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Für Gläubige und Skeptiker
Die Top 3 Neuerscheinungen zur globalen Umweltpolitik.

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Viele Umweltprobleme nehmen an mehreren Stellen simultan zu: Klimawandel, Wasserknappheit, Ozeanbelastung, Artenverlust.

Das geologische Zeitalter des Anthropozän hat begonnen: Der Mensch beeinflusst inzwischen fast alle biologischen und physikalischen Systeme des Planeten Erde, die Spezies, die Landflächen und die Ozeane. Zugleich ist zunehmend deutlich geworden, dass die Institutionen und Mechanismen, mit denen der Mensch seine Beziehungen zur Natur steuert, völlig unzureichend sind. Diesem gravierenden Missmanagement ist eine ganze, von Frank Biermann und Oran R. Young editierte Buchserie gewidmet. Mit seinem neuesten Buch will Biermann eine analytische und eine normative Perspektive der globalen Umweltpolitik im Anthropozän erkunden und bestimmen: Er nennt es „Earth System Governance“.

Der analytische Teil des Buches gilt dem etablierten umweltpolitischen System, wie es sich in hunderten von internationalen Regimen, in internationalen Bürokratien, nationalen Agenturen, lokalen und transnationalen Aktivistengruppen und Expertennetzwerken ausdrückt. Hier geht es darum, wie gut oder wie schlecht die gegenwärtige Governance funktioniert, die er anhand von fünf Schlüsselelementen sorgfältig evaluiert. Der normative Teil handelt von den sich aus der Kritik der gegenwärtigen Governance ergebenden Notwendigkeiten der Reform und Fortentwicklung der Politik.

Hierzu wird eine große Fülle von entsprechenden Vorschlägen betrachtet – wird bejaht, verändert oder verworfen. Biermann konzentriert sich dabei auf die internationalen und transnationalen Politiken, macht aber ausdrücklich deutlich, dass die neue Earth System Governance als Prozess gesehen werden muss, der lokale Akteure und nationale Politiken einbezieht, der auf das Engagement der Zivilgesellschaft setzt, der die Unterstützung der lokalen Autorität sucht und der die soziale und ökologische Verantwortung der Unternehmen einfordert. Globale multilaterale Institutionen, zwischenstaatliche Kooperation und das UN-System sind also nur eine Dimension der neuen Governance. Wegen der Komplexität dieser strategischen Elemente fokussiert Biermann seine konkreten umweltpolitischen Politikvorschläge jedoch auf die multilateralen Institutionen und die Vereinten Nationen. Dies ist ein umfangreicher und höchst spannender Teil des Buches, wobei auch sein Lieblingsprojekt nicht fehlen darf: das United Nations Environment Programme (UNEP) zu einer voll funktionsfähigen Weltumweltorganisation (World Environment Organisation – WEO) zu machen.

Fazit: Das neue Buch von Frank Biermann ist ein ideenreiches, faszinierendes Werk zu einer realistischen Utopie – der Earth System Governance –, das alle Kriterien einer bedeutenden wissenschaftlichen Arbeit erfüllt: Es ist theoretisch interessant, empirisch relevant und höchst aktuell und ist für alle, die schon oder noch nicht über Globale Governance arbeiten, ein „Muss“ – oder wie es in dem die globale Politik dominierenden Englisch heißen würde: ein „must-read.“

Gehören Sie auch zu jenen, die immer schon mal wissen wollten, um was es bei der EU-Umweltpolitik geht? Oder sind Sie ein EU-Skeptiker? Für Sie beide könnte dieses Buch wichtig sein, weil es nicht nur hilft, die EU-Politik besser zu verstehen, sondern auch aus einem EU-Skeptiker einen EU-Befürworter machen könnte. In einer Zeit, wo Europäer wie Nicht-Europäer um die Zukunft der EU streiten, kann dieses Buch einen wichtigen Beitrag zur Debatte liefern.

Die EU wurde nicht zur Rettung oder zum Schutz der natürlichen Umwelt gegründet, aber die EU hat eine signifikante Rechtfertigung erhalten durch den Erfolg ihrer Umweltpolitik. Vielfältige Umweltbelastungen und Umweltschädigungen wie auch das Konzept der nachhaltigen Entwicklung (sustainable development) hatte die EU-Umweltpolitik auf die Agenda gesetzt. Nigel Haigh erforscht und begleitet die Evolution dieser Politik von der Seitenlinie zur Bühnenmitte (centre stage).

Er zeigt, wie die EU sich nicht nur auf die neuen ökologischen Herausforderungen und Einsichten eingestellt hat, sondern auch zur Behandlung und Lösung der Umweltprobleme beiträgt, die einzelne Mitgliedsstaaten nie für sich allein hätten konzipieren und lösen können. Das Buch behandelt in 14 Kapiteln die gesamte historische Periode der EU-Umweltpolitik  (Maastricht 1993; Amsterdam 1999; Lissabon 2009; Europa 2020, sowie die verschiedenen Umweltaktionsprogramme) und präsentiert zugleich interessante strategische Ideen zur Zukunft der EU in Umweltangelegenheiten.

