Die Krise am Persischen Golf macht deutlich: Die eigentliche Dividende der Energiewende ist heute nicht nur Klimaschutz. Sie ist geopolitische Resilienz. Staaten, die ihre Energieversorgung auf erneuerbare Quellen umgestellt haben, sind deutlich weniger verwundbar gegenüber Kriegen, Blockaden und Preisschocks als jene, die weiter von Öl- und Gasimporten abhängen. Australien zeigt derzeit, wie eine solche Energiepolitik zum geopolitischen Standortvorteil werden kann. Wie lange Handelsschiffe die Straße von Hormus noch ungehindert passieren können, ist derzeit ungewiss.

Australien gehört zu den Ländern, die diese Entwicklung frühzeitig erkannt haben. Die Mitte-links-Regierung von Premierminister Anthony Albanese hat seit der Amtsübernahme 2022 alle Hebel in Bewegung gesetzt, um den Anteil erneuerbarer Energien zu erhöhen. Das gelang so gut, dass das Land inzwischen über ein erhebliches Überangebot an Solarstrom verfügt, insbesondere in den Sommermonaten. Derzeit ist Winter auf der Südhalbkugel der Erde. Dennoch unterbreiten Albanese und Energieminister Chris Bowen ihren Landsleuten in diesen Tagen ein Angebot, dass es in den vielen Jahren einer alles dominierenden Kohleverstromung nie gegeben hat: Ab dem 1. Juli können australische Verbraucher für drei Stunden täglich kostenlos Strom beziehen.

In den Genuss der Solar Sharer Offer der Regierung kommen zunächst der bevölkerungsreichste Bundesstaat New South Wales mit der Metropole Sydney, der Großraum Brisbane sowie Südaustralien und Adelaide. Victoria mit der Millionenstadt Melbourne zieht im Oktober nach, die anderen Bundesstaaten und Territorien sollen 2027 Gratis-Strom beziehen können. Wer in Australien künftig in den Mittagsstunden Elektrizität für Wasch- und Spülmaschinen, Warmwasser, Klimaanlagen, Batteriespeicher oder auch für das Laden von Elektroautos nutzt, kann dies bis zu einer Kappungsgrenze von 24 Kilowattstunden täglich kostenlos tun.

Der Ausbau erneuerbarer Energien wird zunehmend als Bestandteil nationaler Sicherheits- und Industriepolitik verstanden.

Australien verfolgt damit längst mehr als klassische Klimapolitik. Der Ausbau erneuerbarer Energien wird zunehmend als Bestandteil nationaler Sicherheits- und Industriepolitik verstanden. Jede zusätzliche Kilowattstunde Solar- oder Windstrom verringert die Abhängigkeit von geopolitisch unsicheren Energiemärkten. Gerade die Krise um die Straße von Hormus zeigt, welchen strategischen Wert diese Entwicklung inzwischen besitzt.

Auf die in Deutschland deutlich höheren Strompreise umgerechnet ließen sich mit diesem Angebot täglich etwa neun Euro sparen, in Australien rund 60 Prozent weniger, da die Strompreise entsprechend niedriger sind. Die Regierung will die australischen Verbraucher auf diese Art zu einem bewussteren Umgang beim Stromverbrauch bewegen. Viele Menschen in Australien zeigen sich bereits seit Jahren aufgeschlossen für die Vorteile grünen Stroms. Mit umgerechnet 5,5 Milliarden Euro erreichten private Investitionen in erneuerbare Energien 2024 einen Rekordwert. Auf rund fünf Millionen Hausdächern sind mittlerweile Photovoltaik-Anlagen installiert – das ist mehr als ein Drittel aller Haushalte. Damit erzielt Down Under seit diesem Jahr den weltweit höchsten Anteil an der Solarstromerzeugung in Privathaushalten proportional zur Bevölkerungsgröße.

Die erst seit kurzem erzielten Überschüsse aus der Sonneneinstrahlung helfen dem Land nicht zuletzt bei zunehmend langen, intensiven Hitzewellen, die einen höheren Stromverbrauch, etwa für Klimaanlagen, zur Folge haben. „Solarenergie trägt inzwischen einen Großteil der durch Hitze verursachten Spitzenlast am Mittag“, sagt der Energieberater Geoff Eldridge. „Wie die Netze diese Herausforderung heute bewältigen, hat sich deutlich verbessert.“ Noch vor wenigen Jahren deckten erneuerbare Energien nur gut ein Viertel des australischen Strombedarfs. Heute erreichen sie an einzelnen Sommertagen bereits fast 80 Prozent. Das reduziert nicht nur Emissionen, sondern macht das Stromsystem widerstandsfähiger gegenüber Hitzewellen und Nachfragespitzen.

