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Weiter so, Afrika!

Es gibt Hoffnung für Afrikas Wirtschaft.

Afrika muss sich industrialisieren – hier ein Schneider auf einem Dorfplatz.

Zahlreiche Länder Afrikas haben in den letzten Jahren einen überraschenden Boom erlebt. Nicht alle, aber doch sehr viele. Vor allem die Sahelländer und politisch instabile Länder können nicht den Anschluss halten und fallen weiter zurück. Aber viele bevölkerungsstarke Länder mit großen Märkten – wie Nigeria, Äthiopien, Südafrika, Angola und Kenia – zeigen, dass es in Afrika sehr gute Entwicklungspotentiale gibt. Vor allem, wenn es gelingt, die richtigen Weichen für die Zukunft zu stellen.

Tatsächlich verzeichnen die meisten Länder Afrikas positive Wachstumsraten und ein besseres Geschäftsklima. Der Kontinent gerät wieder mehr in den Blick von Investoren. Die wirtschaftspolitischen Anstrengungen in einigen Ländern in Bezug auf makro-ökonomische Stabilität, Investitionsanreizsysteme, pro-aktive Steuerpolitik, Begrenzung der Verschuldung und Haushaltsdisziplin zeigen Resultate. Afrika kann nach vielen Krisenjahrzehnten endlich Hoffnung schöpfen. Dennoch ist ein unkritischer und übertriebener Optimismus unangebracht. Denn zu viele Länder Afrikas hängen am Tropf der Rohstoffexporte und der gestiegenen Preise. Bricht der Rohstoffmarkt ein, ist auch das Wachstum gefährdet.

 

Was hemmt den Durchbruch?

Ein großes Wachstumshemmnis ist die weit verbreitete Armut. Nur sehr langsam entstehen Mittelschichten. Als große Barriere gelten auch das niedrige Bildungsniveau der überwiegenden Mehrheit der afrikanischen Bevölkerung und das hohe Bevölkerungswachstum. Dieses ist eine Wachstumsbremse par excellence. Jährlich müssten in den nächsten Jahren ca. 8 Mio. Arbeitsplätze geschaffen werden. Woher diese kommen sollen, ist nicht erkennbar. Denn die Landwirtschaft und der Rohstoffsektor kreieren kaum Arbeitsplätze und die Klein- und Mittelunternehmen wachsen zu langsam, als dass sie Jobs schaffen könnten.

Insgesamt ist der Wachstumsprozess als „Wachstum ohne Entwicklung“ zu bezeichnen.

Die meisten Länder sind noch weit von einem Strukturwandel entfernt, d.h. trotz steigender Urbanisierung entsteht kaum eine arbeitsplatzschaffende Industrie. Immer noch dominieren Landwirtschaft, informeller Sektor und Rohstoffe die Ökonomien Afrikas. Insgesamt ist der Wachstumsprozess als „Wachstum ohne Entwicklung“ zu bezeichnen.

Die Wachstumsperspektiven Subsahara-Afrikas werden von vielen Wenn-Dann-Relationen bestimmt: Wenn die Weltkonjunktur sich weiter positiv entwickelt, können die Wachstumsraten auf dem stabil hohen Niveau der letzten Jahre bleiben; wenn der Wettlauf um Rohstoffe weitergeht, werden die Exporteinnahmen der sub-saharischen Rohstoffexportländer steigen. Die Staaten würden dann über zusätzliche Mittel verfügen, die sie gezielt zur Förderung des Strukturwandels einsetzen könnten. Afrika steht vor der Aufgabe, sich zu industrialisieren; ausländische wie inländische Investitionen müssen verstärkt in die Industrie fließen. Nur so kann es zu einem nachhaltigeren Wachstum kommen, das sich durch die parallele und kombinierte Entwicklung der Landwirtschaft, der Agroindustrie, der Leichtindustrie, der Industriezonen und schließlich auch der Klein- und Mittelunternehmen auszeichnet.

 

Notwendig vor allem: Stabilität

Erforderlich ist zudem eine stärkere Öffnung der Märkte, die Sicherung der Eigentumsrechte, die Verbesserung der Infrastruktur, die Senkung der Handelskosten und größere Effizienz der Bürokratien. Grundvoraussetzung ist darüber hinaus makroökonomische und politische Stabilität.

