Nach 1 027 Tagen endete am 19. August der Tesla-Streik, der Arbeitskampfgeschichte schrieb. Begonnen hatte er am 27. Oktober 2023, als rund 40 Mechaniker in zehn Werkstätten in ganz Schweden die Arbeit niederlegten. Auch nach fast drei Jahren hat ihre Gewerkschaft IF Metall ihr Ziel nicht erreicht: einen Tarifvertrag mit Teslas schwedischer Tochtergesellschaft TM Sweden. Der Streik wurde zum längsten schwedischen Arbeitskonflikt seit 100 Jahren und ist weltweit der Einzige, der je gegen Tesla geführt wurde.
Tesla ging aus dem zermürbenden Arbeitskampf als Sieger hervor. Dies war eines der Szenarien, die ich im vergangenen Jahr in meinem Buch über den Konflikt zwischen Tesla und den Gewerkschaften beschrieben habe. Anfangs standen die Zeichen gut. Je länger der Streik dauerte, umso mehr wuchs die Unterstützung. In seiner Hochphase streikten rund 80 Mechaniker. Laut Umfragen stellte sich eine große Mehrheit der schwedischen Bevölkerung hinter die Forderung der Gewerkschaft. Zahlreiche Erhebungen belegen, dass Tesla und Elon Musk sowohl in Schweden als auch im Ausland kontinuierlich an Ansehen verloren.
14 Gewerkschaften aus vier Ländern schlossen sich Solidaritätsstreiks an – eine Form des Arbeitskampfs, die in Ländern wie den USA und Großbritannien verboten ist. Rund 100 Arbeitskampfmaßnahmen wurden gestartet, aber Tesla konnte die meisten davon umgehen oder die Auswirkungen abfedern. Die Gewerkschaften legten Postzustellung, Reinigungsarbeiten, Müllabfuhr und Elektroarbeiten in Werkstätten und an Ladestationen lahm und sorgten dafür, dass in nordeuropäischen Häfen keine Autos mehr entladen wurden.
Zudem verlor Tesla alle von ihm angestrengten Gerichtsverfahren außer einen Fall, der noch vor dem Obersten Gerichtshof anhängig ist. Das Unternehmen hatte den Postdienstleister PostNord, die schwedische Verkehrsbehörde und die Stromnetzbetreiber verklagt, die sich geweigert hatten, seine Ladestationen an das Stromnetz anzuschließen.
Doch das Unternehmen machte sich unverfroren Regelungslücken des schwedischen Systems zunutze. Unter Ausnutzung der EU-Entsenderichtlinie ersetzte es Streikende durch Beschäftigte aus seinen Werkstätten in mindestens 14 europäischen Ländern. Die Produktion eines sicherheitsrelevanten Bauteils verlegte Tesla aus einem blockierten schwedischen Werk in eine Produktionsstätte im Ausland. Als Hafenarbeiter in sämtlichen nordischen Häfen Autotransportschiffe blockierten, ließ das Unternehmen seine Fahrzeuge per Lkw und Passagierfähre transportieren.
Der reichste Mann der Welt, der Donald Trump und rechtsextreme Parteien in Europa unterstützt, setzte sich durch.
Am Ende reichten alle Bemühungen nicht aus. Der reichste Mann der Welt, der Donald Trump und rechtsextreme Parteien in Europa unterstützt, setzte sich durch. Tesla einigte sich mit dem Großteil der streikenden Mechaniker auf Abfindungsvereinbarungen, die mit Vertraulichkeitsklauseln verknüpft wurden. Damit brachen IF Metall die Streikenden weg, und die Gewerkschaft beendete den Streik.
Zum Fazit gehört unter anderem die Erkenntnis, dass die Sanktionen des schwedischen Modells nach wie vor Wirkung zeigen. Ein Unternehmen von Teslas Größe von rund 400 Beschäftigten, das im Land produziert und dessen Zulieferer dort ansässig sind, hätte innerhalb weniger Wochen am Verhandlungstisch gesessen – oder es wäre gar nicht erst zu einem Streik gekommen. In Schweden liegt die Tarifbindung gewerblich Beschäftigter in Unternehmen dieser Größenordnung bei 98 Prozent. Tesla ist also eine extreme Ausnahme. Doch multinationale Konzerne, die bereit sind, erhebliche finanzielle Belastungen und Imageschäden in Kauf zu nehmen, können den schwedischen Gewerkschaften durchaus die Stirn bieten.
Im Unterschied zu vielen anderen europäischen Ländern gibt es in Schweden weder ein Gesetz, das Arbeitgeber zum Abschluss oder zur Einhaltung eines Tarifvertrags verpflichtet, noch gesetzliche Regelungen, mit denen Tarifverträge auf nicht tarifgebundene Arbeitgeber ausgeweitet werden könnten. Es gibt lediglich Normen, die weithin respektiert werden. Menschen wie Musk und Trump sind, wie wir schmerzlich feststellen müssen, stolz darauf, solche Normen zu brechen.
Doch es wäre verfehlt, den Konflikt mit Tesla für eine nordeuropäische Besonderheit zu halten. Zum einen operieren Musks Unternehmen global. Zum anderen ist Musk nicht nur ein gewerkschaftsfeindlicher Arbeitgeber, sondern auch ein politischer Akteur. Im Vorfeld der Bundestagswahl 2025 in Deutschland stellte er sich hinter die rechtsextreme AfD, lud deren Vorsitzende zu einem Gespräch auf seiner Plattform X ein und bekundete seine Unterstützung für die Rechtsaußenbewegung Restore Britain. Musk investiert ganz offensichtlich Geld, Zeit und andere Ressourcen in politische Kräfte, die jene Institutionen, die für Demokratie und Gewerkschaften essenziell sind, demontieren würden.
