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Krisenzeit
Die Corona-Pandemie wird unsere Welt nachhaltig verändern. Krisen aber sind eine Konstante der Gegenwart.

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Panik in der Wallstreet: Die Pleite einer Bank löst 1857 die erste Weltwirtschaftskrise aus.

Die Corona-Krise hält die Welt in Atem. Das Leben verändert sich aktuell in rasender Geschwindigkeit. Alte Gewissheiten werden über Bord geworfen, gewohnte und selbstverständliche Grundregeln außer Kraft gesetzt, für die Nachkriegsgenerationen unvorstellbare Restriktionen von den staatlichen Exekutiven beschlossen. Dabei sind Krisen in modernen kapitalistischen Gesellschaften eigentlich nichts Außergewöhnliches. Im Gegenteil: Krisen sind geradezu allgegenwärtig und omnipräsent. Es gibt wohl kaum einen anderen Begriff, der in der jüngeren Vergangenheit den politischen, wissenschaftlichen, medialen und öffentlichen Diskurs in vergleichbarer Weise prägt. Krisendiagnosen haben eine gewissermaßen permanente Konjunktur. Aufgrund der Allgegenwart des Krisenbegriffs hat der Historiker Reinhart Koselleck einst behauptet, dass sich die Krise „zur strukturellen Signatur der Neuzeit“ entwickelt habe.

Schon ein kursorischer Überblick über einschneidende Krisenphänomene der letzten 20 Jahre verdeutlicht die Universalität des Krisenbegriffs: Flüchtlingskrise, Banken-, Finanz- und Wirtschaftskrise, Staatsschulden- und Eurokrise, Krise der Demokratie und der (Volks‑)Parteien, Krise des Sozialstaats, Medienkrise, Bildungskrise, demographische Krise oder die bis zuletzt medienbeherrschende Klimakrise. Dazu kommen humanitäre Krisen, Kriege werden als Krisen wahrgenommen. Ebenso gibt es Beziehungs-, Ehe- oder Familienkrisen und Krisen auf der individuellen Ebene wie die Depression, den Burnout oder die Midlife-Crisis. Fortwährend befinden sich einzelne Wirtschaftsbranchen oder Unternehmen in einer Krise, auch Sportler und Sportvereine befinden sich in schöner Regelmäßigkeit in einer Form- beziehungsweise Ergebniskrise. Dies allein zeigt: Der Krisenbegriff wird zur Klassifizierung verschiedenster Phänomene verwendet. Was aber heißt Krise eigentlich und was prädestiniert den Krisenbegriff zur Etikettierung so unterschiedlicher Phänomene? Und was genau macht die aktuelle Corona-Krise so einzigartig, besonders und speziell?

Der Krisenbegriff hat eine lange Tradition, die bis in die griechische Antike zurückreicht. Etymologisch geht die Bezeichnung Krise auf das griechische Substantiv krísis, das übersetzt Streit, Urteil, Unterscheidung, Entscheidung oder Wendepunkt bedeutet, zurück. In der Antike wurde der Krisenbegriff hauptsächlich im medizinischen Kontext verwendet und bezeichnete jene entscheidende Phase des Krankheitsprozesses, in der die Entscheidung über Tod oder Überleben fällt. Als Kategorie gesellschaftlicher Selbstwahrnehmung und Selbstbeschreibung ist der Krisenbegriff jedoch ein Phänomen moderner Gesellschaften. Insbesondere seit dem 19. Jahrhundert hat sich der Krisenbegriff sukzessive zu einem Leitmotiv der Moderne entwickelt, indem das Krisenverständnis zunächst auf die politische und später auch auf die soziale und ökonomische Entwicklung bezogen wurde.

Die Etikettierung Krise besitzt als metaphorisches Instrument das Potenzial, pointiert, zugespitzt und dramatisierend auf gesellschaftliche Problemlagen aufmerksam zu machen. Der Krisenbegriff verfügt über eine einzigartige semantische Vieldeutigkeit, Vielseitigkeit, Vielschichtigkeit und Anschlussfähigkeit. Diese Eigenheiten machen den Krisenbegriff so attraktiv und begründen seinen Status als alltagssprachlichen und wissenschaftlichen Leitbegriff.

Krisen erschüttern und irritieren Routinen, erlernte Regeln, gewohnte Handlungsformen, Denkweisen, Strukturen und Ordnungen.

