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„Nicht nur das Recht, nein, auch die Pflicht zu Migrationsbeschränkung“
Eine Lektüre-Empfehlung von Steffen Reiche.

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Warum eigentlich gibt es keine Pflichtlektüre für Politiker? Dieses Buch ist Pflicht für alle, die sich sinnstiftend zum Thema Migration äußern wollen. Paul Collier, eigentlich Paul Hellenschmidt, ist ein Zuwanderer aus Deutschland, der sich mittlerweile in Großbritannien integriert hat. Collier untersucht dreifach, wie Zuwanderung wirkt – in den Aufnahmegesellschaften, bei den Migranten und in den Herkunftsgesellschaften.

In dieser Komplexität, Klarheit und Transparenz ist das bisher noch nirgendwo sonst geschildert worden. Immer wieder kommt Collier zu Einsichten, die neues Denken ermöglichen. Immer wieder geht er seinen wunderbar klar argumentierten Weg zwischen den Argumenten der Skylla der rechten Gegner von Zuwanderung und der Charybdis der linken Befürworter einer unbegrenzten Zuwanderung.

Collier zeigt, wie Abwanderung und Zuwanderung wirklich wirken, und dass Zuwanderung, anders als viele denken, nicht nur ökonomisch, sondern auch sozial positiv wirkt. Bis zu einem gewissen Umfang regt sie auch die Herkunftsgesellschaften an, durch Bildungsmotivation der Bleibenden und die finanziellen Rückflüsse in die Herkunftsländer. Collier deutet unsere entwicklungspolitischen Ausgaben quasi als Rückfluss an die Herkunftsländer und wie eine Steuer auf die Bildungsinvestitionen, die die Herkunftsländer für ihre Migranten ausgegeben haben.

Aber Collier zeigt genauso klar, wie sich ungesteuerte Zuwanderung für alle negativ auswirkt: Für die Aufnahmegesellschaften, die ihre über Jahrhunderte entwickelten Bindungskräfte verlieren, weil sie bei einem Zuviel an Zuwanderung die Menschen nicht mehr absorbieren und integrieren können. Aber ebenso für die Zuwanderer. Sie können ihre Identität verlieren. Und Herkunftsländer wie Haiti oder Mali verlieren durch die Abwanderung ihr Zukunftspotential. So empfiehlt Collier eine neue, andere, bessere, nachhaltige Politik für Zuwanderung, die für alle jenseits falscher Romantik ihre positive Wirkung dauerhaft entfalten kann.

Es geht um einen Umfang neuer Zuwanderer,  der aus der Integration und der Absorptionsquote berechnet wird. Deshalb soll gerade nicht vorrangig Familienmitgliedern den Nachzug in die Migration eröffnet werden, sondern Menschen, die anhand von klaren Kriterien ermittelt worden sind. Gerade weil Zuwanderung im richtigen Umfang alle zu Gewinnern werden lässt, braucht es einen auf der Grundlage des heutigen Forschungsstandes ermittelten Umfanges von Migration.

Wer das Buch liest, gewinnt den Eindruck, dass ein scheinbar unlösbares Problem, für das es nur willkürliche Lösungen zu geben scheint, durchaus lösbar ist. Es besteht kein Anlass für Alarmismus oder Panik. Auf der Grundlage der Analyse von Collier kann vielmehr allen an Migration Beteiligten Gerechtigkeit wiederfahren. Man lernt bei ihm, wie und weshalb grundlegende Errungenschaften unserer modernen westlichen Zielgesellschaften in Gefahr geraten, wenn die Diversität einen kritischen Punkt überschreiten.

Das Buch ist deshalb so gut zu lesen, weil es ohne Schärfe oder Häme auf die bekannten (Vor)Urteile eingeht. Diese werden untersucht, gestärkt, wo sie zutreffen und überwunden, wo sie eben nur Vorurteil sind.

Das Buch ist dabei von einem geschrieben, der bisher vor allem die Situation der ärmsten Milliarde von Menschen untersucht hat und daher auch deren Interessen bedenkt. Es zeigt, wie eine neu ausgehandelte Migrationspolitik zu einer Unterstützung für die Entwicklungspolitik werden kann, und warum es nicht nur ein Recht auf Migrationsbeschränkung gibt, sondern auch eine Pflicht. Collier plädiert daher weder für eine offene noch für eine geschlossene, sondern für eine angelehnte Tür. Dabei zeigt er auf, wie man sie sinnvoll, für alle transparent, nachvollziehbar anlehnen  kann.

Das Buch schließt die Lücke, die es sieht. Daher sollte es jeder lesen, der sich nicht als Diskutant oder, noch schlimmer, als verantwortlicher politischer Entscheider in dieser Lücke ertappen lassen will.