Das schwedische Modell steht und fällt nicht mit dem Tesla-Streik. Trotzdem sei in aller Deutlichkeit gesagt: Dass der Arbeitskampf so ausging, ist eine schlechte Nachricht – nicht nur für Schweden. Wenn selbst die stärkste Gewerkschaftsbewegung der Welt Tesla keinen Tarifvertrag abringen kann – wer dann? Das ist ein beunruhigendes Signal für Gewerkschaftsbewegungen in allen Ländern, in denen gewerkschaftsfeindliche multinationale Unternehmen um Marktanteile in der grünen und digitalen Wirtschaft konkurrieren. Denn hier werden die Arbeitsplätze der kommenden Jahrzehnte entstehen.
Schon jetzt lassen sich aus diesem außergewöhnlichen Arbeitskampf drei Schlussfolgerungen ziehen. In einem kürzlich erschienenen Bericht, den ich für das Europäische Gewerkschaftsinstitut (ETUI) mitverfasst habe, sind sie zum Teil bereits formuliert.
Erstens: Beschäftigte organisieren, Mitglieder mobilisieren. Vor allem mitgliederstarke Gewerkschaften halten ihre eigene Stärke bisweilen für selbstverständlich. Doch der Fall Tesla zeigt, dass Gewerkschaften sogar in zwei stark gewerkschaftlich geprägten Umfeldern wie Schweden und der deutschen Automobilindustrie unter Umständen nicht die nötigen Mittel und Methoden haben, um ihre Mitglieder zu halten. Selbst ein hoher gewerkschaftlicher Organisationsgrad garantiert nicht, dass alle Mitglieder sich auch wirklich an einem Streik beteiligen: In Schweden blieben rund 40 Prozent der Gewerkschaftsmitglieder dem Streik fern. Neue Mitglieder zu gewinnen, ist entscheidend, aber genauso wichtig ist es, sie zu mobilisieren und zu aktivieren.
Wir müssen Lehren aus dem Kampf der Tesla-Beschäftigten ziehen, damit andere nicht vergeblich kämpfen müssen.
Zweitens: Internationale Solidaritätsaktionen und EU-Regeln müssen neu bewertet werden. Die Aufgabe, Tesla gewerkschaftlich zu organisieren, wird möglicherweise durch die Art und Weise erschwert, wie Gewerkschaften Kosten und Nutzen von Organisierungskampagnen gegeneinander abwägen. Diese Abwägung fällt unter Umständen anders aus, wenn andere Gewerkschaften finanzielle Mittel oder Personal beisteuern oder bei der Koordinierung von Solidaritätsstreiks und Blockaden helfen. Selbst rechtlich sind die Grenzen nicht immer eindeutig und können mitunter gerichtlich geklärt werden, um den Spielraum für nationale und internationale Solidaritätsaktionen abzustecken. Hinzu kommt, dass multinationale Unternehmen Arbeitskräfte, Dienstleistungen und Kapital nahezu ungehindert über Grenzen hinweg verlagern können, während Gewerkschaften weitgehend an nationale Rahmenbedingungen gebunden bleiben. Tesla setzte mithilfe einer EU-Richtlinie Streikbrecher aus anderen Ländern ein. Dabei heißt es in der Richtlinie sogar, sie berühre nicht „das Recht, Tarifverträge auszuhandeln, abzuschließen und durchzusetzen oder im Einklang mit nationalem Recht und/oder nationaler Praxis kollektive Maßnahmen zu ergreifen“. Eine weitere Möglichkeit für Beschäftigte und möglicherweise auch für Gewerkschaften, institutionell Einfluss zu nehmen, ist die Einrichtung eines Europäischen Betriebsrats (EBR) bei Tesla, wobei diese Möglichkeit bislang wenig ausgelotet wurde.
Drittens: Wir brauchen soziale Auflagen für staatliche Fördermittel. Maßnahmen zur Senkung der CO2-Emissionen werden oft zu eng gefasst und rein industrie- und energiepolitisch verstanden. Der Fall Tesla zeigt, was geschieht, wenn solche Maßnahmen von den Institutionen abgekoppelt werden, die Beschäftigte vor den Auswüchsen unternehmerischer Gewinnmaximierung schützen. Es kann nicht Aufgabe des Staates sein, Unternehmen den Weg zu ebnen, die sich weigern, zu verhandeln oder die sozialen Verhältnisse zu verbessern. Wenn der ökologische Wandel gerecht sein soll, müssen soziale Auflagen und somit auch Tarifverträge in den Instrumenten verankert werden, mit denen dieser Wandel finanziert und reguliert wird. Sonst schaffen wir eine Wirtschaftsordnung, die zwar ökologisch nachhaltig, aber nicht sozial nachhaltig ist.
Die streikenden Beschäftigten bei Tesla haben für uns alle gekämpft und sind zu Helden der europäischen Gewerkschaftsgeschichte geworden. Wir müssen Lehren aus ihrem Kampf ziehen, damit andere nicht vergeblich kämpfen müssen.
Aus dem Englischen von Christine Hardung




