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Afrikas Fluch
Ein Thriller über einen ausbeuterischen und korrupten Rohstoffkonzern – der Comic „Salzhunger“ des Schweizer Künstlers Matthias Gnehm.

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AFP
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Kongolesische Goldgräber in der Mine Mabukulu im Juli 2018

Afrika ist uns näher gerückt. Das hat nicht nur mit der gestiegenen Migration aus unserem Nachbarkontinent zu tun, nicht nur mit der islamistischen Bedrohung und nicht nur mit den häufigen Naturkatastrophen, deren Bilder uns erreichen. Wir wähnen uns zudem angesichts der drohenden Klimakatastrophe in einer Schicksalsgemeinschaft mit Afrika.

Die wachsende Nähe ist greifbar und ihre Erscheinungsformen erzeugen Konflikte und Spannungen. Dies gilt auch für die Frage, wie die Afrika-Politik der Bundesrepublik, der EU und insgesamt des Westens ausgerichtet werden sollte, auch angesichts des gestiegenen Engagements Chinas und anderer Schwellenländer und der zunehmend erratischen Haltung der USA. Wie viel Gewicht soll auf Demokratie und Menschenrechte gelegt werden? Soll der Fokus stärker auf der Förderung privater Investitionen liegen? Welchen Stellenwert hat der Kampf gegen die Folgen des Klimawandels? Welche Lösungen auch präferiert werden, eines ist klar: Die gängige Praxis, Afrika im Wesentlichen als Rohstofflieferant in die Weltwirtschaft einzubinden, kann nicht fortgesetzt werden. Dies gilt nicht nur wegen der kolonialen Vorgeschichte dieser Praxis, sondern auch angesichts ihrer eindeutig negativen Folgen für Umwelt, Politik und Gesellschaft.

Der Comic „Salzhunger“ des Schweizer Künstlers und Architekten Matthias Gnehm nimmt sich die Rohstoffausbeutung auf dem afrikanischen Kontinent vor.

Der gerade bei der Zürcher Edition Moderne erschienene Comic „Salzhunger“ des Schweizer Künstlers und Architekten Matthias Gnehm nimmt sich nun das Thema der  Rohstoffausbeutung des afrikanischen Kontinents vor. Der Rohstofffluch wird auf der Basis kolonialer Strukturen, die vielfach von den afrikanischen post-kolonialen Eliten schlicht übernommen wurden, immer weiter reproduziert. Gnehm fügt drei weitere, verwandte Themen hinzu: Zum einen die Kehrseite der Rohstoffausbeutung – Afrika als Müllplatz Europas, insbesondere für Giftmüll und Elektroschrott; dann die Verdrängung von marginalisierten Bevölkerungen für den Bau von Luxuswohnungen, für Infrastrukturprojekte und für die Rohstoffgewinnung; und nicht zuletzt die all diese Phänomene umschließende Korruption, hier insbesondere als Schmiermittel für die Deals mit westlichen Konzernen.

„Salzhunger“ ist jedoch keine trockene Abhandlung über diese Themen. Es ist auch keine solide recherchierte Comic-Reportage. Der Autor verwendet das Mittel der Fiktion, um auf der Basis konkreter Ereignisse eine verschachtelte Abenteuer- und Liebesgeschichte zu erzählen, die uns aus der Schweiz ins nigerianische Lagos und zurück führt. Der mit der Bewältigung einer Trennung beschäftigte Protagonist gerät als Mitarbeiter einer NGO in den Strudel der Ereignisse. Er muss im Angesicht des Leids anderer eine politische Haltung jenseits seiner persönlichen Melancholie finden – eine Metapher für die generelle Herausforderung, trotz der vielen Alltagsprobleme mit Empathie auf die ungleich größeren Sorgen anderer zu schauen, und auch entsprechend zu handeln.

Können komplexe Themen auf diese Weise vermittelt werden, ohne einerseits die Geschichte mit Informationen zu überfrachten und damit unangemessen zu vereinfachen oder die Leser zu überfordern? Oft gelingt das nicht; viele Comics zu Afrika nutzen den Kontinent vor allem als austauschbare Kulisse. Gnehm aber schafft es, uns trotz der teilweise etwas hingeworfen wirkenden Zeichnungen in ein spannendes Abenteuer eintauchen zu lassen, dessen narrative Twists hier natürlich nicht verraten werden sollen. Zudem bekommen wir einen Einblick in die ökonomischen Strukturen und die Einbindung Afrikas in den Weltmarkt, der weitgehend ohne das Aufrufen bekannter Klischees auskommt.

Gnehm folgt der alten Regel, dass man über das schreiben soll, was man kennt.

Ganz ohne Klischees geht es allerdings auch bei Gnehm nicht – was schlicht auch damit zu tun hat, dass sie ja nicht ohne Realitätsbezug sind. Ist es problematisch, dass der Comic aus der Sicht von Europäern konzipiert und erzählt wird? Eher nicht, denn Gnehm gibt den afrikanischen Protagonisten eigenständige Rollen, sie sind nicht nur Anhängsel der Europäer. Gnehm folgt der alten Regel, dass man über das schreiben soll, was man kennt.

Afrika wird im Zentrum der politischen Aufmerksamkeit bleiben, nicht nur aufgrund der anhaltenden humanitären Krise auf dem Mittelmeer. Comics wie „Salzhunger“ können im Idealfall helfen, bei den Lesern Zustimmung für eine politische Strategie zu erzeugen, die auf die Stärkung funktionierender Staaten und demokratisch legitimer Regierungen setzt. Dafür ist es wichtig, dass die Verantwortung des Westens deutlich wird. Allzu gründliches Fact-Checking muss bei einer wesentlich fiktiven Geschichte unterbleiben – nicht jedoch weitere Recherchen und Lektüre zu den behandelten Problemen und Entwicklungen.

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