Zwei Dinge wundern, ja ärgern mich letztlich dann doch. Wenn alles so logisch ist, wie er es überzeugend darstellt, warum ist für ihn dann der in den Zuwanderungsgesellschaften erreichte Stand der Entwicklung, vor allem der gesellschaftlichen Kohäsion, nur eine „zufällige Konstellation“? Da macht er es sich zu einfach.

Und zugleich lässt er, der auf wundervolle Weise kein Tabu gelten lässt, dann doch eine wichtige Frage unberührbar als Tabu bestehen: Die Frage, warum Staaten wie Dubai und Abu Dhabi, Katar oder Saudi Arabien, Menschen aus Bangladesch oder Pakistan nur als Gastarbeiter für ihr Ölgeld ausnutzen, obwohl sie doch wie sie zur weltweiten Umma der muslimischen Gemeinschaft gehören. Wir als westliche, christlich geprägte Gesellschaften, ermöglichen ihnen hingegen trotz aller kulturellen Unterschiede als Zuwanderer den vollen Rechtekatalog von Bürgern. Und das, obwohl sie sich oft lieber in Parallelgesellschaften organisieren oder eben von uns so überfordert fühlen, dass sie zu Terroristen werden und unsere Werte bekämpfen.

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9 Leserbriefe

Steffen Angenendt schrieb am 30.06.2015
Ich verstehe nicht, wie man als ansonsten kluger und gut informierter Zeitgenosse ein wissenschaflich dünnes und tendenziösen Buch so hochloben kann. Meine (nun schon etwas ältere) Kritik an dem Werk: https://zeitschrift-ip.dgap.org/de/ip-die-zeitschrift/archiv/jahrgang-2014/maerz-april/gescheiterter-tabubruch
Stefan Rother schrieb am 30.06.2015
Ich stimme dem Kollegen Angenendt voll und ganz zu. Das Buch ist das englischsprachige Gegenstück zu den Sarrazin-Werken, hier wird etwas zu einem Tabu erklärt, was tatsächlich seit Jahren intensiv und kontrovers diskutiert wird. Dass sich auch Reiche dieses Argumentationsmuster der neuen Rechten zu eigen macht, finde ich fast so bedenklich wie den unsäglichen Schlusssatz, dass sich "Gastarbeiter" " oft (!!) lieber in Parallelgesellschaften organisieren oder eben von uns so überfordert fühlen, dass sie zu Terroristen werden und unsere Werte bekämpfen". Den Prozent- besser Promillesatz der "Gastarbeiter", die zu Terroristen werden, sollte der Autor noch nachreichen...
Michael A.+Louis schrieb am 30.06.2015
Der Beitrag ist mutig und unter den gegebenen Umständen in seiner moderaten Haltung trotz Tendenz zu einem unbequemen und undankbaren Problemkreis auch als Diskussionsgrundlage durchaus akzeptabel. Das Migrationsthema ist wahrscheinlich eines der 3 oder 4 wichtigsten und schwierigsten Themen im politischen Diskurs überhaupt.

Es ist auch deshalb so zentral, weil in der Festgefahrenheit auf supranationaler Ebene vertraglich geregelter Pflichten das aktuelle Interesse der Bürger eines Einzugsgebietes u.U. nicht mehr die demokratisch gebotene Beachtung im politischen Entscheidungsprozess finden kann - egal welche Parteiengruppierungen ein Land gerade regieren.

Dazu kommen Sachzwänge wie sinkende Geburtenraten, veränderte Einstellung zu Familie und Schwangerschaft (Unkenrufe im Volke behaupten solche absonderlichen Sätze wie: "für jedes Kind, das eine deutsche Frau abtreibt, muss ein Ausländer rein, der die Rente bezahlt...") usw.

Festzuhalten bleibt, dass das Gebot, ein Mitmigrieren von Ehepartner und Kindern einer Fachkraft unterbinden zu wollen, wohl kaum mit dem christlichen Grundwertekanon vereinbar wäre.

Andererseits haben sicherlich auch alle Recht, die behaupten, dass eine Organisation wie ISIS, welche direkt oder über verbündete Organisationen oder Individuen mittlerweile in über 20 Staaten der Welt militärisch oder paramilitärisch aktiv ist, mit Sicherheit Hunderte, wenn nicht Tausende von Schläfern in die Zielländer zukünftiger terroristischer Aktionen unter schamloser Ausnutzung eben jener Flüchtlingshilfevertragsregelungen schleust und weiterhin schleusen wird.

Political Correctness kann hier schnell zum Trojanischen Pferd werden, von dem man sich eines Tages wünschen würde, man hätte es rechtzeitig erkannt und verhindert.

