Würden nur Männer wählen, wären wir schon lange in der Situation, vor der Linke und Liberale sich fürchten – eine Internationale von Populisten, Nationalisten und Autoritären an den Schalthebeln der Macht. Bewahrt hat uns davor bislang, dass in fast allen liberalen Demokratien die Anteile der Wählerstimmen und die weltanschauliche Zustimmung für die Berlusconis, Le Pens (Senior und Junior), Wilders und Orbans, jetzt auch Trumps, bei Männern größer sind als bei Frauen. Frauen bevorzugen überwiegend weniger konfliktorientierte, verbalradikale und verhaltensaggressive Repräsentanten. Damit sind sie nicht die besseren Menschen, wohl aber die bessere Hälfte der politischen Kultur.

Ausnahmen kann man leicht finden: Was war denn besser an Margret Thatcher, Indira Gandhi und Golda Meir? Auch Angela Merkel ist nicht gerade als Feministin bekannt. Viele haben Hillary Clinton gegenüber die gleichen Vorbehalte bekundet, und nicht wenige haben ihr deshalb die Stimme verweigert. Sie konnte das „höchste und härteste Glasdach“, das Frauen bisher vom ultimativen Spitzenposten ferngehalten hatte, nicht durchbrechen. Sie wurde vielmehr bloßgestellt von einem der übelsten Kerle, die sich jemals dafür beworben hatten, nachdem dessen Anhänger ihr wochenlang Gefängnis und Schlimmeres an den Hals gewünscht hatten. Am liebsten hätte die doppelt Bloßgestellte ihr Privathaus nie wieder verlassen und nur noch Ehefrau, Pensionärin und liebende Großmutter sein und mit der „Clinton Foundation“ weiterhin Gutes tun sollen.

Wie konnte man auch nur eine Sekunde über Wahlenthaltung nachdenken, wenn man Clinton nicht wenigstens als das geringere Übel gewählt hat?

Anlass für einen kleinen Gefühlsexkurs: Die Äquidistanz, die viele US-Meinungsführer an den Tag legten und die auch in Europa oft anzutreffen war, lag völlig daneben. Wie konnte man auch nur eine Sekunde über Wahlenthaltung nachdenken, und wie kann man sich nach dem 8. November 2016 noch im Spiegel betrachten, wenn man Clinton nicht wenigstens als das geringere Übel gewählt hat? Ihr schlug nicht nur der üble Machismus des Kontrahenten entgegen, sondern auch bei Liberalen und Linken jedes nur denkbare Vorurteil – Establishment, Wall-Street-Kontakte, Charakterdefizite, Schwäche. Als seien das nicht allesamt die unbedarften und verlogenen Anwürfe der rechten Radikalen gewesen.

Wer Clinton wirklich kennt, weiß, dass sie eine kühl berechnende Machtpolitikerin (die es im Weißen Haus braucht!), eine warmherzige und zuverlässige Person (wenn es um ihr Team geht) und eine überzeugte Demokratin ist. Sie hatte durchaus offene Ohren für die Signale, die Bernie Sanders und der linke Flügel ihrer Partei aussendeten und hätte progressive Elemente in ihre Politik eingebaut.

Viele Deutsche misstrauen Hillary Clinton, weil sie wahrlich keine Pazifistin ist; aber ist gleich ein Falke, wer Europa mehr Militärausgaben, mehr militärisches Engagement, mehr Härte gegenüber Putin anrät? Zeithistorische und soziologische Evidenz belegen, dass Frauen in Friedensstiftungsprozessen stets eine wichtigere Rolle hatten; dass sie, wenn sie in den Krieg ziehen, die Sichtweisen der Opfer und Angehörigen von Soldaten stärker in den Blick nehmen, und dass sie eine entsprechende Diplomatie befürworten. Das hätte für eine Präsidentin Clinton mit ziemlicher Sicherheit gegolten.

Auch wenn man nicht hätte vorhersagen können, wie sich eine Präsidentin in den multiplen Krisen verhalten hätte, ist der Sieg des Ultra-Sexisten Trump ein verpasster Moment in der Geschichte.

