Kopfbereich

Die richtig guten Gutmenschen
Private Initiativen fordern die etablierten Hilfsorganisationen heraus. Recht so!

Von |
SOS MEDITERRANEE
SOS MEDITERRANEE
Private Hilfsorganisationen leisten (noch) altruistisch, schnell und unkompliziert Hilfe.

Angesichts der nicht endenden Not der Zivilbevölkerung in bewaffneten Konflikten wie in Syrien oder im Irak oder infolge von Naturkatastrophen ist humanitäre Hilfe heute von der Ausnahme zu einer globalen Daueraufgabe geworden. Die Vereinten Nationen sprechen gar von der größten humanitären Krise seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Dabei hat nicht nur das Ausmaß menschlichen Leids eine neue Dimension erreicht, sondern das globale System humanitärer Hilfe selbst befindet sich in einer Krise. Vor allem Global Players wie die UN und große Nichtregierungsorganisationen sind auf vielfältige Weise herausgefordert.

Der UNHCR ist aufgrund der schlechten Zahlungsmoral der Mitgliedstaaten nicht in der Lage, die syrischen Flüchtlinge angemessen zu versorgen.

Zum einen ist nicht erst mit den derzeitigen konfliktbezogenen Migrationsbewegungen deutlich geworden, dass etablierte Strukturen und Prozesse humanitärer Hilfe an ihre Grenzen stoßen, um Not leidende Menschen zeitnah und ausreichend zu versorgen. So ist etwa das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR aufgrund der schlechten Zahlungsmoral der Mitgliedstaaten nicht in der Lage, die aus dem syrischen Krieg Geflüchteten in den Flüchtlingslagern der Region angemessen zu versorgen.

Zum anderen werden die für die Arbeit vieler humanitärer NGOs zugrundliegenden Grundsätze der Unparteilichkeit, Unabhängigkeit und Neutralität schon seit Längerem herausgefordert. Dies geschieht durch die Einflussnahme der Politik, die Einbettung humanitärer Hilfe in militärische Strukturen (zum Beispiel im Rahmen zivil-militärischer Kooperation nach dem Prinzip „winning hearts and minds“) oder die Konkurrenz durch neue „Hilfsakteure“ wie das Militär oder kommerzielle Unternehmen. Die aktuellen Flüchtlingsbewegungen in und nach Europa verstärken diese bekannten und bereits breit diskutierten Herausforderungen und fügen ihnen neue hinzu, vor allem durch nichtinstitutionalisierte Formen der Hilfe durch Freiwillige an den Grenzen von und mitten in Europa. Zugleich böte sich hierbei eine Chance für die etablierten humanitären Akteure, diese Entwicklungen kritisch zu hinterfragen und sich auf einige Grundsätze der humanitären Hilfe zurückzubesinnen. Entsprechend befasst sich der erste von den UN ausgerufene Humanitäre Weltgipfel (World Humanitarian Summit), der vom 23. bis 24. Mai 2016 in Istanbul stattfindet, auch mit Themen wie Migration und humanitäre Hilfe und diskutiert, wie die humanitären Grundsätze aufrecht erhalten werden können.

Flüchtlinge sind keine passiven Hilfsempfänger, sondern mobile, selbstständig handelnde Personen, die entscheiden möchten, welche Form von Hilfe sie benötigen.

Die aktuell und in jüngster Vergangenheit zu beobachtenden Flüchtlingsbewegungen fordern etablierte Formen der Hilfserbringung und etablierte Hilfsorganisationen heraus. An ihnen wird deutlich, dass Flüchtlinge keine passiven Hilfsempfänger sind, sondern mobile, selbstständig handelnde Personen, die entscheiden möchten, welche Form von Hilfe sie benötigen. Sie lassen sich nur bedingt in die Einrichtungen und Lager bringen, in denen die westlichen Staaten sie gerne untergebracht hätten. Zunächst nahmen die Menschen das Ausbleiben der Hilfe in den Flüchtlingslagern des Nahen Ostens nicht (mehr) hin und zogen weiter nach Europa, weil sie sich (von) dort mehr Hilfe versprachen. In Europa angelangt harren sie lieber im Dreck aus, zum Beispiel in Idomeni oder Calais, als sich in infrastrukturell besser ausgestatte Aufnahme-Einrichtungen im griechischen Landesinnern oder in der Türkei respektive in Frankreich bringen zu lassen.

