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Mobilisierung mit dem Instrument der Angst
Dschihadisten fallen in Yarmuk ein, während regimetreue Alawiten in Jisr al-Shughur auf ihr Ende warten. Und wie verhält sich das Regime?

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Ein Bild aus Yarmuk, das im Januar 2014 um die Welt ging. Heute herrscht dort der IS.

Früher einmal stand das Wort „Yarmuk“ für eine Sternstunde der islamischen Eroberungen: eine Schlacht zwischen militärisch Ebenbürtigen – den Byzantinern, ihren Hilfstruppen und den arabischen Muslimen. Letztere konnten den Kampf Anno Domini 636 für sich entscheiden: mit taktischem Geschick und natürlich Gottes Hilfe. Die Welt des 21. Jahrhunderts wird „Yarmuk“ als etwas anderes in Erinnerung behalten: als eine von Palästinensern bewohnte Banlieue im Süden von Damaskus, aber auch als ein Fanal der Niedertracht in diesem Syrienkrieg. Vom „Islamischen Staat“ terrorisiert und vom Regime ausgehungert – für diesen Dualismus der Erpressung, der nach vier Jahren Krieg in Syrien hinlänglich bekannt sein sollte, steht fortan das Wort „Yarmuk“.

Die Dschihadisten des Islamischen Staates (Daish) sind in Yarmuk eingefallen und das syrische Regime inszeniert sich nun abermals als Retterin einer gesellschaftlichen Minderheit, die lange Zeit versuchte, sich aus dem Krieg, so gut es ging, herauszuhalten.

Bei allen Unterschieden fühlt man sich ein Stück weit an die Verhältnisse in der Stadt Rakka erinnert, wo Daish heute residiert: Auch dort gab es eine Bevölkerung, die sich weder für das eine noch für das andere entscheiden wollte. Die wusste, dass sie nur verlieren konnte. Und auch diese Gegend war schon Jahre vor dem Aufstand – mehr als in vielen anderen Gegenden Syriens – durchdrungen von den Geheimdiensten und ihren kriminellen Wurmfortsätzen.

Wo immer es dem Regime schwer fällt, loyale Milizen aufzustellen und die Bevölkerung zu mobilisieren, leisten die Offensiven von Dschihadisten die notwendige Überzeugungsarbeit: Sei es bei den Drusen im Süden, der christlichen Bevölkerung in Homs, den Qalamoun-Bergen und dem Nordosten des Landes, oder eben unter den Palästinensern von Yarmuk.

Wo immer es dem Regime schwer fällt, loyale Milizen aufzustellen und die Bevölkerung zu mobilisieren, leisten die Offensiven von Dschihadisten die notwendige Überzeugungsarbeit

Die Beziehung zwischen Daish und dem Regime bleibt, was es von Beginn an war: ein taktisches Nullsummenspiel, bei dem vor allem die Zivilbevölkerung tagtäglich verliert.

Die Palästinenser-Milizen, die nun in Yarmuk gegen Daish kämpfen, spielen wohl oder übel dem Regime in die Hände. Sie sind kostengünstiger und deshalb auch effizienter als die Armee. Und sie bedienen natürlich das Narrativ, dass die Zivilbevölkerung sich in diesem Krieg selbst verteidigt – an der Seite ihres Herrschers. Man wird sehen, ob die mit dem Regime verbündete Hezbollah, die auch zuvor schon im Umland von Damaskus gekämpft hat, den Palästinensern dort zur Seite stehen wird. Zweifel daran sind angebracht.

 

Kämpft mit uns oder geht zum Teufel!

Währenddessen bahnt sich – von der Weltöffentlichkeit weitgehend unbemerkt – ein neues blutiges Drama an. In einer der letzten vom Regime gehaltenen Bastionen im Nordwesten, in Jisr al-Shughur, harren in diesen Tagen alawitische Soldaten aus und erwarten – nahezu eingekreist von der Nusra-Front und anderen bewaffneten Aufständischen – ihr Ende.

Jisr al-Shughur liegt in etwa auf halbem Wege zwischen Latakia und der Stadt Idlib, die seit einigen Tagen in der Hand der Aufständischen ist. 2011 gelangte der Ort zu trauriger Berühmtheit, weil dort bereits einmal Truppen des Regimes niedergemetzelt wurden, was dieses zweifelsfrei hätte verhindern können.

Will das Regime nicht oder kann es nicht? Ob eine Entsatztruppe für Jisr al-Shughur zu viele Ressourcen bindet oder ob das Regime die Männer, wie es schon früher vorgekommen ist, mutwillig draufgehen lässt, um die Alawiten an der Küste wieder einmal mit dem Instrument der Angst zu mobilisieren – darauf können nur wenige eine Antwort geben.

Wichtig ist allerdings, welche Botschaft bei den Eingeschlossenen ankommt: Sie sind es nicht wert, dass man sie rettet. Denn die Alawiten sind ohnehin dazu verdammt, dem Regime beizustehen. Andere Bevölkerungsgruppen muss man da schon anders überzeugen – etwa, indem man Daish auf sie loslässt und sie vor die Wahl stellt: entweder Ihr kämpft mit uns oder Ihr geht zum Teufel!

 

Daniel Gerlachs Buch „Herrschaft über Syrien – Macht und Manipulation unter Assad“ ist vor wenigen Tagen in der Edition Körber-Stiftung erschienen.

 

 

 

 

 

 

 

 

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1 Leserbriefe

W schrieb am 13.04.2015
Gute Einblicke, bei denen es einem graust. Das Ausmaß von Gewalttaten, vor allem jener, die nicht die Weltöffentlichkeit erreichen, wird uns noch einige Zeit erschrecken. Für die Zivilbevölkerung gibt es dort schon lange nichts mehr zu gewinnen.