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Ein Hoch auf den Welthandel
Zukünftig nur noch in der Heimat produzieren bietet Sicherheit? Nonsens. Globale Lieferketten sind im Falle einer Pandemie deutlich robuster.

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Spätestens nach der Entdeckung des Seewegs nach Indien durch Vasco da Gama im 15. Jahrhundert nicht mehr wegzudenken: die Globalisierung und der Import von Waren aus aller Welt.

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Die Covid-19-Krise bestärkt die Verfechter des Protektionismus und der Deglobalisierung. Zu den bekannten Sorgen über verlorene Arbeitsplätze in der verarbeitenden Industrie und wachsende Ungleichheit oder auch den in einigen Kreisen bestehenden Wunsch, China mit höheren Zöllen zu „bestrafen“, ist nun ein Argument gegen globale Lieferketten hinzugekommen. Dieser Auffassung zufolge hat die weit verteilte Produktion die Volkswirtschaften weniger autark und damit weniger widerstandsfähig gemacht. Die Lösung besteht darin, bestehende Geschäftstätigkeiten in die Heimatländer zurückzuholen, in Zukunft weniger ins Ausland zu verlagern und die Abhängigkeit vom Handel allgemein zu verringern.

Das Argument der Widerstandsfähigkeit ist nicht neu. Sorgen um die „Ernährungssicherung“ werden regelmäßig zur Rechtfertigung protektionistischer Eingriffe in den Agrarsektor benutzt. Und vordergründig betrachtet scheint die – in den letzten Monaten häufig vorgebrachte – Behauptung berechtigt, dass Lebensmittelversorgungsketten sicherer seien, wenn sie national verortet sind. Bei näherer Betrachtung ist die Situation allerdings deutlich differenzierter, vor allem, wenn man eine halbwegs weit gefasste Auffassung von „Widerstandsfähigkeit“ hat.

Sicherlich würden Handelsskeptiker sagen, dass die Covid-19-Krise die Verwundbarkeit globaler Lieferketten gegenüber Exportbeschränkungen und externen Schocks offenbart hat. Viele Länder, darunter auch EU-Mitgliedstaaten, verhängten anfänglich Ausfuhrbeschränkungen für persönliche Schutzausrüstung (PSA) wie Gesichtsmasken, was möglicherweise dazu geführt hat, dass einige Importländer diese Artikel nicht beschaffen konnten, als sie sie am dringendsten benötigten.

Es ist nicht überraschend, dass Regierungen im Notfall ihre eigenen Bürger an die erste Stelle setzen. Sogar die Welthandelsorganisation, die normalerweise Ausfuhrbeschränkungen verbietet, lässt Ausnahmen für „unentbehrliche Produkte“ zu. Aber die jüngsten Exportbeschränkungen waren in den meisten Ländern nur von kurzer Dauer, und ihre negativen Auswirkungen wurden durch die Vorteile des Handels mit PSA anderswo aufgewogen. China, das die Krise früher als die meisten anderen Länder überwunden hat, nahm die Produktion rasch wieder auf und steigerte seine Exporte von PSA in alle Länder in Bedrängnis, wodurch es die weltweiten Engpässe in einem entscheidenden Moment linderte. Der New York Times zufolge stellt China gegenwärtig zwölfmal so viele Masken pro Tag her wie vor der Krise.

Spezialisierung ermöglicht es globalen Lieferketten, Kosten zu minimieren und die Effizienz zu maximieren, doch sie kann zu Komplikationen führen, wenn die Produktion schnell hochgefahren werden muss.

Ein zweites Argument stellt ein besonderes Merkmal des modernen Handels in den Mittelpunkt: die Hyperspezialisierung von Produktions- und Vertriebsketten, die sich über mehrere Länder erstrecken. Spezialisierung ermöglicht es globalen Lieferketten, Kosten zu minimieren und die Effizienz zu maximieren, doch sie kann zu Komplikationen führen, wenn die Produktion schnell hochgefahren werden muss.

Der jüngste Mangel an Beatmungsgeräten hat diesen Punkt deutlichgemacht. Die zur Behandlung von Covid-19-Patienten verwendete Standard-Beatmungstechnologie besteht aus 300 verschiedenen Teilen, deren Produktion sich über mehrere Länder erstreckt. Die Herstellung von mehr Beatmungsgeräten erfordert daher eine enge Koordination in einer Zeit, in der der erste Impuls vieler Länder darin besteht, um knappe Teile zu konkurrieren. Und selbst wenn alle Einzelteile beschafft werden können, erfordert die Produktion immer noch ein hohes Maß an technischem Know-how – eine Kompetenz, die viele Länder ins Ausland verlagert haben könnten.

