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Lasst uns reden
Nationale Alleingänge und kriselnde Demokratien - Zeit, den Menschen wieder zuzuhören, sagt UN-Sonderberater Fabrizio Hochschild Drummond.

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Interview von Claudia Detsch und Joanna Itzek.

2020 feiern die Vereinten Nationen ihr 75-jähriges Bestehen. Einerseits bietet das Anlass  zur Freude, andererseits verfolgen viele Mitglieder zunehmend unilaterale Ansätze. Wie wollen die UN dieser Entwicklung entgegenwirken und wie lassen sich diese Staaten für die multilaterale Idee zurückgewinnen?

Die Vision des Generalsekretärs ist es, den 75. Jahrestags zu nutzen, um sich wieder den Menschen zuzuwenden: den Auftraggebern der Vereinten Nationen, denen sie dienen sollen. Und weltweit soll mit ihnen über einige der globalen Bedrohungen der Menschheit diskutiert werden. Es soll über die globalen Trends gesprochen werden, die unsere Zukunft bestimmen und die zukünftige Lebensfähigkeit des Planeten beeinflussen. Wir wollen ihre Ansichten über die Rolle der internationalen Zusammenarbeit hören – damit die Länder aus aller Welt härter daran arbeiten können, diese Probleme zu lösen.

Wir hoffen, wenn wir den Menschen das Mikrofon geben und ihnen zuhören, können wir einen Weg finden, um das multilaterale Projekt wieder mit Leben zu füllen – ein Projekt, das so wichtig ist in einer Zeit immer stärkerer globaler Bedrohungen, die nicht durch individuelle unilaterale Aktionen und noch nicht einmal durch einzelne Regionen bekämpft werden können, sondern nur durch die Zusammenarbeit der ganzen Welt.

Welche Rolle könnte hier die französisch-deutsche „Allianz für den Multilateralismus“ spielen?

Die Allianz für den Multilateralismus ist eine Ergänzung. Sie spiegelt ein verbreitetes Gefühl wider, dass wir jetzt zusätzliche Bemühungen brauchen, um dieses Projekt zu schützen und wiederzubeleben – dieses Projekt, das sicherlich Höhen und Tiefen hatte und mit Fehlern behaftet ist, das der Menschheit aber nun schon seit 75 Jahren dient. Wichtig ist auch, dass die Allianz für Multilateralismus weiterhin offen und regionsübergreifend bleibt. Aber seien wir ehrlich, in einer perfekten Welt würde sie nicht nur 65 Ländern miteinander vereinen, sondern 193. Und letztlich ist es dies, wofür die UN immer gedacht waren.

Weltweit beobachten wir derzeit zahlreiche Bürgerproteste: im Libanon, in Ecuador, Chile und auch hier in Europa mit den Klimaprotesten. Die Demonstranten fordern mehr Mitsprache bei politischen und wirtschaftlichen Themen. Wie können die unzufriedenen Bürger aus der Sicht der UN stärker beteiligt werden?

Es ist schwer, dies zu verallgemeinern, da die Einflussfaktoren in jedem dieser Länder etwas anders sind. Aber es gibt einige Gemeinsamkeiten: das Gefühl, keine Mitsprache mehr zu haben, immer weniger Vertrauen in traditionelle Institutionen, und die Last der Ungleichheit. Obwohl die Menschheit bei der Bekämpfung der Armut sehr große Fortschritte gemacht hat, schneiden wir beim Thema der Ungleichheit viel schlechter ab. Auf politischer Ebene müssen wir zuhören und die Forderungen viel ernster nehmen, ebenso wie die Sorgen jener, die sich abgehängt fühlen, die sich unverstanden fühlen, und dies ist häufig die Jugend. Zuhören ist wichtig, und dann müssen wir einige der großen Herausforderungen unserer Zeit in Angriff nehmen. Eine davon ist das Klima, und eine andere die Ungleichheit.

Ebenso müssen wir die globale Politik erneuern, um einige der Sorgen und Unsicherheiten zu berücksichtigen, die durch die disruptiven Effekte neuer Technologien entstehen. Diesen Stimmen müssen wir viel aufmerksamer und bewusster zuhören. Dies ist auch der Grund, warum der UN-Generalsekretär diese globale Zuhörreise plant: Im September, wenn sich alle Staatschefs zum 75. Jahrestag der Vereinten Nationen in New York versammeln, will er ihnen die Stimmen der Menschen zurückbringen.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff.

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