„Die Jugend ist die Zukunft!“, „Die Führungskräfte von morgen!“, „Junge Menschen stärken!“ – das sind die gängigen Slogans in den Strategiepapieren von Regierungen, Afrikanischer Union (AU) und internationalen Entwicklungsexperten. Doch solange sie nicht tatsächlich umgesetzt werden, bleiben sie nichts weiter als hohle Phrasen und verstellen den Blick für konkrete Wege, auf denen die größte Altersgruppe Afrikas zu Wohlstand gelangen kann.

Zunächst einmal ist die Jugend keine homogene Bevölkerungsgruppe. Die Altersgruppe der 15- bis 35-Jährigen umfasst die sogenannten Millennials, die in den 1980er und 90er Jahren geboren wurden, die nachfolgende Generation Z, kurz Gen Z, die die Geburtenjahrgänge bis etwa 2010 umfasst, und demnächst auch noch die Gen Alpha – die Kinder der Millennials. Für jede dieser Altersgruppen braucht es spezifische Maßnahmen und Strategien, die nicht nur darauf abzielen, ihr Leben zu verbessern, sondern sie auch auf ihren verschiedenen Wegen ins Erwachsenenleben in einer von zahlreichen Krisen belasteten Welt zu unterstützen.

Afrikas Jugend wird in einer Welt erwachsen, in der lange auf die Bank geschobene Probleme gelöst werden müssen. Der Klimawandel, die gravierenden sozioökonomischen Ungleichheiten und die damit einhergehenden Konflikte sind keine Herausforderungen, die in weiter Ferne liegen, sondern existenzielle Krisen. Und die Covid-19-Pandemie hat sie noch weiter verschärft.

Afrikas Jugend wird in einer Welt erwachsen, in der lange auf die Bank geschobene Probleme gelöst werden müssen.

Ein Blick auf sozioökonomische Programme wie die Agenda 2063 der AU und die Pläne einzelner Länder macht deutlich: Zwar werden hehre Ziele und Visionen von einer Welt formuliert, in der sich junge Menschen voll entfalten können, aber diese Welt liegt in einer Zukunft, in der sie selbst gar nicht mehr jung sein werden und die sie nicht gestalten. Nach dem Aktionsplan der African Youth Decade (2009-2018) gibt es inzwischen die African Decade for Technical, Professional, Entrepreneurial Training and Youth Employment (2019-2028). Für jeden folgenden Zehnjahreszeitraum bis 2063 wird es wohl wieder einen „Jugendaktionsplan“ geben.

Der Frage, wie diese Programme konkret zu den behaupteten Entwicklungsmöglichkeiten führen sollen, widmet man sich jedoch selten mit derselben Euphorie wie der Ankündigung der Programme. Gleiches gilt für die riesigen Geldsummen, die für ihre Realisierung aufgebracht werden sollen. Haben die afrikanischen Regierungen zum Beispiel tatsächlich ein Prozent ihres jeweiligen Bruttoinlandsprodukts in die Finanzierung der Entwicklung von Wissenschaft, Technologie und Innovation (WTI) investiert, wie es die Science, Technology and Innovation Strategy for Africa 2024 (STISA 2024) der Afrikanischen Union vorsieht?

Wir können uns nicht ständig von einer Agenda zur nächsten hangeln, ohne dass es irgendeine Form von Rechenschaftspflicht gibt.

Aus den Fortschrittsberichten geht hervor, dass bis 2019 kein einziges afrikanisches Land dieses Ziel erreicht hat, und nur 23 Länder haben die notwendigen Daten für die Messung ihrer Bruttoinlandsausgaben für Forschung und Entwicklung übermittelt. Außerdem muss genauer analysiert werden wie sich diese Investitionen in realen Chancen für junge Menschen niederschlagen, einen nachhaltigen WTI-Beitrag zu leisten. Immerhin besteht dieses Förderprogramm bereits seit fast einem Jahrzehnt. Ein Kommentator brachte es zutreffend auf den Punkt: „Wir können uns nicht ständig von einer Agenda zur nächsten hangeln, ohne dass es irgendeine Form von Rechenschaftspflicht gibt.“

Hinzu kommt, dass der jüngste Kontinent der Welt von den Alten regiert wird. Die genannten Programme und Strategien werden von Institutionen umgesetzt, in deren Führungsetagen die Jungen kaum vertreten sind. Und wenn doch, dann müssen sie zwar andauernd Beratungen, Schulungen und Empowerment-Programme absolvieren, aber zu entscheiden haben sie nichts. Wenn ihnen nahegelegt wird, eine politische Führungsrolle zu übernehmen, wird oft so getan, als müssten sie einfach nur ihr Interesse bekunden, Präsenz zeigen und sich um ein Mandat bewerben. Jedoch kann es beispielsweise in Kenia mehr als 100 000 Euro kosten, sich einen Kandidatenplatz bei den Vorwahlen zu sichern – ein hoher Preis, der sich durch mit der Zeit gewachsene politische und soziale Verhaltensmuster erklärt. Dadurch wird ein großer Teil der jungen politischen Nachwuchskräfte ausgeschlossen, und dies ist auf gewisse Weise gewollt.

