Als die südkoreanische Bogenschützin An San bei der Olympiade in Tokio binnen zwei Tagen zwei Goldmedaillen gewann, erntete die 20-Jährige in ihrem Heimatland gemischte Reaktionen. Einerseits wurde sie gefeiert, andererseits zog sie sich den Zorn einiger Männer zu, die der Meinung waren, die Medaillen sollten ihr entzogen werden. Und mit welcher Begründung? Ihre kurzen Haare seien ein Zeichen dafür, dass An San Feministin und eine „Männerhasserin“ sei.

Das mag bizarr und surreal klingen, aber die Angriffe gegen An San erinnern leider einmal mehr daran, dass im wirtschaftlich hoch entwickelten, aber äußerst sexistischen Südkorea die Geschlechterstereotype tief verwurzelt sind – und dass Frauen und Mädchen unter enormem Druck stehen, „feminin“ auszusehen und sich dementsprechend zu verhalten. Die Attacken sind ein weiteres Kapitel des eskalierenden Kulturkampfes: zwischen den Feministinnen im Land, die immer weniger ein Blatt vor den Mund nehmen, und den Feminismus-Gegnern, die versuchen, sie mundtot zu machen.

Südkorea ist nicht nur die zehntgrößte Volkswirtschaft der Welt, ein High-Tech-Gigant und das Heimatland des weltgrößten Smartphone-Herstellers Samsung, sondern auch ein kulturelles Kraftpaket, dessen K-Pop-Stars wie BTS und Blackpink sich einer weltweiten Fangemeinde erfreuen. Doch allen wirtschaftlichen und technologischen Fortschritten zum Trotz hat sich an den tief verwurzelten patriarchalischen Strukturen und der Geschlechterdiskriminierung nicht viel geändert.

In keiner der hoch entwickelten Wirtschaftsnationen, die der OECD angehören, ist das geschlechtsspezifische Lohngefälle so groß wie in Südkorea.

Im Länder-Ranking des Weltwirtschaftsforums zur Gleichstellung der Geschlechter belegt Südkorea den 102. Platz. In keiner der hoch entwickelten Wirtschaftsnationen, die der OECD angehören, ist das geschlechtsspezifische Lohngefälle so groß wie in Südkorea. Im sogenannten „Glass Ceiling Index“ landet das Land stets auf dem letzten Platz, wenn es um die Bedingungen für berufstätige Frauen geht. Nur 19 Prozent der Parlamentssitze sind von Frauen besetzt – dieser Anteil ist beinahe identisch mit dem in Nordkorea.

Frauen stehen unter enormem Druck, jederzeit und um jeden Preis perfekt auszusehen. Das erklärt den Ruf Südkoreas als weltweite Hochburg der Schönheitschirurgie. Auf Seouls geschäftigen Straßen schleudern die Werbetafeln der plastischen Chirurgen den Passanten auf Schritt und Tritt Slogans wie „Hübsch sein ist das A und O!“ entgegen. Das Schönheitsvorbild für die Teenagerinnen und jungen Frauen im Land liefern die spindeldürren K-Pop-Sternchen. Die extremen Diätkuren der Stars finden in den sozialen Medien große Verbreitung und werden von vielen Frauen und Mädchen begierig nachexerziert, denen häufig nicht nur von den Medien, sondern auch von Familie, Lehrern, Klassenkameraden, Kollegen und Chefs gepredigt wird, dass ein hübsches Äußeres wichtiger sei als alles andere.

Das typische Schönheitsideal in Südkorea schreibt vor, dass Frauen eine bleiche und dennoch strahlende Haut, ein jugendliches „Babyface“, langes und glänzendes Haar, große Augen, eine schlanke Nase und einen dürren Körper haben müssen. Eine Untersuchung zeigte 2019, dass fast 17 Prozent aller südkoreanischen Frauen zwischen 20 und 29 Jahren untergewichtig sind. Bei den gleichaltrigen Männern liegt der Anteil unter fünf Prozent. Der Druck wird schon früh aufgebaut: Eine andere Studie ergab, dass bereits im Grundschulalter 40 Prozent der Mädchen sich schminken; in der Mittelstufe liegt der Anteil über 70 Prozent.

Frauen stehen unter enormem Druck, jederzeit und um jeden Preis perfekt auszusehen.

Inzwischen leisten Frauen allerdings Gegenwehr. In den vergangenen Jahren hat eine gewaltige feministische Welle das Land erfasst und die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass viele Frauen im Unterschied zu früher ihre Stimme gegen sexuelle Diskriminierung und Übergriffe erheben und die Degradierung von Frauen anprangern. Mehrmals brachten gemeinsame Aktionen Männer zu Fall, die Frauen sexuell belästigt hatten. In einem der prominentesten #MeToo-Fälle in Asien musste der beliebte Präsidentschaftskandidat Ahn Hee-jung 2018 wegen Vergewaltigungsvorwürfen zurücktreten und wurde ein Jahr später zu einer Gefängnisstrafe verurteilt.

