Warum eigentlich gibt es keine Pflichtlektüre für Politiker? Dieses Buch ist Pflicht für alle, die sich sinnstiftend zum Thema Migration äußern wollen. Paul Collier, eigentlich Paul Hellenschmidt, ist ein Zuwanderer aus Deutschland, der sich mittlerweile in Großbritannien integriert hat. Collier untersucht dreifach, wie Zuwanderung wirkt – in den Aufnahmegesellschaften, bei den Migranten und in den Herkunftsgesellschaften.

In dieser Komplexität, Klarheit und Transparenz ist das bisher noch nirgendwo sonst geschildert worden. Immer wieder kommt Collier zu Einsichten, die neues Denken ermöglichen. Immer wieder geht er seinen wunderbar klar argumentierten Weg zwischen den Argumenten der Skylla der rechten Gegner von Zuwanderung und der Charybdis der linken Befürworter einer unbegrenzten Zuwanderung.

Collier zeigt, wie Abwanderung und Zuwanderung wirklich wirken, und dass Zuwanderung, anders als viele denken, nicht nur ökonomisch, sondern auch sozial positiv wirkt. Bis zu einem gewissen Umfang regt sie auch die Herkunftsgesellschaften an, durch Bildungsmotivation der Bleibenden und die finanziellen Rückflüsse in die Herkunftsländer. Collier deutet unsere entwicklungspolitischen Ausgaben quasi als Rückfluss an die Herkunftsländer und wie eine Steuer auf die Bildungsinvestitionen, die die Herkunftsländer für ihre Migranten ausgegeben haben.

Aber Collier zeigt genauso klar, wie sich ungesteuerte Zuwanderung für alle negativ auswirkt: Für die Aufnahmegesellschaften, die ihre über Jahrhunderte entwickelten Bindungskräfte verlieren, weil sie bei einem Zuviel an Zuwanderung die Menschen nicht mehr absorbieren und integrieren können. Aber ebenso für die Zuwanderer. Sie können ihre Identität verlieren. Und Herkunftsländer wie Haiti oder Mali verlieren durch die Abwanderung ihr Zukunftspotential. So empfiehlt Collier eine neue, andere, bessere, nachhaltige Politik für Zuwanderung, die für alle jenseits falscher Romantik ihre positive Wirkung dauerhaft entfalten kann.

Es geht um einen Umfang neuer Zuwanderer,  der aus der Integration und der Absorptionsquote berechnet wird. Deshalb soll gerade nicht vorrangig Familienmitgliedern den Nachzug in die Migration eröffnet werden, sondern Menschen, die anhand von klaren Kriterien ermittelt worden sind. Gerade weil Zuwanderung im richtigen Umfang alle zu Gewinnern werden lässt, braucht es einen auf der Grundlage des heutigen Forschungsstandes ermittelten Umfanges von Migration.

Wer das Buch liest, gewinnt den Eindruck, dass ein scheinbar unlösbares Problem, für das es nur willkürliche Lösungen zu geben scheint, durchaus lösbar ist. Es besteht kein Anlass für Alarmismus oder Panik. Auf der Grundlage der Analyse von Collier kann vielmehr allen an Migration Beteiligten Gerechtigkeit wiederfahren. Man lernt bei ihm, wie und weshalb grundlegende Errungenschaften unserer modernen westlichen Zielgesellschaften in Gefahr geraten, wenn die Diversität einen kritischen Punkt überschreiten.

Das Buch ist deshalb so gut zu lesen, weil es ohne Schärfe oder Häme auf die bekannten (Vor)Urteile eingeht. Diese werden untersucht, gestärkt, wo sie zutreffen und überwunden, wo sie eben nur Vorurteil sind.

Das Buch ist dabei von einem geschrieben, der bisher vor allem die Situation der ärmsten Milliarde von Menschen untersucht hat und daher auch deren Interessen bedenkt. Es zeigt, wie eine neu ausgehandelte Migrationspolitik zu einer Unterstützung für die Entwicklungspolitik werden kann, und warum es nicht nur ein Recht auf Migrationsbeschränkung gibt, sondern auch eine Pflicht. Collier plädiert daher weder für eine offene noch für eine geschlossene, sondern für eine angelehnte Tür. Dabei zeigt er auf, wie man sie sinnvoll, für alle transparent, nachvollziehbar anlehnen  kann.

Das Buch schließt die Lücke, die es sieht. Daher sollte es jeder lesen, der sich nicht als Diskutant oder, noch schlimmer, als verantwortlicher politischer Entscheider in dieser Lücke ertappen lassen will.

Zwei Dinge wundern, ja ärgern mich letztlich dann doch. Wenn alles so logisch ist, wie er es überzeugend darstellt, warum ist für ihn dann der in den Zuwanderungsgesellschaften erreichte Stand der Entwicklung, vor allem der gesellschaftlichen Kohäsion, nur eine „zufällige Konstellation“? Da macht er es sich zu einfach.

Und zugleich lässt er, der auf wundervolle Weise kein Tabu gelten lässt, dann doch eine wichtige Frage unberührbar als Tabu bestehen: Die Frage, warum Staaten wie Dubai und Abu Dhabi, Katar oder Saudi Arabien, Menschen aus Bangladesch oder Pakistan nur als Gastarbeiter für ihr Ölgeld ausnutzen, obwohl sie doch wie sie zur weltweiten Umma der muslimischen Gemeinschaft gehören. Wir als westliche, christlich geprägte Gesellschaften, ermöglichen ihnen hingegen trotz aller kulturellen Unterschiede als Zuwanderer den vollen Rechtekatalog von Bürgern. Und das, obwohl sie sich oft lieber in Parallelgesellschaften organisieren oder eben von uns so überfordert fühlen, dass sie zu Terroristen werden und unsere Werte bekämpfen.