Zuletzt hat sich der Anteil der Erneuerbaren am australischen Energie-Mix nahezu vervierfacht. Seit diesem Jahr liegt er bereits bei über 50 Prozent. Darauf will sich die Labor-Regierung von Premier Albanese nach eigenem Bekunden aber nicht ausruhen, im Gegenteil: Sie hat sich das äußerst ambitioniert erscheinende Ziel gesetzt, den Anteil bis 2030 auf mehr als 80 Prozent zu steigern. Deutschland kommt bei regenerativen Energien derzeit auf rund 65 Prozent. Für Australien ist der aktuelle Wert aber schon sehr hoch vor dem Hintergrund, dass jedwede Energiewende jahrzehntelang verschlafen wurde. Oder, noch drastischer formuliert, bis 2022 nicht einmal angestrebt worden ist.

Noch vor wenigen Jahren gehörte Australien zu den Nachzüglern der Energiewende. Unter konservativen Regierungen dominierten Kohle und klimapolitische Blockaden. Erst mit Anthony Albanese änderte sich der Kurs grundlegend. Albanese verkündete bei seinem Amtsantritt, die australischen „Klima-Kriege“ beenden zu wollen. Auch wenn ihm dies mit Blick auf die Opposition nicht gelungen ist, hat er heute, vier Jahre später, etwas viel Besseres erreicht. Denn das von Albanese geführte Land hat eine Energiewende vollzogen, die diesen Namen auch verdient. Hohe staatliche Investitionen in grüne Energie treiben eine nachhaltige Entwicklung voran. Viele Kohlekraftwerke wurden in den letzten Jahren vom Netz genommen. Und auch die letzten der mittlerweile unrentabel gewordenen Anlagen sollen bis 2035 abgeschaltet werden. Australische Großbanken weigern sich seit längerem schon, neue Kohleminen vorzufinanzieren.

Die Blockade der Straße von Hormus zeigt, wie teuer geopolitische Energieabhängigkeit werden kann.

Neben einem deutlichen Zuwachs von Solar- und Windkraftanlagen läuft auch der Ausbau von Batteriespeicher-Kapazitäten – der in Deutschland ja leider krankt – in Australien auf Hochtouren. Rund zwölf Milliarden Euro investiert die Regierung in Canberra derzeit in den Ausbau des nationalen Stromnetzes, da Solar- oder Windkraftanlagen oft hunderte Kilometer entfernt von den australischen Städten an den Küsten liegen. Mit dem Cheaper Home Batteries Program nahmen Batterie-Installationen binnen eines Jahres um ein Vielfaches zu. Auf 103 Gigawattstunden Speicherkapazität bei existierenden und geplanten Anlagen kommt Australien derzeit. In Deutschland mit seiner dreimal größeren Bevölkerung sind es derzeit nur 6,2 Gigawattstunden.

4,4 Milliarden Euro für Batteriespeicher-Installationskosten stehen dafür im Haushalt in Canberra. Klimaschutz- und Energieminister Chris Bowen betont die Notwendigkeit dieser Investitionen, um geopolitischen Preisschocks im Energiesektor infolge des Iran-Kriegs vorzubeugen. Australien sorgt vor. Denn zusätzlicher Strombedarf entsteht derzeit nicht zuletzt durch die rasante Entwicklung künstlicher Intelligenz. Zudem ist unklar, wie viel zusätzlichen Strom die anvisierte Umstellung von Fahrzeugen mit Verbrenner-Motoren auf Elektroautos künftig benötigen wird. Kein Zweifel: Das aufgrund seiner geografischen Randlage besonders geforderte Australien ist darauf gut eingestellt.

Die Blockade der Straße von Hormus zeigt, wie teuer geopolitische Energieabhängigkeit werden kann. Australiens Antwort darauf besteht nicht in militärischer Absicherung von Handelsrouten, sondern in einer beschleunigten Energiewende. Gerade darin liegt die eigentliche politische Botschaft des australischen Beispiels: Wer erneuerbare Energien ausbaut, betreibt heute nicht nur Klimapolitik. Er stärkt zugleich wirtschaftliche Stabilität, strategische Handlungsfähigkeit und nationale Sicherheit. Vielleicht ist genau das die wichtigste Lehre für Europa.