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Grad-Wanderung
Was bedeutet die Erderwärmung konkret für uns Menschen? Amitav Ghosh und Barbara Kingsolver holen den Klimawandel in die Literatur.

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Raupe vom Monarchfalter

Das Erstaunen war groß, im Frühjahr 2020. Eine globale Pandemie machte Dinge möglich, die wir nicht für möglich hielten. Politischer Wille, Angst und die Krise vor der Haustür sorgten dafür, dass schnelle, weitreichende Entscheidungen getroffen wurden. Scheinbar unantastbare Paradigmen wurden in Frage gestellt, und Verhaltensänderungen in der Masse der Gesellschaft gehörten nicht länger ins Reich der Utopie. Klimaaktivistinnen und all jene, die die Klimakrise ernstnehmen, blicken mit einem gewissen Neid auf die tektonischen Verschiebungen, die Covid-19 möglich macht.

Die Pandemie sei greifbarer als der abstrakte Klimawandel, heißt es immer wieder. Die Einschränkungen im Pandemie-Alltag gelten für alle, während die Auswirkungen des Klimawandels weiterhin relativ weit weg wirken, zumindest für die Menschen, die nicht unmittelbar von steigenden Meeresspiegeln, Dürre, Extremwetterereignissen oder anderen Symptomen betroffen sind. Climate Fiction setzt genau dort an: Sie nimmt den Nachrichtenmeldungen von nah und fern das Abstrakte, Technische, Wissenschaftliche und macht die Klimakrise emotional erfahrbar.

Was der ehemalige US-Vizepräsident Al Gore Anfang der 2000er Jahre in der Politik gemacht hat – unermüdlich die unbequeme Wahrheit des Klimawandels auszusprechen, indem er in zahllosen Vorträgen aufrüttelnde Zahlen und Bilder präsentierte – das tut der indische Intellektuelle und Autor Amitav Ghosh seit einigen Jahren in der Literatur. In Die große Verblendung: Klimawandel als das Undenkbare stellt er schockiert fest, dass der massive CO2-Anstieg in der Erdatmosphäre und all die Veränderungen, die er nach sich zieht, in der Literatur praktisch nicht vorkämen. Weltweit bleibe die Literatur ganz klar hinter der öffentlichen Debatte und der Relevanz des Themas für den Menschen zurück – und sei Nachhut und nicht Avantgarde. Wenn wir später zurückblickten auf diese entscheidenden Jahre, als es noch Handlungsspielraum für positive Veränderungen gab, so Ghosh, werde der Vorwurf kommen, das Offensichtliche nicht gesehen zu haben.

Auch wenn die Klimaflüchtlinge hier Schmetterlinge und nicht Menschen sind – die studierte Biologin Kingsolver versteht es, die brennenden Fragen des Klimawandels in die Literatur einfließen zu lassen.

Auch Deutschlands bekanntester Klimaforscher, Hans Joachim Schellnhuber, beklagt, dass die Literatur die Wissenschaft im Stich lasse. Der Blick auf den deutschen Buchmarkt scheint ihm Recht zu geben: Gerade in der deutschen Literaturszene ist der Klimawandel erstaunlich abwesend. Als Stoff für dystopische Science Fiction oder (Öko-)Thriller ist er schon seit längerem recht präsent – doch im Mainstream der anerkannten Literatur sucht man ihn selbst als Kulisse im Hintergrund meist vergeblich. Jahr für Jahr gibt es unter den Neuerscheinungen nur einige wenige Romane, die sich der im englischsprachigen Raum wachsenden Climate Fiction zuordnen lassen. Mitunter wird Climate Fiction als „zu aktivistisch“ in eine Nische verbannt. Da gehört sie nicht hin.

Wie überzeugende Climate Fiction aussehen kann, machen Barbara Kingsolver und auch Amitav Ghosh selbst vor. Ihren gut geschriebenen und gut recherchierten Romanen gelingt es, den Klimawandel greifbar zu machen. Und damit eine Antwort auf eine große Herausforderung für die Literatur zu finden, die der deutsche Schriftsteller Ilja Trojanow treffend beschreibt, wenn er von den Schwierigkeiten berichtet, sich die konkreten Folgen von zwei oder drei Grad Erwärmung, soundso vielen Zentimeter Anstieg der Meeresspiegel, einer soundso hohen CO2-Konzentration in der Atmosphäre vorzustellen.

