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„Unbedingter Friedenswille“
Was der Nahe Osten vom Westfälischen Frieden lernen kann: Ein Gespräch mit Historikerin Siegrid Westphal.

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So geht das: Friedensschluss von Münster.

Nahost-Experten bezeichnen die anhaltende Gewalt in Syrien und im Irak bisweilen als „nahöstlichen Dreißigjährigen Krieg“. Sie haben jüngst ein Opus Magnum zum „Westfälischen Frieden“ vorgelegt. Wo sehen Sie Parallelen – und wo nicht?

Man kann bestenfalls auf einer sehr abstrakten Ebene gewisse Parallelen sehen. Wie in den Jahren 1618 bis 1648 in Europa ist die Lage im Nahen Osten auch heute sehr komplex. Zahlreiche Akteure mit divergierenden Interessen und unterschiedlichem politischen Status sind in einer Reihe von regionalen, aber miteinander verzahnten Kriegen und Konflikten involviert, und es gibt oftmals keine klaren Frontlinien. Wie im Dreißigjährigen Krieg spielt heute im Nahen Osten die Verflechtung von politischen und religiösen Interessen eine Rolle, wobei Letztere wohl vor allem für islamische Akteure Bedeutung haben. Auswärtige Mächte unterstützen damals wie heute jeweils verschiedene Gruppen, um die politische Hegemonie zu sichern. Wie im Dreißigjährigen Krieg leidet die Zivilbevölkerung am stärksten unter Krieg, Terror, Hunger und Zerstörung, was auch schon im 17. Jahrhundert zu Fluchtbewegungen führte.

Andererseits war in der Welt des 17. Jahrhunderts Frieden das Leitbild und Ziel aller Politik, der Kaiser eine Autorität, die Verfassung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation eine Friedensordnung, die wiederhergestellt werden sollte, auch im Sinne einer Stabilisierung Europas. Angesichts der durchaus vorhandenen Parallelen des Kriegsgeschehens entstand jüngst die Idee, für den Nahen und Mittleren Osten einen neuen Westfälischen Frieden  zu initiieren. Auch wenn man aus der Geschichte nicht eins zu eins lernen kann, so ist doch eine Erkenntnis, die man aus dem Zustandekommen des Westfälischen Friedens ziehen kann, besonders wichtig: dass ein Friede – trotz großer Komplexität und langer Dauer des Krieges – immer möglich ist.

Lassen sich aus den Verhandlungen des Westfälischen Friedens vor diesem Hintergrund allgemeine Lehren guter Diplomatie ableiten, die auch in anderen Konflikten berücksichtigt werden sollten?

Wiederum auf sehr abstrakter Ebene: ja. Entscheidend war, dass alle in die Kriegshandlungen involvierten Akteure an den Friedensverhandlungen beteiligt wurden, was als erstes wichtiges Ergebnis des Friedenskongresses bewertet wird. Die Verhandlungen darüber dauerten allein über ein Jahr. Schnelle Erfolge sind also bei Friedensverhandlungen nicht zu erwarten, vielmehr ist es eine Politik der kleinen Schritte. Deshalb sind Geduld, Ausdauer, Flexibilität und Kompromissbereitschaft gefragt. Vermittler können dabei eine wichtige Rolle spielen, wenn sie keine Eigeninteressen verfolgen.

Die Verhandlungen darüber dauerten allein über ein Jahr. Schnelle Erfolge sind also bei Friedensverhandlungen nicht zu erwarten, vielmehr ist es eine Politik der kleinen Schritte.

Letztlich erwies sich aber die mündliche und informelle Kommunikation in der Endphase der Verhandlungen als entscheidend. Wichtiges Ergebnis der historischen Verhandlungsforschung ist zudem die Feststellung, dass auch die individuellen Voraussetzungen und Prägungen der Gesandten bei der Frage nach Erfolg oder Misserfolg von Verhandlungen stärker berücksichtigt werden müssen. Für erfolgreiches Verhandeln sind zahlreiche „Übersetzungsleistungen“ zu erbringen, die auf gemeinsam getragenen Werthaltungen beruhen. Vor allem sollten die Vorstellungen darüber, wie ein gerechter und ehrenvoller Frieden aussehen soll, übereinstimmen. Erst dann können nachhaltige Beschlüsse gefasst werden.  

