Raue Welten erwarten die Leserinnen und Leser in Die Welt nach der Flut und The New Wilderness, den Debütromanen der US-amerikanischen Autorinnen Kassandra Montag und Diane Cook, die für die im englischen Sprachraum immer mehr verbreitete Climate Fiction stehen.

Zum einen ist da die Welt nach der großen Flut, die über fast hundert Jahre nach und nach die Küsten und weite Teile der Kontinente bedeckt, bis nur wenige Flecken auf der Landkarte verbleiben, wo die Überlebenden noch Land unter den Füßen haben. Es ist die Welt von Myra und ihrer Tochter Pearl, die auf einem Fischerboot leben, bis sie sich der Crew eines größeren Schiffes anschließen, um im hohen Norden, dem ehemaligen Grönland, nach Pearls Schwester zu suchen, die  von ihrem Vater entführt wurde. Sie alle sind den Launen der Natur ausgeliefert, aber auch marodierenden Piraten, die tätowiert und bis an die Zähne bewaffnet zu den neuen Machthabern dieser Welt geworden sind. Myra geht in der fragilen Gemeinschaft der Besatzung Allianzen ein, um die Suche nach ihrer verlorenen Tochter voranzutreiben.

Ähnlichen Gefahren trotzen Bea und ihre Tochter Agnes, die sich einem Experiment angeschlossen haben, in dem eine kleine Gruppe von Menschen im letzten Wildnis-Reservat zeigen soll, ob der Mensch noch so mit der Natur im Einklang leben kann, dass er ihr nicht dauerhaft schadet. Entflohen sind sie dem Leben in der großen Stadt, wo Agnes, wie viele Kinder, drohte an den Folgen der Luftverschmutzung zu sterben. Die wilde Landschaft, in der sie jagen und sammeln, das oft unerbittliche Wetter und gelegentliche Begegnungen mit Rangern, die sie überwachen und schikanieren, bestimmen ihr Leben.

Was nach einer Mischung aus Abenteuerroman und Science Fiction klingt, ist viel mehr als das. Packend von der ersten bis zur letzten Seite sind die Romane doch detailgetreue, tiefgründige Beobachtungen zwischenmenschlicher Beziehungen und der Beziehung zwischen Mensch und Natur. Cook und Montag haben ein ausgezeichnetes Gespür für die menschliche Psyche, die Bandbreite menschlicher Emotionen und Dialoge genauso wie Unausgesprochenes.

Ihre stärksten Momente haben beide Romane, wenn die Protagonistinnen Myra und Bea von ihren Erinnerungen heimgesucht werden. Erinnerungen an eine Welt vor dem Leben auf See und in der Wildnis, die längst verloren ist und zu deren Verlust der Mensch beigetragen hat: ein umzäunter Baum, zu dem die Menschen von weit her kommen, um ihn blühen zu sehen, der Geschmack von Milch oder der Geruch von frisch gemähtem Gras.

Die Generationenfrage, die unsere aktuelle Debatte zur Klimakrise prägt, wird hier ganz plastisch greifbar: Myra und Bea erinnern sich an die Erzählungen ihrer eigenen Mütter, die noch eine Welt vor der Katastrophe kannten, und stellen erschrocken fest, dass ihren Töchtern Pearl und Agnes die Welt, aus der sie selbst stammen, bereits völlig fremd ist. Sie wissen nicht, was eine Katze ist oder wie Schokolade schmeckt. Schmerzlich wird bewusst, wie Welten in nur drei Generationen in ihren Grundfesten erschüttert werden können.

Myra und Bea erinnern sich an die Erzählungen ihrer eigenen Mütter, die noch eine Welt vor der Katastrophe kannten, und stellen erschrocken fest, dass ihren Töchtern die Welt, aus der sie selbst stammen, bereits völlig fremd ist.

Die Natur ist die heimliche Protagonistin beider Romane; ihre Launen treiben die übrigen Figuren vor sich her und prägen sie tief. Dabei driften Cook und Montag nicht in langwierige oder romantisierende Schilderungen ab – dass beide selbst sehr viel Zeit in den rauen Landschaften des amerikanischen (Mittleren) Westens verbracht haben und viel recherchiert haben, spricht aus den Zeilen. Eindrücklich zeigen sie, wie zerbrechlich unsere Zivilisation gegenüber den Naturgewalten ist, aber auch, wie zerstörerisch wir Menschen uns die Natur untertan machen. Auch Ressourcenknappheit wird in Szenen aus dem Alltag der Protagonistinnen ganz deutlich: Wenn Myra und Pearl stundenlang Fischernetze flicken oder Bea und Agnes geschnitzte Holzständer wieder und wieder reparieren, um das Fleisch erbeuteter Tiere darauf zu räuchern, wenn sie alle tagelang Süßwasserquellen suchen oder Essen rationieren müssen.

Besonders profitieren die Erzählungen davon, dass weibliche Heldinnen im Mittelpunkt stehen: Mit Myra, Pearl, Bea und Agnes gelingt es Cook und Montag glaubwürdige, starke Frauen zu zeichnen, die Schwächen haben und mit widersprüchlichen Emotionen kämpfen, aber immer wieder Mut, Kraft und Führungsstärke beweisen und nie ihre Ziele aus den Augen verlieren. Um ihr Überleben zu sichern und ihre Lieben, aber auch ihre eigenen Interessen, zu schützen, entwickeln sie Machtinstinkte und setzen viel aufs Spiel. Das komplexe, mitunter angespannte Verhältnis zwischen Müttern und Töchtern und den Männern in ihrem Leben entwickelt sich im Laufe der Erzählungen weiter und wird zunehmend auf die Probe gestellt.

Wer von plakativen, belehrenden Botschaften in der Climate Fiction abgeschreckt ist, ist bei Cook und Montag an der richtigen Adresse: Die Welt nach der Flut und The New Wilderness sind kluge Projektionen der realen Gefahren, die unsere Untätigkeit gegenüber der Klimakrise birgt, und zeigen, was auf dem Spiel steht. Dystopisch? Ja, aber nicht ohne Optimismus, dank starker Hoffnungsträgerinnen, deren Überlebenswillen und Kraft die Geschichten trägt und letztlich das Tor in eine andere Zukunft öffnet.

Dass die Romane viel spannenden Stoff bieten, hat übrigens auch die Film- und Serienindustrie erkannt: Beide Romane sollen zeitnah verfilmt werden.