Nehmen wir Nigeria. Das Land befindet sich im Moment gerade in einer politischen Krise, die durch die verfehlte Wirtschaftspolitik und den Vertrauensverlust der Menschen in die Institutionen des Landes entstanden ist. Kann die Regierung den Terrorismus wirksam bekämpfen und der Bevölkerung eine Wirtschaftsperspektive bieten, dann wird das Land weiter boomen. Denn die Bedingungen für die Entwicklung Nigerias und für Geschäfte sind durchaus vorhanden. In den Städten – vor allem in den Wirtschaftszentren Lagos, Abuja und der Erdölregion – gibt es inzwischen außer Öl und Gas auch industrielles Wachstum. Eine Mittelschicht von über 40 Millionen Einwohnern fragt hochwertige Konsumgüter nach, will bessere Bildung, will investieren und die Chancen nutzen. In allen Wirtschaftssektoren gibt es sehr gute Möglichkeiten für ausländische und inländische Investoren. Der Fall Nigeria aber zeigt auch, dass die Potentiale noch bei weitem nicht ausgeschöpft sind. Außer der grassierenden Korruption ist vor allem die Unsicherheit über die politische Entwicklung ein großes Hemmnis für Investoren. Des Weiteren die unzureichende Energieversorgung, die die Kosten für Unternehmen hochtreibt. Selbst in der Wirtschaftsmetropole Lagos ist das Verkehrswesen unzureichend. Die Straßen im ganzen Land bedürfen der dringenden Verbesserung, ebenso der Ausbau der Stromversorgung und des Bildungssystems. Wenn hier ein grundlegender Fortschritt eintritt, könnte Nigeria sein Wachstum in den nächsten Jahren weiter halten und damit könnten auch immer mehr Menschen in die Mittelschicht aufsteigen.

Äthiopien hat andere Probleme als Nigeria. Hier ist zu viel Staat im Spiel und die privaten Unternehmen haben es schwer. Auf der anderen Seite funktioniert der Staat weitaus besser als in Nigeria, auch wenn bürokratische Hindernisse Investitionen verzögern. Auch in Äthiopien entsteht eine Mittelschicht, die globale Güter nachfragt, hochwertige Nahrungsmittel, einfache Konsumgüter und zunehmend auch Investitionsgüter.

Einige afrikanische Länder haben das Potential, Teil einer globalen Wertschöpfungskette zu werden.

Was zeigen diese zwei Beispiele? Viele afrikanische Staaten haben sehr große Potentiale, sie können wirtschaftlich weiter wachsen, wenn sie ihre Möglichkeiten auch ausschöpfen. Einige afrikanische Länder haben auch das Potential, Teil einer globalen Wertschöpfungskette zu werden. Aus Sicht der afrikanischen Länder ein notwendiger Schritt, der jetzt gegangen werden muss. Durch die Einbindung in globale Produktionsketten können einige Länder Afrikas den Anschluss finden: Als Produzentenstandort für global gehandelt Güter, der es den Ländern auch erlaubt, den erforderlichen Technologietransfer zu erwirken. Es gibt einige erfolgreiche Beispiele, wie die Automobil- und Weinindustrie in Südafrika. Auch Mauritius ist ein Standort für global agierende Firmen.

Was muss die Politik jetzt leisten, damit wenigstens einige Länder weiter aufsteigen? Erstens: die Schaffung von Sicherheit und besseren Institutionen; zweitens: die Verbesserung der Infrastruktur (Wasserversorgung, Elektrizität, Straßen, Häfen und Flughäfen) und drittens: der Ausbau des Bildungswesens. Diese drei Maßnahmen würden eine Steigerung der lokalen und externen Investitionen hervorrufen und die dringend benötigten Beschäftigungsmöglichkeiten schaffen.

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3 Leserbriefe

Dr. Helmut Danner schrieb am 29.07.2014
"Wachstum ohne Entwicklung" ist eine wichtige, paradox klingende Feststellung. Was würde dann 'Entwicklung' bedeuten? Die totale Angleichung an Industrienationen, die Kappel beschreibt? Oder gibt es nicht eher verschiedenartige 'Entwicklungen', also unterschiedliche 'Modernitäten', wie Chabal feststellt?
Friede schrieb am 29.07.2014
Der Artikel ist sehr richtig und notwendig.
Wir müssen unser Afrika-Bild langsam ändern und erkennen, dass hier neue Entwicklungen im Gange sind.
Bin selbst viele Jahre in verschiedenen Leitungsfunktionen in Afrika unterwegs gewesen.
Nina schrieb am 30.07.2014
Wann hören wir endlich auf, über "Afrika" zu reden, als handelte es sich hier um ein Land wie jedes andere? Die Entwicklungen in Afrika werden häufig ausschließlich als zu negativ dargestellt, ja, "Entwicklung" misst sich eben nicht nur an den Indikatoren, wie sie beispielsweise die MDG beinhalten. Aber nichtsdestotrotz, wie kann ein Angehöriger des GIGA so undifferenziert in ein paar Zeilen über einen ganzen Kontinent schreiben und uns auch noch erklären wollen, wie dort "Entwicklung" passiert??!