Stichwort „gemeinsame Werthaltungen“: Wie wurde die religiöse Dimension berücksichtigt? Wie ist es gelungen, die Vielschichtigkeit der Konflikte zu bearbeiten? Wie wurden etwa nichtstaatliche Akteure eingebunden?

Zunächst hat man die vier zu klärenden Kriege jeweils separat und in zwei konfessionell unterschiedlichen, aber nah beieinander liegenden Standorten verhandelt. Im katholischen Münster wurden eher die europäischen Konflikte und im überwiegend lutherischen Osnabrück zwischen dem Kaiser und Schweden sowie über die Reichsangelegenheiten verhandelt. Mit ausschlaggebend für den Erfolg war die in der Anfangszeit der Verhandlungen heftig umstrittene Einbindung der Reichsstände. Diese waren vom Kaiser nicht erwünscht, weil er sich als alleiniger Verhandlungsführer für das Reich verstand. Innere Angelegenheiten des Reiches, die die Verfassung sowie die Religionspolitik betrafen, sollten ursprünglich kein Verhandlungsgegenstand sein, wurden aber auf Drängen der reichsständischen Verbündeten von Frankreich und Schweden auf die Agenda gesetzt. „Nichtstaatliche“ Akteure im heutigen Sinne gab es in Münster/Osnabrück 1643-1648 nicht. Die Reichsstände waren Reichsfürsten und Reichsstädte, die das Reich gemeinsam mit dem Kaiser regierten und auf dem Westfälischen Friedenskongress je nach politischem Rang mit unterschiedlichem diplomatischem Status verhandelten. Für die Reichsstände war dabei die Unterstützung ihrer Forderungen durch Frankreich und Schweden entscheidend.

Bei der Lösung der europäischen Kriege spielte die religiöse Dimension keine herausragende Rolle. Entscheidend war die religiöse Dimension für die Verhältnisse im Reich. Der erneuerte und erweiterte Religionsfrieden für das Reich ist das Kernstück des Westfälischen Friedens, wobei sich die katholischen und protestantischen Reichsstände in eigenen Korporationen zusammenfanden und den Religionsfrieden zunächst unter sich verhandelten. Erst als dies zu scheitern drohte, schalteten sich die Gesandten des Kaisers, Schwedens und Frankreichs ein. Dadurch kam es zeitweise zu einer Verschmelzung der politischen mit den konfessionellen Forderungen. Aber erst die weitgehende Trennung der Konfliktbereiche, die Verrechtlichung des Friedens sowie der Verzicht auf die Klärung der religiösen Wahrheitsfrage haben den Religionsfrieden ermöglicht.

Und was hat am Ende den Ausschlag für einen erfolgreichen umfassenden Friedensschluss gegeben?

Interessanterweise waren es nicht die europäischen Mächte, sondern eine Gruppe kompromissbereiter und konfessionsübergreifend agierender Gesandter von Reichsfürsten, die in interkonfessionellen Konferenzen zusammentraf und als treibende Kraft den Frieden ohne den Kaiser mit den europäischen Mächten zu Ende verhandelte. Ihr oberstes Ziel war ein schneller Friedensschluss ohne weitere Vorbehalte, um das Reich zu erhalten und seine Einheit zu wahren. Dabei konnten sie auf ein gemeinsames Friedensmodell zurückgreifen, den Ewigen Landfrieden von 1495, der auch dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 zugrundelag.

 

In der Verhinderung weiterer Religionskriege wird heute der größte Erfolg des Westfälischen Friedens gesehen.