Kingsolvers Roman Das Flugverhalten der Schmetterlinge gilt bis heute als Meilenstein der Climate Fiction, wie auch Ghosh bewundernd feststellt. Kingsolver erzählt die Geschichte von Dellarobia, einer jungen Mutter, die in einfachen Verhältnissen auf einer Farm in den US-amerikanischen Appalachen lebt und deren Alltag sich jäh verändert, als ein riesiger Schwarm Monarchfalter sich im Wald nahe der Farm zur Überwinterung niederlässt. Die Schmetterlinge haben aufgrund kleinerer Temperaturveränderungen und Erdrutsche ihre angestammte Migrationsroute nach Mexiko aufgegeben – ihr Überleben hängt nun davon ab, wie tief das Thermometer in den Wintermonaten sinkt. Das Naturschauspiel, das Millionen Falter bieten, zieht schnell Figuren an, die für Dellarobia große Fragen aufwerfen: Naturschützerinnen, sensationslüsterne Journalisten und Wissenschaftlerinnen wirbeln das von Religion und finanziellen Sorgen geprägte Leben im Dorf gehörig durcheinander.

Auch wenn die Klimaflüchtlinge hier Schmetterlinge und nicht Menschen sind – die studierte Biologin Kingsolver, die in Virginia zwischen Farmen und Kohlebergwerken lebt, versteht es, die brennenden Fragen des Klimawandels ganz natürlich in die Literatur einfließen zu lassen. Das Flugverhalten der Schmetterlinge wirft einen außergewöhnlich lebensechten Blick auf Familiendynamiken, die Spannungsfelder zwischen Arm und Reich, Religion und Wissenschaft, genau wie auf die Wirkmacht von Bildung. Kingsolver selbst sagt über ihr Schreiben, dass es ihr großen Spaß bereite, Wissenschaft mit Literatur zu verweben, ohne dass die Leichtigkeit verloren gehe: „Wenn Leser sich gerade fragen, ob zwei Figuren miteinander ins Bett gehen werden, lernen sie im gleichen Moment, ohne dass sie es merken, etwas über die Eis-Albedo-Rückkoppelung“ [die Wechselwirkung zwischen schnee- und eisbedeckter Erdoberfläche und globalem Klima].

Bleibt zu hoffen, dass der Griff zum Buch auch ein beherzteres Eintreten für mutige Klimapolitik nach sich zieht.

Auch Amitav Ghosh macht seit seiner kritischen Offensive Ernst mit der literarischen Auseinandersetzung mit dem Klimawandel. In Die Inseln erzählt er die Geschichte von Deen Datta, Antiquar in New York, der in den Mangrovenwäldern an der indisch-bengalischen Grenze auf eine geheimnisvolle Legende stößt, deren Spuren ihn über Umwege bis nach Venedig führen. Ghoshs Roman spielt in unserer Gegenwart: Auf Konferenzen, die Datta besucht, werden Keynote-Reden gehalten und die Figuren sind in den sozialen Medien unterwegs. Doch mitten hinein in das Vertraute platzen zunehmend vehementer die bedrohlichen Folgen des Klimawandels: Konferenzteilnehmerinnen in Kalifornien stehen im glühenden Feuerschein der Waldbrände im Stau, bengalische Geflüchtete verkaufen in den Straßen Venedigs Gummistiefel, sobald das Wasser steigt und Erinnerungen an zu Hause weckt. Getragen von merkwürdigen Vorkommnissen und Deen Dattas Beziehung zu zwei bemerkenswerten Frauen – einer indischen Meeresbiologin und einer italienischen Historikerin – führt Ghosh durch eine spannungsgeladene Geschichte.

Kinsgsolver und Ghosh sind ein kleiner – wenn auch gewichtiger – Ausschnitt aus der dynamischen Welt der Climate Fiction. So vielfältig wie die Folgen des Klimawandels weltweit sind, so vielfältig ist auch die entsprechende Literatur. Auf den Klimawandel-Roman zu warten, der in einem Rundumschlag die großen Fragen dieser Ära abhandelt, scheint da kaum sinnvoll. Jedes Ökosystem ist anders betroffen, von den Korallenriffen bis zum nicht länger ewigen Eis. Die Wirtschaft muss genauso Antworten auf den Klimawandel finden wie die Gesundheitssysteme, die Architektur oder die Landwirtschaft. Lodernde Waldbrände, Hurrikane, Taifune oder Heuschreckenplagen gehören ebenso dazu wie schleichende Veränderungen, die nur im Zeitraffer sichtbar werden. Soziale Fragen und Machtfragen stellen sich ebenso wie meteorologische und biologische. All das und noch mehr nehmen sich Autoren und Autorinnen von Climate Fiction vor. Sie machen Klimawandel vorstellbar, ähnlich wie Literatur uns die Schrecken des Krieges auch ohne die persönliche Erfahrung ein Stück näherbringen kann. Bleibt zu hoffen, dass der Griff zum Buch auch ein beherzteres Eintreten für mutige Klimapolitik nach sich zieht.

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