Dies macht deutlich, dass humanitäre Notlagen nicht nur im sogenannten globalen Süden, sondern auch mitten in Europa existieren. Dadurch kann die Not der Menschen nicht mehr so leicht ausgeblendet werden. Es dringt nicht mehr nur in verträglichen Dosen und verbunden mit dem Hilfsversprechen von Organisationen (unter der Voraussetzung eines ausreichenden Spendenaufkommens) für kurze Zeit über die Fernsehbildschirme oder Smartphones in die Wohnzimmer des globalen Nordens, sondern ist im Alltag präsent. Dies fordert die Solidarität des Nordens nicht wie bisher nur zur Weihnachtszeit, sondern dauerhaft heraus.

Zugleich ermöglicht es aber auch neue Formen der Hilfserbringung. Um Hilfe in einer Flüchtlingsunterkunft in München, Österreich oder Griechenland zu leisten, bedarf es – ungeachtet von Fragen nach Qualität und Effektivität – nicht zwingend einer internationalen Organisation mit bürokratischem Apparat, sondern im Zweifelsfall nur etwas Zeit und Empathie. Der Einzelne kann sich in seiner Nachbarschaft um ein Vielfaches leichter engagieren als in Somalia, Haiti oder Kongo, wo es für die durchschnittliche Nordeuropäerin außer der hauptamtlichen Arbeit im Rahmen westlicher Hilfsorganisationen oder der Spende an eine solche Organisation kaum eine Möglichkeit gibt, sich zu engagieren.

Die Hilfe der Freiwilligen richtet sich nicht nach Kriterien der Vermarktbarkeit oder nach Interessen von Gebern.

Im Zuge der aktuellen Flüchtlingsbewegungen in und nach Europa haben sich sehr viele Freiwillige auf den Weg gemacht, um zum Beispiel auf den griechischen Inseln oder auf deutschen Bahnhöfen neu ankommende Flüchtlinge zu unterstützen. Zwar gibt es gute Gründe dafür, Hilfe durch etablierte Organisationen zu organisieren und durchzuführen, doch während humanitäre Hilfe in den letzten Jahren immer weiter professionalisiert wurde, gelangt nun wieder das ursprünglich konstituierende, altruistische und ehrenamtliche Moment humanitärer Hilfe in den Vordergrund. Die vielen Freiwilligen machen den Akteuren des etablierten „humanitären Clubs“ das Monopol der Hilfe streitig. Ihre Hilfe richtet sich nicht nach Kriterien der Vermarktbarkeit oder nach Interessen von Gebern, sondern ist – zumindest auf den ersten Blick – wirklich unparteilich, unabhängig und neutral. Wer Hilfe zum Beispiel auf Lesbos, im Libanon oder in Siegen leisten möchte, der kann sich über Facebook informieren und sich einer spontanen Initiative anschließen. Dadurch ist den etablierten Hilfsakteuren zusätzlich zu Militär und privaten Firmen neue Konkurrenz erwachsen. Sie kann sich wiederum auch institutionalisieren und neue Organisationen gründen.

Dabei werden auch andere Formen von Hilfe möglich, wo staatliche Akteure nicht tätig werden wollen oder können, obwohl es eigentlich ihre Aufgabe wäre. So entstanden seit 2013 zahlreiche Organisationen, die Seenotrettung und medizinische Versorgung von Flüchtlingen durchführen, die bei ihrer Flucht über das Mittelmeer auf dem Weg nach Europa in Not geraten: zum Beispiel Migrant Offshore Aid Station (MOAS), Sea-Watch oder SOS MEDITERRANEE. Aber auch etablierte Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen und bislang gar nicht in der humanitären Hilfe tätige Organisationen wie Greenpeace führen nun Such- und Rettungseinsätze im Mittelmeer durch. Zwar gab es auch vorher schon ähnliche Initiativen, zum Beispiel Cap Anamur, aber neu ist, dass die Hilfe nun direkt vor der eigenen Haustür erforderlich ist und sich daher eine größere Zahl an Privatpersonen engagiert.

