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Yes, We Khan
Der Nationalismus steht in der Mongolei in voller Blüte. Viraler Widerstand formiert sich – angeführt von einer Metal-Band.

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Screenshot „Wolf Totem“
Screenshot „Wolf Totem“
Schluss mit lustig.

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Ein Fluss schlängelt sich majestätisch durch ein Gebirgstal im Dämmerlicht. Mit einer Kriegsstandarte aus schwarzem Pferdehaar erklimmt ein Reiter einen Hügel. Ihm folgt eine Gruppe bedrohlich anmutender Motorradfahrer. Dazu dramatische Musik. So spektakulär beginnt das in Hollywood-Manier produzierte Musikvideo „Wolf Totem“ der mongolischen Heavy Metal-Band The Hu. Seit der Veröffentlichung des Videos im November 2018 wurde es auf YouTube mittlerweile über 14 Millionen Mal angesehen. Auch die Charts der großen Streaminganbieter hat die Band in den vergangenen Monaten erobert.

Der Erfolg von The Hu im Ausland beruht auf einer Mischung aus Faszination für die ungewöhnliche Verbindung westlicher Heavy Metal-Musik mit traditionellen mongolischen Instrumenten wie Pferdekopfgeige, Maultrommel und Kehlkopfgesang. Zugleich inszenieren die Videos mit Bombast die mongolische Landschaft und bedienen so die gängigen Klischees über das nomadische Leben in der unendlichen Weite der mongolischen Steppe.

Neue Regierungen versprechen viel, halten wenig und setzen die alte Vetternwirtschaft fort. Eine der letzten verbleibenden Gemeinsamkeiten in einer gespaltenen Gesellschaft scheint die Verehrung der Ahnen zu sein.

Doch eine solche oberflächliche Betrachtung wird dem Phänomen The Hu nicht gerecht. Denn deren Popularität in der Mongolei beruht auch auf ihren Liedtexten. Und diese sind hochpolitisch. Auf den ersten Blick strotzt es dort vor Nationalismus. Die Texte erinnern an die Größe Dschingis Khans und bedienen sich martialischer Rhetorik. Feindlich gesinnten Fremden, die nicht näher bestimmt werden, wird Liedzeile für Liedzeile die Vernichtung angedroht.

Ein solcher Nationalismus, der sich auf das mittelalterliche Mongolenreich bezieht, ist kennzeichnend für die moderne Mongolei. War die Erinnerung an die imperiale Geschichte der Mongolei aus ideologischen Gründen während des Sozialismus verboten, steht sie nach der erfolgreichen demokratischen Revolution von 1990 in voller Blüte. Dschingis Khan, der Gründer des vor rund 800 Jahren bis nach Europa reichenden Mongolenreichs, ist heutzutage überall anzutreffen. Sein Konterfei prangt vom Internationalen Flughafen in Ulaanbaatar und sein Porträt fehlt in keinem Regierungsgebäude. Dschingis Khan ziert eine breite Produktpalette von der Streichholzschachtel bis zur Wodkaflasche. Unter seinem Namen firmieren Banken, Versicherungen, Hotels, Einkaufszentren, Hochschulen und Energydrinks.

Die Rückbesinnung auf eine weit zurückliegende Vergangenheit kommt nicht von ungefähr und sagt viel über den Zustand der modernen Mongolei aus. Gewiss, dass sich in dem bevölkerungsschwachen Flächenland zwischen Russland und China nach 1990 ein demokratisches politisches System entwickelt und allen Widrigkeiten zum Trotz bis heute gehalten hat, verdient Anerkennung. Und auch die riesigen Rohstoffvorkommen versprechen Wachstum und Wohlstand. Doch der Flurschaden, der mit dem überstürzten Systemwechsel von der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft einherging, ist bis heute nicht behoben. Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander. Armut und Arbeitslosigkeit verharren auf hohem Niveau.

Verschärft werden diese Probleme durch eine fortgesetzte Landflucht. Der Klimawandel führt in der Mongolei seit Jahren dazu, dass auf extrem trockene Sommer besonders harte Winter folgen. Jedes Jahr verlieren Tausende nomadisch lebende Viehzüchter ihre Herden und damit ihre Lebensgrundlage. Mangels Alternativen ziehen sie in die Hauptstadt Ulaanbaatar, deren Infrastruktur und Arbeitsmarkt bereits jetzt überlastet sind. Die Folge ist eine zunehmend feindselige Stimmung gegenüber Landflüchtlingen sowie deren Ausgrenzung und Diskriminierung.

Zwar bekennt sich eine breite Mehrheit nach wie vor zur Demokratie, doch von ihren Politikern und Parteien erwarten die Mongolen keine Wende zum Besseren mehr.

Freie Wahlen und friedliche Regierungswechsel haben diese Probleme bis jetzt nicht lösen können. Im Gegenteil, die verbreitete Korruption und Oligarchisierung der mongolischen Politik haben die soziale und ökonomische Spaltung eher noch verschärft. Neue Regierungen versprechen viel, halten wenig und setzen die alte Vetternwirtschaft fort. Folgerichtig haben Parteien- und Politikerverdrossenheit in der Bevölkerung mittlerweile ein bedrohliches Ausmaß erreicht. Zwar bekennt sich eine breite Mehrheit nach wie vor zur Demokratie, doch von ihren Politikern und Parteien erwarten die Mongolen keine Wende zum Besseren mehr. Insbesondere in der zahlenmäßig starken, nach der demokratischen Revolution aufgewachsenen jüngeren Generation macht sich politische Apathie breit.

Eine der letzten verbleibenden Gemeinsamkeiten in einer gespaltenen Gesellschaft scheint die Verehrung der Ahnen zu sein. Dass es den Mongolen aufgrund ihrer Überlegenheit gegenüber anderen Völkern gelungen ist, das größte Landimperium der Weltgeschichte zu errichteten, darauf können sich vom Oligarchen bis zum Tagelöhner alle einigen. Politisch wird dies von Herrschenden immer wieder instrumentalisiert. Ein übersteigerter Nationalstolz soll von sozialen und ökonomischen Problemen ablenken. Es ist kein Zufall, dass sich die größte Reiterstatue des Dschingis Khan im Besitz des amtierenden Staatspräsidenten befindet und in keiner Wahlkampfrede der Verweis auf die gute alte Zeit fehlt.

Der Nationalismus als Kitt der Gesellschaft ist mittlerweile auch in der Popkultur verankert, wie sich etwa an der wachsenden Hip Hop-Szene besonders deutlich zeigt. The Hu scheinen diesem Trend auf den ersten Blick zu folgen. Doch es lohnt sich ein zweiter Blick: Denn die Band legt den Finger in die Wunde und zeigt, dass Nationalismus in der modernen Mongolei als eine Art Opium für das Volk wirkt. Das zumindest könnte gemeint sein, wenn im Song „Yuve yuve yu“ den politischen Eliten zugerufen wird:

„Von der Einzigartigkeit der Mongolen redet ihr, und lügt dabei bis euer Mund austrocknet / Was soll das? / Das mongolische Volk ist geboren, um wie Adelige zu leben, und doch unfähig, sich zu vereinigen / Was soll das? / Warum könnt ihr unsere Mongolei nicht aufrichten? / Was soll das?“

The Hu hinterfragt den nationalistischen Konsens und eröffnet damit die Möglichkeit, den Blick von einer idealisierten Vergangenheit auf die Gegenwart zu lenken. Denn für den Zusammenhalt in einer Gesellschaft braucht es mehr als Reiterstatuen und Heldengeschichten.

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