Ähnliches gilt mit Sicherheit auch für den Erhalt von "völkischer" Identität, die den Ureinwohnern einer jedweden Region auf der Erde nicht so einfach von Genfer oder Brüsseler Schreibtischen aus wegoktroyiert werden kann bzw. sollte, um katastrophale politische Wendungen auszuschliessen. Man denke nur an die Schreckensvision einer möglichen Zweidrittelmehrheit eines Front National o.ä. in einem europäischen Land...
Nils Witte schrieb am 30.06.2015
Der letzte Absatz steckt so voller Vorurteile. Feinster Rechstpopulismus. "Wir" aufgeklärten Westeuropäer und "die anderen" terroristischen Muslime aus dem Osten ...
Das ist Rechtspopulismus vom Feinsten. Noch dazu ist es zynisch das beim derzeitigen Umgang in Deutschland mit Flüchtlingen zu sagen.
Ursula schrieb am 01.07.2015
Das klügste Buch zu Migration, das ich je gelesen habe. Warum wird es nahezu totgeschwiegen? Es kommt in keine Bestsellerliste. Schade!
Manuela El-Khatib schrieb am 02.07.2015
Nicht zu glauben, dass Herr Reiche so oberflächlich dieses Buch bewertet. Das irritiert mich so sehr, dass ich traurig feststelle: "Oje, ... und das war ein Bildungsminister!"
Gabriele Beckmann schrieb am 06.07.2015
Ich habe das besprochene Buch nicht gelesen. Die Besprechung ist so unscharf und mit eigenen Ansichten Herrn Reiches verwoben, dass ich unschlüssig bin, ob ich dieses Buch lesen unbedingt "muss".
Über den letzten Absatz bin ich entsetzt ... aus denselben Gründen wie N. Witte (30.06). Ausserdem: A) Wir gewähren Einwanderern eben nicht die gleichen Rechte (vgl. die Debatte zum kommunalen Wahlrec? Es ist wohl eher als ein Glück zu betrachten, dass Christen nicht dorthin gelockt werden.
C) Wie kommt Herr Reiche auf die Idee, dass es bei der Bildung der von ihm sogenannten "Parallelgesellschaften" um "lieber" geht, also um bewusste Wahl ... mit Verlaub: was für ein Quatsch!
Gruesse aus Zuerich schrieb am 26.07.2015
Ich habe das Buch vor einigen Monaten gelesen, nachdem es mir in einer Buchhandlung zufaellig in die Finger gekommen war. In Kuerze:
Ja, die Buchbesprechung von S. Angenendt (Link) beinhaltet in der Tat eine deutlich bessere Uebersicht ueber die Kerninhalte und -aussagen des Buches. (wobei ich den Verriss nicht teile)
Der letzte Absatz hier in diesem Artikel geht wirklich am Thema vorbei und pauschalisiert/verurteilt recht krude.
Nun zum Buch 'Exodus' selbst: auf sehr erfrischend sachliche und unideologische Art werden Auswirkungen von Migration auf die Herkunftslaender, die Migranten und die Ziellaender dargelegt. Und dabei jeweils positive und negative Effekte benannt. Alleine schon das, die Betrachtung der drei aller drei betroffenen Laender-/Menschengruppen und die Gegenueberstellung von Positivem und Negativem hebt das Buch von anderen "zielorientierten" Argumentationen rechts und links sehr positiv ab, finde ich.
Insgesamt: sehr empfehlenswert/lesenswert!
(Einschraenkung: sucht man nur Argumentationshilfen fuer "alle raus" oder "alle reinlassen", ... dann eher nicht.
Grüsse aus Zürich schrieb am 29.07.2015
Noch ein Nachtrag @Gabriele Beckmann zu "Parallelgesellschaft" und sich "lieber" so organisieren:
Doch, zu einem guten Stück "ja" !
Meine Ehefrau entstammt einer Einwandererfamilie hatte aber ihren eigenen Kopf. Insbesondere für die herrische Mutter (!) hatte ich: falsche Hautfarbe, falsche Religion. Lieber hätte sie einen Import-Bräutigam arangiert statt unserer "Rassenschande" (ja, ich weiss der Begriff ist vorbelastet) und um ihr reine parallel-Lebensweise weiterzugeben.
Nun, nach der Geburt unserer Söhne (zum Glück wenigstens das "richtige" Geschlecht...) durften ich und die "kleinen Bastarde" (o-Ton Schwester) doch mal zu Besuch kommen.
Fazit: Rassismus ist kein Alleinstellungsmerkmal "weisser Männer" und das unter sich bleiben, insbesondere das "Importbrautwesen" auch ein Symptom von (umgekehrtem) Rassismus.