Angesichts der zahlreichen Konkurrenz müssen sich die traditionellen humanitären Akteure fragen, was sie denn von anderen Hilfsakteuren unterscheidet beziehungsweise was sie so besonders macht, dass sie weiterhin die bevorzugten Hilfsakteure sein sollen. Mit Blick auf die bisherigen Konkurrenten wie das Militär oder kommerzielle Unternehmen war es für humanitäre NGOs noch relativ einfach, sich als die „besseren“ Helfer darzustellen, weil die Motive und Handlungsweisen der Konkurrenz in Frage gestellt und als nicht mit den humanitären Grundsätzen konform missbilligt werden konnten. Doch wofür sollte man ehrenamtliche Helferinnen und Helfer, die flüchtenden Menschen auf ihrem Weg nach und in Europa Decken oder warme Mahlzeiten bringen, kritisieren?

Es wird sich zwar erst noch zeigen, wie nachhaltig dieser Trend ist, doch insgesamt zeigen die aktuellen Entwicklungen, dass nicht mehr nur etablierte Organisationen und professionelle Helfer humanitäre Hilfe durchführen, sondern auch viele Freiwillige, die aus uneigennützigen Motiven heraus jenseits etablierter Strukturen Formen von Hilfe erbringen, die Staaten und Hilfsorganisationen nicht leisten können oder wollen (etwa auf den griechischen Inseln oder im Mittelmeer). Damit machen sie dem humanitären Club aus westlichen Staaten, den Vereinten Nationen und NGOs das Monopol zur Hilfserbringung streitig. So entsteht die Chance für eine Form humanitärer Hilfe, wie sie von humanitären NGOs idealisiert wird: an den Nöten der Bedürftigen orientierte Hilfe, die altruistisch und unabhängig von politischen Strukturen und Akteuren ist. Vor allem für humanitäre NGOs ist dies eine Chance, sich auf diese Grundsätze ihrer Arbeit zurückzubesinnen.

Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Bestellen Sie hier den Newsletter.

2 Leserbriefe

Ortrud Hagedorn schrieb am 25.05.2016
Durch institutionalsierte Organisationen werden Menschen oft ihre eigenen Fähigkeiten genommen. Wenn sie in Lagern durch Catering-Firmen gefüttert werden, statt selber -selbst nur mit einer behelfsmäßige Ausstattungen - kochen zu können, statt sich Nutzgärten erobern zu können. Wenn sie aus Kleiderkammern mit Spenden ausgestattet werden, statt selber Gewerbe mit second -hand -Kleidung aufbauen zu können. Wenn sie in vorgefertigten Räumen untergebracht werden, statt sich mit Werkzeug , Sachmitteln , Bau-Material und Anleitung selbst Räume ausbauen und einrichten zu können. Alle handlumsorientierten Hilfen sind allemal besser als untätig herumzulungern. Handlungsräume untertstützen die Emanzipation von den Helfern.
Petzer schrieb am 25.05.2016
Zu Ortrud Hagedorn: Grosse Zustimmung. Ich frage mich oft, ob ein solcher Ansatz nicht in viel grösserem Rahmen gedacht werden kann. z.B. durch Gründung ganzer Städte, in denen Flüchtlinge sich selbst verwalten, in denen Produktionsstätten gegründet werden können, in denen Schulen, andere Bildungsstätten, Kultur- Institutionen aufgebaut werden. Und zwar mit einer nicht zu heterogenen Nationalität, die zunächst noch eine eigenen Identität entwickelt, aber durch "Handel und Wandel" so mit der Umgebung vernetzt wird, dass sie schliesslich ein Teil dieser wird. Dabei wäre es wahrscheinlich richtig, diese Städte unter ein europäisches Patronat zu stellen, schon um nationalistische "Eingemeindungen" zu verhindern. VÖLLIG VERRÜCKTE IDEE?