisiert worden, aber immer sei eine Sphäre übriggeblieben, in der die Menschen im Vorteil waren. Dampfkraft und Elektrizität ersetzten die Muskelkraft; Computer erledigen mechanische Kognitionsaufgaben – aber beim Beurteilen, bei komplexeren Gedankengängen und kreativen Problemlösungen behielten die Menschen die Oberhand.
Die Künstliche Intelligenz dagegen, so argumentieren sie, werde die Menschen wohl schon bald in allen Bereichen des kognitiven Spektrums hinter sich lassen – auch in Bereichen, die früher als alleinige Domänen unserer Spezies galten. Wenn die Maschinen uns nicht nur physisch, sondern auch geistig übertrumpfen, stelle sich die Frage, welches Aktionsfeld dann noch übrigbleibe, zu dem die Menschen etwas Relevantes oder Produktives beitragen könnten. Da die Leistungsfähigkeit der KI in einem nie dagewesenen Tempo voranschreitet, geht die Sorge um, dass nicht nur einzelne Sektoren zerrüttet werden, sondern dass die Verdrängung der Arbeitskraft womöglich alle Bereiche der Gesellschaft auf einmal erfasst und nicht in einem Prozess, der sich über Generationen hinzieht.
Selbst in einer Welt, in der alle erdenklichen Aufgaben von fähigeren Maschinen übernommen werden, werden die Menschen sich noch bessere Rahmenbedingungen wünschen.
In dieser Erzählung fehlt ein entscheidendes Element. Selbst in einer Welt, in der alle erdenklichen Aufgaben von fähigeren Maschinen übernommen werden, werden die Menschen sich noch bessere Rahmenbedingungen wünschen. Das ist kein moralischer Defekt, sondern ein Wesenszug der Conditio humana. Auf jeder Stufe der Menschheitsentwicklung – selbst wenn wir eine zuvor unvorstellbare Fülle an materiellen Gütern erreicht haben – begeben wir uns sogleich auf die Suche nach weiteren Bedürfnissen, die noch nicht befriedigt sind und die wir bis dahin übersehen haben, weil ihre Erfüllung gar nicht im Bereich des Möglichen lag. Das können triviale und kleinkarierte oder höhere Bedürfnisse sein.
An diesem Punkt kommt wieder die Komplementarität ins Spiel. Sobald wir realisieren, dass irgendetwas besser sein könnte, beginnen wir rastlos darüber nachzudenken, mit welchen neuen Kombinationen von Werkzeugen, Instrumenten, Fähigkeiten und Know-how dieses Etwas verbessert werden könnte.
Es kann durchaus sein, dass KI-Systeme früher oder später viele Aufgaben übernehmen, die wir früher einmal als alleinige Domäne des Menschen betrachtet haben. Doch den menschlichen Drang, zu erkennen, was noch fehlt, und die Vorstellungskraft, wie die Dinge anders sein könnten, vermögen diese Systeme nicht auszulöschen. Dieser Drang sorgt dafür, dass wir auf ewig mit dem Wertschöpfungskreislauf verflochten bleiben und weiterhin aktiv zum Fortschritt beitragen werden. Diese Handlungsmacht ist nicht nur der Garant für ökonomische Innovation, sondern für die Unabhängigkeit und Initiative, auf die demokratisches Leben angewiesen ist.
Wem das alles zu abstrakt vorkommt, führe sich zwei Beispiele für Komplementaritätsdynamiken vor Augen, die wir schon jetzt um uns herum beobachten können. Da ist zum einen die Care-Ökonomie. Die USA haben mit kritischen Defiziten in der Kinder- und Altenbetreuung, bei Hospizarbeit und der Behindertenhilfe zu kämpfen – also in Bereichen mit eng umgrenzten Arbeitsaufgaben, deren Basis Empathie, Vertrauen und die Beziehungsgeflechte des täglichen Lebens sind. Es zeichnet sich bereits ab, dass KI-Tools den Verwaltungsaufwand senken, die Zeitplanung optimieren, die Kommunikation erleichtern und dazu beitragen, dass Betreuungspersonen und Pflegekräfte die Unterstützung, die sie leisten, auf die individuellen Bedürfnisse zuschneiden können. Diese Tools senken die Kosten und erweitern die effektiven Kapazitäten, und der Bedarf an menschenzentrierter Betreuung nimmt zu.
Ein zweites Beispiel: Wer KI regelmäßig nutzt, stellt fest, dass sie neue Bedürfnisse sichtbar macht: unerledigte Ideen, Reibungen im Alltag, unausgeschöpfte Potenziale. Meist wird KI nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung zu dem, was man schon kennt und weiß, genutzt. Dieser Instinkt, der dafür sorgt, dass wir unermüdlich, kreativ und hartnäckig nach neuen Möglichkeiten suchen, wie wir unerfüllte Bedürfnisse befriedigen können, ist der Ausgangspunkt für jede neue Komplementarität.
Wenn wir die Zukunft wie ein geschlossenes System behandeln, das keinen Raum für menschliches Handeln, für das Entdecken neuer Bedürfnisse und neuer Ressourcenkombinationen lässt, mit denen diese Bedürfnisse befriedigt werden können, werden wir politische Abhilfemaßnahmen entwickeln, durch die die Zukunft eben genau zum geschlossenen System wird, und die den menschlichen Entdeckerdrang schwächen. Dann entziehen wir möglicherweise im Namen der Verteidigung der Demokratie den Produktivkräften den Boden, auf die eine lebendige Demokratie dringend angewiesen ist.
Deshalb reicht es nicht, wenn wir uns fragen, wie wir mit den Risiken von KI umgehen sollen. Wir müssen uns mit der Frage auseinandersetzen, wie wir die Sphäre bewahren und erweitern können, in der Menschen handeln, Vorstellungen entwickeln und die vorhandenen Instrumente neu kombinieren können. Eine Gesellschaft, die überall nur Substitution sieht, bereitet den Boden für den Rückzug des Menschen; eine Gesellschaft, die Komplementaritäten erkennt, setzt auf die Potenziale des Menschen. Die Gefahr ist nicht, dass die Menschen durch die KI bedeutungslos werden. Die Gefahr ist, dass wir womöglich eine politische und Wirtschaftsordnung herbeiführen, die davon ausgeht, dass wir bedeutungslos sind.
Dieser Artikel ist eine gekürzte Form des Originals aus dem US-Onlinemagazin Persuasion.
Aus dem Englischen von Andreas Bredenfeld