Das abschließende 15. Kapitel wurde von David Baldock geschrieben, dem Nachfolger von Haigh als Direktor des Institute for European Environmental Policy (IIEP). Er betont, dass die EU-Umweltpolitik nicht an ihrem Ende angekommen ist, auch wenn man sie als gereift (mature) bezeichnen mag. Und er endet mit der Feststellung, dass sie keineswegs jenseits von Kritik und Verbesserung sei – im Gegenteil: Das eigentliche „Ergrünen“ wichtiger Teile der EU-Politik stehe erst an.

Fazit: Das Buch von Nigel Haigh präsentiert die historisch wichtigen umweltpolitischen Entscheidungen in Europa, zeigt viele mögliche Lerneffekte und enthält eine sorgfältige Positionierung zukünftig möglicher politischer Argumentation. Und damit zeigt es ein weiteres: Die EU-Umweltpolitik ist ein Modellfall, der sorgfältig studiert werden sollte – weltweit!

In dem Vorwort zu diesem Buch macht der UN-Generalsekretär eine starke Aussage: „Sustainable development is the central challenge of our times“, konditioniert diese aber sogleich: “It is critical that we understand how sustainable development can be achieved in practice, on the ground, in all parts of the world“ (p.xi).

Jeffrey Sachs, der Autor, will genau dies erreichen. Wieder und wieder versucht er den Leser davon zu überzeugen, was sustainable development ist oder sein sollte, wie es praktisch umgesetzt werden kann, in den verschiedenen Sektoren und den Regionen der Welt. Und er hat einen guten Start mit der Aussage, dass sustainable development sowohl eine Art sei, die Welt zu sehen, mit dem Fokus auf die Beziehungen zwischen ökonomischen, sozialen und ökologischen Aspekten (das Drei-Säulen-Modell), als auch eine Art des gemeinsamen Trachtens nach dem guten Leben, das ökonomische Entwicklung, soziale Inclusion und ökologische Integrität (ein Drei-Aktions-Modell) beschreibt. Er begreift das Konzept als eine analytische Theorie und als normatives Rahmenwerk, als die Art, die Welt zu verstehen und als Methode, globale Probleme anzugehen und zu lösen.

Viele Umweltprobleme nehmen an mehreren Stellen simultan zu, wie Sachs weit ausführt: Klimawandel, Wasserknappheit, Ozeanbelastung, Artenverlust u.a.m. Er präsentiert dazu die Studien zu den „Planetarischen Grenzen“ (Rockström et al.), beantwortet diese Prognose aber nicht mit „de-growth“, sondern mit „sustainable development“!

Um die schärfste Herausforderung an das Konzept zu demonstrieren, wirft er zunächst einen Blick auf die Welt wie sie ist – „an unequal world“. Hier kommt Sachs, der Ökonom, in Fahrt. In drei weit ausholenden Kapiteln beschäftigt er sich mit den möglichen Prozessen der globalen Konvergenz, der Überwindung der Armut auf „grünem Wege“. Soziale Inclusion, Erziehung für alle, Gesundheit für alle, Nahrungssicherheit und resiliente Städte sind die Themen der folgenden Kapitel, die alle tabellarisch und grafisch gut dokumentiert sind.

Dann wird Sachs zum Umweltschützer, mit den Themen Klimawandel und Dekarbonisierung, Erhalt der Biodiversität und der ökologischen Systemleistungen. Dies sind gute Vorarbeiten zum abschließenden 14. Kapitel über die Sustainable Development Goals (SDGs). Die Welt sei weit entfernt vom Ziel der nachhaltigen Entwicklung, sagt Sachs, der skeptische Analyst. Doch da ist sogleich Sachs, der politische Ökonom, der anfügt, dass die Verabschiedung der SDGs eine historische Wegmarke sei zu einer neuen Agenda. Und er, der Amerikaner, begründet dies mit einem starken Satz, der hier in der Urfassung zitiert werden muss: „The SDGs will be universally applicable: The United States, just like Mali, needs to learn to live sustainably“ (S. 485).

Jeffrey D. Sachs' Buch ist voll großer Ideen und praktischer Vorschläge. Bedauerlicherweise ist es mit seinen 560 Seiten zu voluminös, um zum meistgelesenen Buch über „sustainable development“ zu werden. Deshalb sollte alsbald eine kondensierte Fassung erscheinen, um mehr Akteure zu erreichen und zu animieren – wenn auch nicht jedermann, wie sich der UN-Generalsekretär in seinem Vorwort gewünscht hat.

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1 Leserbriefe

Roland Eisen schrieb am 16.08.2016
Simonis bringt in seinen drei Besprechungen die Inhalte sehr klar auf den Punkt. Hat mir sehr gefallen, diese Auswahl. Und er hat Recht, wenn er betont, dass mehr als 500 Seiten nicht nur viel wiegen, sondern auch schwer verdaulich sind, insbesondere wenn man politisch was erreichen will!