Die Politologin und ehemalige Planungschefin Clintons, Anne-Marie Slaughter, deren Thema heute die „Work-Life-Balance“ von Männern und Frauen in Führungspositionen ist, hat im Bezug auf ihre ehemalige Chefin von einem verpassten Kipppunkt gesprochen, der mit der Besetzung des Weißen Hauses durch die erste Frau symbolisch wie faktisch eingetreten wäre. Auch wenn man nicht hätte vorhersagen können, wie sich eine Präsidentin in den multiplen Krisen verhalten hätte, ist der Sieg des Ultra-Sexisten Trump ein verpasster Moment in der Geschichte. Dass Hillary Clinton, wenn Unregelmäßigkeiten bei der Auszählung in Wisconsin und anderen Staaten aufgedeckt würden, mit ihrem Vorsprung von rund zwei Millionen Stimmen doch noch Präsidentin werden könnte, glaubt kaum jemand – der Preis dafür könnte ein Bürgerkrieg sein.

Gewonnen hat Donald Trump trotz seiner eklatanten Frauenverachtung. Nur 54 Prozent der Wählerinnen stimmten für Clinton, nicht mehr als für Obama, den allerdings mehr Männer gewählt haben. Am weitesten vorn lag Trump bei weißen Amerikanern beiderlei Geschlechts. Er hat vor allem die Rassenkarte ausgespielt: Ängste der Weißen, zur Minderheit zu werden, ausgenutzt und Rachegelüste darüber angefacht, acht Jahre lang von einem Schwarzen regiert worden zu sein. Und nun hat er dieselben Aversionen gegen feministische Frauen gezüchtet.

Weiße Frauen haben sich von solchen Emotionen stärker ansprechen lassen als von Clintons Weiblichkeit. Eine knappe Mehrheit hat Trump auch bei den weißen Frauen erreicht, nur bei den gebildeteren weißen Frauen lag Clinton deutlich vorn. Übrigens ist es falsch zu behaupten, Trump hätte „die Armen“ und „die Arbeiter“ für sich eingenommen – Bezieher von einem Einkommen unter 50 000 Dollar pro Jahr haben zehn Prozentpunkte mehr für Clinton gestimmt, während die meisten Trump-Wähler in Einkommensgruppen über 80 000 Dollar pro Jahr anzutreffen waren.

Weltanschauung, Bildungsgrad, die Haltung zu Minderheiten waren in den USA die wahlentscheidenden Faktoren – nicht Gender.

Weltanschauung, Bildungsgrad, die Haltung zu Minderheiten waren in den USA die wahlentscheidenden Faktoren – nicht Gender. So konnte Donald Trump Clinton ungestraft „a nasty woman“ schelten und versprechen, sie ins Gefängnis zu werfen. Er konnte inzestuöse Beziehungen in seiner Familie „scherzhaft“ andeuten, sexuellen Missbrauch einräumen und sich über die Opfer seiner machistischen Aggression öffentlich lustig machen. Es bürgert sich gerade ein, „Linksliberale“ für ihre fehlende Empathie gegenüber Trumps Gefolgschaft zu rügen. Aber ich räume gerne ein, dass ich vor Leuten, die einen Kerl wie diesen ernsthaft und im vollen Bewusstsein seiner schändlichen Eigenschaften und Taten, beginnend mit der Steuerhinterziehung des Milliardärs, gewählt haben, wenig Respekt habe.

Was das für Deutschland und Europa bedeutet? Auch Marine Le Pen wird mehr von Männern, aber auch von zu vielen Französinnen gewählt. Norbert Hofer und Hans-Christian Strache folgen zu viele Österreicherinnen (darunter ganz junge). Auch beim Brexit haben sich zu viele Frauen täuschen lassen. In Polen, wo sie die rechte PiS-Partei gewählt haben, ist mittlerweile vielen bewusst geworden, wie stark männlicher Autoritarismus auf Kosten von Frauen geht: Tausende sind dagegen auf die Straße gegangen. Auch in der Türkei musste auf Druck von Frauen hin ein skandalöser Gesetzentwurf zurückgezogen werden, der Sexualstraftätern Straffreiheit gewährte, wenn sie die von ihnen missbrauchten Minderjährigen heirateten.

Da Frauen offenbar spontaner und zugleich reflektierter Aversionen gegen autoritäre Politik haben, muss man weiter auf sie setzen. Frauen machen per se keine bessere Politik, aber als mäßigende und zivilisierende Kräfte können sie die Politik verbessern. Man kann in Zeiten wie diesen auf einen Trend (und eine Quote) setzen, die langsam aber sicher mehr gebildete Frauen in Führungspositionen bringen. Und hilfreich ist es, wenn Frauen in Spitzenämtern überzeugen. Angela Merkel hat sich offenbar entschlossen, das noch einmal unter Beweis zu stellen. Das wird ihr kaum gelingen, wenn sie politisch keinen neuen Anfang setzt. Für Männer, die mit ihr konkurrieren, gilt das natürlich auch.