Es war der unbedingte Friedenswille, der diese Gruppe über alle politischen, konfessionellen und ständischen Grenzen hinweg einte. Dafür wurden kompromissunwillige Personen und konfliktbehaftete Themen bewusst ausgeblendet, die den Friedensprozess noch hätten ernsthaft belasten können. Sie wurden zwar zur Kenntnis genommen, aber vertagt. Das vorhandene Konfliktpotenzial gedachte man dadurch zu entschärfen, dass andere Institutionen (Reichstag, höchste Gerichtsbarkeit des Reichs) nach dem Friedensschluss mit diesen Fragen befasst werden sollten. Die sogenannte Antiprotestklausel, wodurch die Friedensinstrumente Vorrang gegenüber älteren Rechtsprinzipien und Privilegien erhielten, diente dabei der Absicherung ebenso wie die Amnestieklausel und die genau festgelegten Garantie- und Sicherheitsmaßnahmen.

Wie beurteilt die Geschichtswissenschaft heute den Friedensschluss?

Bis in die 1960er Jahre galt der Westfälische Frieden als ein „nationales Unglück“ der Deutschen. Erst im Zuge der europäischen Integration wurden das Heilige Römische Reich Deutscher Nation und damit auch der Westfälische Frieden in der Geschichtsforschung wiederentdeckt. Dabei steht vor allem der friedenssichernde Charakter des Westfälischen Friedens für das Reich und Europa im Fokus, aber auch seine Rolle als „Referenzfrieden“ für folgende Friedensschlüsse sowie seine völkerrechtliche Vorreiterrolle. 2001 wurde der Westfälische Friede sogar in die groß angelegte Publikation „Deutsche Erinnerungsorte“ aufgenommen und damit als nationaler Erinnerungsort ausgezeichnet. Der politikwissenschaftliche Ansatz der Herausbildung eines „Westfälischen Systems“ gilt mittlerweile als überholt. Die heutige Forschung betont eher, dass das Ziel eines Universalfriedens für ganz Europa verfehlt wurde, aber die rechtliche Einhegung der konfessionellen Konflikte im Reich weitere Religionskriege verhinderte. Darin wird mittlerweile der größte Erfolg des Westfälischen Friedens gesehen.

 

Die Fragen stellte Michael Bröning.

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2 Leserbriefe

Galgenstein schrieb am 23.02.2016
Die Geringschätzung, die der Westfälische Frieden lange Zeit erfuhr, dürfte wohl darin zu suchen sein, dass er keinen "echten Sieger" hervorgebracht hatte, der sich ganz Deutschland unterwarf. Insbesondere die Geschichtsbetrachtungen des 19. Jahrhunderts sorgte mit ihrem Streben nach Einheit für eine Abwertung.

Wichtig scheint mir der Aspekt der staatlichen Akteure, die den Frieden durchsetzen wollten und konnten. "NGOs" fällt es ungleich schwerer. Es ist ihnen oft nicht möglich Kontrolle über ihre Akteure zu erlangen. Siehe z.B. die Abspaltung der True IRA von der IRA nach dem Friedensschluss in Nordirland.

Für den Erfolg des Friedens galt, dass man die echte und einzige Wahrheit nicht mehr um ihrer selbst willen durchsetzen musste. Ein verbriefter Pluralismus der Staaten. Das war neu
Dikran Kelekian schrieb am 23.02.2016
Die für die Gewaltspirale im Irak und in Syrien sehr treffende Analogie zum Dreissigjährigen Krieg ist nichts Neues!

Sie tauchte bereits 1990, vor 26 Jahren, in dem nach wie vor sehr lesenswerten Buch

Theodor Hanf: Koexistenz im Krieg. Staatszerfall und Entstehen einer Nation im Libanon, Nomos Verlagsgesellschaft Wiesbaden 1990, ISBN 978-3789019722

auf.

Der libanesische Bürgerkrieg war vergleichsweise "geordnet" mit dem Chaos, dass jetzt im Nachbarland Syrien herrscht. Die Parallele, die Hanf damals zog, indem er die Transformation der Bürgerkriegsakteure von politisch-religiösen Parteien mit konkreten Ideologien zu mafiösen, nur noch am eigenen materiellen Überleben interessierten Kriegsmaschinen beschrieb (Analogie zu den Landsknechtshorden 1618-48) ist aber auch heute noch gültig.