Über Monate hinweg versammelten sich 2018 Zehntausende auf der Straße und forderten ein härteres Vorgehen gegen die sogenannten „Spycam-Pornos“. Dabei werden Frauen beispielsweise am Arbeitsplatz oder in öffentlichen Toiletten heimlich gefilmt und die Aufnahmen ins Internet gestellt.

Auch die Bewegung „Flucht aus dem Korsett“ war Teil dieser Aufbruchsdynamik. Ihr ging es darum, sich dem Druck der rigiden Schönheitsideale zu entziehen. Die Frauen und Mädchen in der Kampagne ließen sich ihre Haare kurz schneiden, vernichteten ihr Makeup, weigerten sich, eng anliegende, freizügige oder unbequeme Kleidung zu tragen, und zogen sich stattdessen bequemer und praktischer an. Seither sind Kurzhaarschnitte unter jungen Feministinnen zu einer Art politischem Statement geworden. „Dass ich tatsächlich die Freiheit habe, mich nicht zu schminken, nicht dünn zu sein oder nicht ‚feminin‘ auszusehen, habe ich erst durch die Bewegung erfahren“, gesteht eine junge Frau. „Es war ein echter Befreiungsschlag.“

Diese Welle des Erwachens sorgt allerdings für heftige Gegenwehr seitens jener Männer, die der Meinung sind, die Frauen seien zu weit gegangen.

Diese Welle des Erwachens sorgt allerdings für heftige Gegenwehr seitens jener Männer, die der Meinung sind, die Frauen seien zu weit gegangen. Feministinnen gehörten bestraft, fordern sie. Einen Höhepunkt erreichte der Gegenschlag im Mai, als zahlreiche Männer in Online-Foren Unternehmen oder Institutionen als „männerfeindlich“ an den Pranger stellten, die in ihrer Werbung Bilder verwenden, auf denen mit Daumen und Zeigefinger ein kleiner Gegenstand angedeutet wird. Im Zuge einer Kampagne, die von einigen mit einer Hexenjagd à la McCarthy verglichen wurde, behaupteten sie, mit diesem Bild wollten sich Feministinnen über die Größe der männlichen Genitalien lustig machen. Viele der beschuldigten Unternehmen und Regierungsstellen – darunter die nationale Polizeibehörde und das Verteidigungsministerium – gaben eilends klein bei. Sie baten um Entschuldigung dafür, die Gefühle der Männer verletzt zu haben, und entfernten die Bilder aus ihrer Werbung. Die Online-Pöbler bekamen sogar politische Rückendeckung: Lee Jun-Seok, ein junges Mitglied der rechtsgerichteten People’s Power Party, gelangte zu Prominenz, indem er die Verschwörungstheorie um die „männerfeindliche“ Fingergeste nach Kräften aufbauschte. Im Juli wurde er Parteichef.

Gestärkt durch den Rückhalt eines einflussreichen Politikers und ermutigt durch die unterwürfigen Entschuldigungen seitens der Unternehmen und der Regierung nahmen die Online-Pöbler ihr nächstes Ziel ins Visier – die Bogenschützin An San, deren Erscheinungsbild nicht zu ihrer Idealvorstellung traditioneller Weiblichkeit passte. „Warum hast du dir die Haare abgeschnitten?“ wurde An San auf einem ihrer Social-Media-Kanäle gefragt. Ihre Antwort „Weil’s bequem ist.“ war offenbar nicht genehm. Gegen San wurde eine Kampagne gestartet mit der Forderung, sie solle sich dafür entschuldigen, Feministin zu sein. Manche verlangten gar, der koreanische Bogenschützenverband solle ihr die Medaillen entziehen.

Viele Frauen feierten Sans Olympiasieg als Symbol für die Stärke, die die Südkoreanerinnen derzeit angesichts der frauenfeindlichen Welle unter Beweis stellen.

Doch einmal mehr schlugen die Frauen zurück. Weibliche Abgeordnete, Aktivistinnen, Entertainerinnen und tausende Frauen stellten sich hinter San. Als Zeichen ihrer Unterstützung posteten viele Frauen Fotos ihrer Kurzhaarschnitte in den sozialen Medien. Und während das Cybermobbing gegen die Bogenschützin weiter um sich griff, schreib San in aller Ruhe Geschichte – als erste Bogenschützin, die bei einer Olympiade dreimal Gold holte.

Viele Frauen feierten Sans Olympiasieg als Symbol für die Stärke, die die Südkoreanerinnen derzeit angesichts der frauenfeindlichen Welle unter Beweis stellen. Die neue Aktivismusbewegung ist für viele Südkoreanerinnen zum Sprachrohr geworden, ihren Groll und ihr Unbehagen zu artikulieren. Damit gewappnet entwerfen sie für sich neue Lebenswege – angefangen mit der kleinen Freiheit, ihre Haare kurz zu schneiden.

Aus dem Englischen von Andreas Bredenfeld