Drei Wochen vor dem ersten Wahlsieg des russischen Präsidenten Wladimir Putin im März 2000 veröffentlichte sein Wahlkampfteam ein Buch mit dem Titel Aus erster Hand: Gespräche mit Wladimir Putin, das auf Grundlage von 24 Stunden an Interviews mit drei Journalisten verfasst wurde. Mit Zitaten wie „Das Leben ist so eine einfache Sache, wirklich” offenbarte dieses Buch jene tiefe Überzeugung, die Putins Führungsstil zugrunde liegen sollte: Eine komplexe Welt kann und muss vereinfacht werden.

Diese mittlerweile im russischen Establishment verbreitete Weltsicht stammt nicht von Putin selbst, sondern von einer im Dezember 1999 gegründeten Denkfabrik unter der Leitung von German Gref, der unter Putin später zum Minister für wirtschaftliche Entwicklung und Handel aufstieg. In Erwartung eines Wahlsieges Putins lud Grefs Zentrum für strategische Forschung Experten ein, zwei Programme zu entwickeln – eines für die Wirtschaft, das andere für eine Reform der öffentlichen Verwaltung – wobei beide einer fundamentalen Vorgabe zu folgen hatten: Die Dinge nicht zu komplizieren. 

Fünfzehn Jahre später spiegelt sich diese Obsession von der Vereinfachung der Systeme und Strukturen in Putins Ideologie sowie sämtlichen Strategien und Aktivitäten wider. Die Gewaltenteilung in der Regierung ist zu ineffizient, weswegen das Präsidentenamt die Oberhand über alle anderen Teilbereiche behalten muss. Die große Zahl politischer Parteien mit eigenem Parteiprogramm ist zu kompliziert und daher auf eine kurze Liste mit wenigen anerkannten Parteien zu reduzieren, wobei die Repräsentation der Macht (dauerhaft) einer Partei obliegt. Freie Meinungsäußerung leistet unproduktiven Misstönen der Empörung Vorschub, weswegen die Medien klare Vorgaben für ihre Berichterstattung zu erhalten haben. 

Außerdem gab es Putins Regime zufolge auch zu viele öffentliche Institutionen, die zu vielen Aktivitäten nachgingen und unter unzureichender Aufsicht standen, so dass man diese Einrichtungen verkleinerte und ihnen spezielle Aufgaben aus einer kurzen zentralisierten Prioritätenliste zuteilte. Überdies fand man es schwierig, eine Vielzahl an höheren Gerichten zu unterhalten, weswegen diese durch einen einzigen Gerichtshof ersetzt wurden.  

Auch die Problemlösungen wurden vereinfacht

Anstatt differenzierte Lösungen für vielschichtige Probleme zu entwickeln – ein Ansatz, der sorgfältige Abwägung erfordern würde, von Fehlern und Anpassungen ganz zu schweigen – wurden sämtliche Fragen, von Korruption im öffentlichen Bereich bis hin zu Unternehmensführung, eindimensional betrachtet.

Die von Putins Regime an den Tag gelegte Abneigung gegen Komplexität hat sich mit der Zeit intensiviert. Von der relativ harmlosen Überzeugung, wonach Einfachheit zu Klarheit, Überschaubarkeit, Berechenbarkeit und Sicherheit führt, gelangte man zu der gefährlichen Schlussfolgerung, dass die naturgemäß unberechenbare und oftmals undurchdringliche Komplexität eine Bedrohung darstellt. Unter allen Umständen gilt es, komplexe oder komplizierte Gedanken und Institutionen zu zerschlagen, die als Schöpfung eines machtvollen Expertentums betrachtet werden, die der Feind absichtlich zur Verwirrung und Verletzung Russlands in die Welt setzt.

Diese Schwarz-Weiß-Perspektive mag wie eine Fortsetzung der Weltsicht aus der Sowjetära erscheinen. Doch in den 1990er Jahren erzielte Russland beträchtliche Fortschritte in Richtung Modernisierung – und das nicht nur, weil man begann, staatliche Institutionen westlicher Prägung aufzubauen. Die wichtigste Triebkraft hinter der Modernisierung Russlands bestand in der Bildung einer neuen sozialen Ordnung auf Grundlage von Freiheit, Vielfalt und der Erkenntnis, dass eine moderne Welt vielfältige Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung in Bereichen wie Kunst, Wirtschaft, Wissenschaft oder Politik bot.