Der formale Arbeitsmarkt ist nicht in der Lage, den talentierten Nachwuchs aus den Universitäten und Hochschulen aufzunehmen.

Auch die altbekannte These, dass Bildung den Weg zum Wohlstand ebnet, führt nicht weit: Der formale Arbeitsmarkt ist nicht in der Lage, den talentierten Nachwuchs aus den Universitäten und Hochschulen aufzunehmen. Wenn junge Menschen das Unternehmertum als Schlüssel zu wirtschaftlichem Erfolg nutzen wollen, haben sie auf unwegsamem Terrain mit Hemmnissen wie mangelnder Kapitalverfügbarkeit zu kämpfen oder bekommen es mit Betriebs- und Verwaltungsvorschriften zu tun, die diesen Weg verstellen. Die Feststellung „Wandel an der Oberfläche, Kontinuität im Inneren“ beschreibt zutreffend, wie all die ehrgeizigen Aktionspläne und Programme an der Realität scheitern.

Wir brauchen mehr als hohle Phrasen, wenn es um die Jugend Afrikas geht. Es kann nicht sein, dass für uns Wohlstand weiterhin etwas ist, auf das wir bis in die ferne Zukunft warten sollen. Wir führen Dialoge, entwickeln Strategien und starten Kampagnen, um zu zeigen, wie wichtig es ist, junge Menschen in die Regierungsverantwortung und die Zukunftsgestaltung des Kontinents einzubeziehen, aber die Wege, auf denen wir dieses Ziel tatsächlich verwirklichen könnten, bleiben versperrt.

Die Jugend hat keine Zukunftsperspektiven. Sie steckt in einer Sackgasse und ist zunehmend verzweifelt. Es ist mehr als bedenklich, dass eine demografische Mehrheit in den Kernbereichen der Politikgestaltung und der Regierungsführung auf lokaler, regionaler und sogar internationaler Ebene so stark unterrepräsentiert ist – und das in einer Zeit komplexer Probleme globalen Ausmaßes. Die Widerstandskraft, die es braucht, um sich immer wieder zu Wort zu melden und für die eigenen Chancen zu kämpfen, schwindet dahin.

Der jüngste Kontinent der Welt wird von den Alten regiert.

Und dann gibt es da noch diejenigen, die längst nicht mehr zur Altersgruppe der Jugendlichen gehören und immer noch darauf warten, dass sie an die Reihe kommen. Wenn diese zusätzliche Herausforderung nicht als solche erkannt wird, besteht die Gefahr, dass es statt zu Fortschritten zu Generationenkonflikten kommt. Die Jugendlichen von heute erleben, wie ihre älteren Geschwister und sogar ihre Eltern immer noch auf ihre Chance warten, während die Macht und die Ressourcen sich bei der Generation ihrer Großeltern und Urgroßeltern anhäufen. Es ist auch nicht damit getan, dass man junge Menschen alibihaft in Institutionenablegern mit „Jugend“ im Titel unterbringt, wenn Macht, politische Entscheidungsprozesse und Ressourcen in den Händen des etablierten Systems bleiben.

Viele Aktionspläne und politische Programme können durchaus nützlich sein, wenn sie denn in die Tat umgesetzt werden und dabei dann auch eine durchgängige Rechenschaftspflicht gilt. Lösungsansätze, die nur auf dem Papier einen guten Eindruck machen, helfen nicht weiter. Zum Beispiel ist es an der Zeit, generationenübergreifende Governance-Ansätze zu erproben, die junge Menschen in die Unternehmens- und Regierungsführung einbeziehen, um zukunftsfähige Institutionen zu schaffen und Politik mitzugestalten. Denn nur so können die vielen drängenden und miteinander zusammenhängenden Herausforderungen der früheren, heutigen und zukünftigen Generationen der afrikanischen Jugend bewältigt werden.

Die Kreativität, die Begabungen, Ideen und Hoffnungen der afrikanischen Jugend dürfen nicht länger ein Randthema oder gedankliches Beiwerk sein. Bevor ein weiterer Aktionsplan oder die nächste politische Absichtserklärung ausgearbeitet werden, sind die mit der Umsetzung beauftragten Institutionen, insbesondere die afrikanischen Regierungen und die AU, moralisch dringend gefordert, transparent Rechenschaft darüber abzulegen, was wirklichen Fortschritten im Weg steht – wenn wir denn wirklich wollen, dass die junge Bevölkerung Afrikas ihre Potenziale voll entfalten kann.

Aus dem Englischen von Christine Hardung