Nichtsdestotrotz betrachten Befürworter der Globalisierung diese Herausforderungen als Beweis, dass globale Koordination und Zusammenarbeit wertvoller denn je sind. Sie würden argumentieren, dass die Verteilung mehrerer Bezugsquellen auf verschiedene Länder die Widerstandsfähigkeit verbessert. Anstatt „nur so stark wie ihr schwächstes Glied“ zu sein, ist eine globale Lieferkette sogar robuster, weil sie nicht funktionierende Glieder reparieren kann, indem sie eine Bezugsquelle in einem betroffenen Land durch eine alternative Bezugsquelle in einem anderen Land ersetzt.

Handelsskeptiker könnten das Gegenteil behaupten und einwenden, dass Koordinierungsprobleme gänzlich vermieden werden könnten, wenn die Lieferkette für Beatmungsgeräte, wie im Falle von Lebensmitteln, ins eigene Land zurückgeholt würde. Dabei hat es in US-Fleischverarbeitungsbetrieben in den letzten Wochen zahlreiche Infektionen mit Covid-19 gegeben, was eine der entscheidenden Nahrungsmittelversorgungsbranchen des Landes kräftig durcheinandergewirbelt hat. Das Einzige, was viele Betriebe jetzt noch am Laufen hält, ist eine Drohung der US-Bundesregierung, die sich auf ein Kriegswirtschaftsgesetz aus dem Jahr 1950 beruft, den Defense Production Act.

In Wirklichkeit sind inländische Lieferketten nur in höchst unwahrscheinlichen Szenarien robuster, in denen alle anderen Länder gleichzeitig von einem negativen Schock getroffen werden.

In Wirklichkeit sind inländische Lieferketten nur in höchst unwahrscheinlichen Szenarien robuster, in denen alle anderen Länder gleichzeitig von einem negativen Schock getroffen werden. Wenn man der Einzige ist, der nicht von einer globalen Krise betroffen ist, hilft es natürlich, wenn die Produktion im eigenen Land angesiedelt ist.

Im Falle einer Pandemie ist jedes Land betroffen, aber Ausbrüche neigen dazu, ihren Höhepunkt zu unterschiedlichen Zeiten zu erreichen. Wenn sich die Vereinigten Staaten in der schlimmsten Phase der Krise befinden, ist es anderen Ländern möglicherweise bereits gelungen ihre Epidemiekurven abzuflachen, die dann als Ausgangspunkt für Handel – und Widerstandsfähigkeit – dienen können.

Letztlich geht es bei der Frage, wie wir mit Risiken umgehen und Widerstandsfähigkeit aufbauen, nicht um „global“ versus „national“. Diversifizierung – geographisch oder auf anderem Wege – ist ein anerkanntes Prinzip des Risikomanagements. Durch den Betrieb mehrerer Anlagen an mehreren Standorten können Unternehmen das Risiko einer Unterbrechung des Systems minimieren, wenn ein Standort (etwa durch eine Naturkatastrophe) ausfällt. In ähnlicher Weise können Unternehmen die mit politischen Umwälzungen verbundenen Risiken mindern, indem sie ihre Aktivitäten auf mehrere Länder verteilen. Die globale Verteilung der Produktion maximiert nicht nur die Effizienz, sie ist auch gutes Risikomanagement.

Diversifizierung – geographisch oder auf anderem Wege – ist ein anerkanntes Prinzip des Risikomanagements.

Wenn es um die allgemeinere Frage geht, wie wir unsere Widerstandsfähigkeit verbessern sollten, haben Kritiker Recht damit, wenn sie die Besessenheit von kurzfristiger Effizienz und Profiten ablehnen. Diese Art Geschäfte zu machen hat eindeutig dazu geführt, dass Unternehmen und Lieferketten zu schlank sind, um mit einer großen Krise wie Covid-19 fertig zu werden. Ein gewisser Grad an Redundanz (oder kurzfristiger Ineffizienz) kann sich in Zukunft buchstäblich als lebensrettend erweisen.

Eine Entscheidung zugunsten von Redundanz – etwa eine bestimmte Anzahl von Krankenhausbetten, die als Reserve vorgehalten werden, oder der Betrieb einer zusätzlichen Maskenfabrik – hätte Engpässe in der gegenwärtigen Krise gemildert. In Zukunft sollten wir nach Möglichkeiten suchen, diese Art von zusätzlichen Kapazitäten einzubinden, indem wir in dynamischen statt in statischen Effizienzbegriffen denken. Die Covid-19-Krise hält wichtige Lehren bereit. Gute Argumente gegen Handel oder gegen globale Lieferketten hat sie nicht geliefert.

(c) Project Syndicate

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