Bevor sich jedoch eine offene Gesellschaft vollständig etablieren und die damit verbundene Haltung Fuß fassen konnte, wurde die Entwicklung von Putins Ansatz „Einfachheit ist besser“ eingeholt.  Die Ansicht, wonach sich individuelle Chancen und Heterodoxie einer allgemeinen  Berechenbarkeit unterzuordnen hätten, bewog die politische Elite, für sich Allwissenheit zu beanspruchen und Einmischung von außen als die größte Bedrohung für Russlands Zukunft darzustellen.

Von diesen Überzeugungen angetrieben, versuchte eine Union von „Liberalen“ eine Art bürokratische Modernisierung herbeizuführen, nachdem sie sich selbst davon überzeugt hatten, dass man mit einer korrupten Bürokratie und begrenzt demokratischen Institutionen zu liberalen politischen Ergebnissen gelangen könnte. Wenig überraschend scheiterte man mit diesem Vorhaben.  

Innerhalb von nur wenigen Jahren wurde nicht nur deutlich, dass man in einer zwangsläufig komplexen Welt mit „einfachen“ Lösungen keine Resultate erzielte, sondern auch, dass Beschränkungen der Demokratie in Kombination mit bürokratischer Kontrolle von oben nach unten die idealen Voraussetzungen für persönliche Bereicherung schufen. Die Zerstörung der demokratischen Institutionen war nun sowohl von dem Wunsch nach Einfachheit als auch von purer Gier getrieben. Das russische Sprichwort „Einfachheit ist schlimmer als Diebstahl“ erwies sich als ungewöhnlich weitblickend.

 

Das jüngste Opfer des Strebens nach Einfachheit ist die Wissenschaft

Obwohl zunächst nicht als Bedrohung eingestuft, hat sich die Wissenschaft innerhalb der eng begrenzten sozialen und politischen Ordnung von heute zu einem Symbol der Autonomie und Vielfalt entwickelt.

Aus diesem Grund beanspruchte Putin nach seiner Wiederwahl für eine dritte ungesetzliche Amtszeit als Präsident die vollständige Kontrolle über die Russische Akademie der Wissenschaften. Unlängst wurde die 2002 vom bekannten Wissenschaftler und Telekommunikatonsmogul Dmitri Simin gegründete Stiftung „Dynastie“ vom Justizministerium in die Liste „ausländischer Agenten“ aufgenommen. Dies höchstwahrscheinlich mit dem Ziel, die Bemühungen der Organisation zur Schaffung einer modernen wissenschaftlichen Gemeinde zurückzudrängen. Denn die „ausländische Finanzierung“ dieser Stiftung – und Grund für ihren Listeneintrag – stammt nach Angaben Simins von seinen eigenen Bankkonten.

Diese Repression zeigte ernsthafte Auswirkungen auf die wissenschaftliche Gemeinde. Nicht länger willens, in einem Umfeld zu bleiben, wo Kreativität und Forschergeist von Gier und Korruption erstickt werden, schlossen sich russische Top-Forscher den Investoren und dem Kapital an und flohen aus dem Land. Von 1990 bis 2010 verließen 70 Prozent der führenden russischen Mathematiker und die Hälfte der theoretischen Physiker das Land für immer.  Biologen, Chemiker, Techniker und andere Experten wanderten auf der Suche nach besseren Chancen ebenfalls aus. Dieser Trend wird sich nur noch weiter beschleunigen, nachdem Putins Regime die Angriffe in diesem Bereich weiter intensiviert.  

Die repressive Atmosphäre einer grauen, staatlich verordneten Einfachheit hat sich schließlich in alle Lebensbereiche Russlands eingeschlichen. Für die Zeit nach dem Ende von Putins Regime – das zwangsläufig, vielleicht sogar schon bald, kommen wird – bleibt zu hoffen, dass die Russen verstehen, dass der Weg in eine offene, moderne Gesellschaft niemals einfach ist.


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