Krisen beziehen sich grundsätzlich immer auf die Abweichung von der Normalität, sie bezeichnen die nicht-gewollte und nicht-geplante Abweichung von der normalen, problem- und störungsfreien Entwicklung. Krisen sind Ausnahmezustände, es sind Ereignisse und Prozesse, die nicht mehr im ursprünglichen, gewöhnlichen und gewohnten Entwicklungsmodus bewältigt werden können. Krisen erschüttern und irritieren Routinen, erlernte Regeln, gewohnte Handlungsformen, Denkweisen, Strukturen und Ordnungen. Charakteristisch für Krisen ist, dass sie sich in gewissem Umfang immer der Steuerung entziehen. Krisen lassen sich niemals vollumfänglich beherrschen, sie ähneln, wie es Jürgen Habermas treffend formuliert hat, „einer objektiven Gewalt, die einem Subjekt ein Stück Souveränität entzieht“.

Da bei Krisenausbruch keineswegs feststeht, welche konkreten Folgen und Konsequenzen eine Krise haben wird und wie genau in Krisen zu handeln ist, produzieren Krisen systematisch ein beklemmendes Gefühl der Unklarheit, Unsicherheit und Ungewissheit. In einer allgemein gefassten Definition können Krisen als sich zuspitzende Entscheidungsphasen mit einem prinzipiell offenen Ausgang definiert werden. Es handelt sich bei Krisen um spezifische Übergangsphasen, die auf eine offene Zukunft mit ganz unterschiedlichen Entwicklungsmöglichkeiten verweisen.

Krisen können zweifellos zur Katastrophe oder zum Zusammenbruch führen, aber sie müssen nicht zwangsläufig negativ ausgehen, sie können auch einen Wendepunkt markieren und zu einer Verbesserung und Überwindung der kritischen Lage führen. Das chinesische Schriftzeichen für Krise, das zum einen aus dem Schriftzeichen für den Ausdruck „Gefahr“ beziehungsweise „Risiko“ und zum anderen aus dem Schriftzeichen für den Ausdruck „Gelegenheit“ beziehungsweise „Chance“ besteht, verdeutlicht diese Ambivalenz eindrücklich.

Folglich ist keineswegs gesichert und gewiss, wie auf Krisen zu reagieren ist und welche Maßnahmen geeignet, angemessen und verhältnismäßig sind, um sie zu überwinden. Nur so viel lässt sich allgemein festhalten: Jede Krise verlangt aufgrund ihrer spezifischen Konfiguration, des jeweiligen Entscheidungsbedarfs und des unterschiedlichen Handlungsdrucks ganz besondere Maßnahmen zur Krisenabwehr oder Krisenbewältigung, wobei es sehr darauf ankommt, ob die Maßnahmen schon antizipativ zur Krisenvermeidung, ob noch präventiv zur Verhinderung einer akuten Krise oder – wie jetzt in der Corona-Krise – erst repulsiv zur Bewältigung einer eingetretenen akuten Krise getroffen werden.

Egal, ob an Covid-19 erkrankt oder nicht, ob arm oder reich, ob alt oder jung, ob Mann, Frau oder divers: Es ist unmöglich, sich der Corona-Krise und den Krisenmaßnahmen komplett zu entziehen.

Als spezifische Übergangs- und Umbruchphasen sind Krisen per definitionem endlich und zeitlich begrenzt. Auch wenn die jeweilige Krise durchaus lange andauern kann, kann der Krisenstatus niemals der Dauer- oder Normalzustand sein. Wäre die Krise permanenter Zustand, bräuchte es den Begriff der Krise nicht mehr, da Krise identisch würde mit Normalität. Krisen sind zwar insofern normale und alltägliche Phänomene, als sie ein unaufhebbarer Bestandteil der gesellschaftlichen Entwicklung sind. Dennoch sind Krisen zeitlich begrenzte nicht-normale, nicht-gewollte, nicht-geplante und nicht-gewünschte Ausnahmesituationen. Krisen können insofern als normale Anomalien interpretiert werden.

Auch wenn Krisen allgegenwärtig und omnipräsent sind, ist die aktuelle Corona-Krise historisch beispiellos, und in mehrfacher Hinsicht einzigartig: Erstens, weil Covid-19 eine neuartige Krankheit ist, für die noch keine Gegenmittel zur wirksamen Behandlung oder zur vorbeugenden Impfung vorhanden sind. Niemand weiß, wie lange die Krankheit grassieren wird und wie sie zu besiegen ist. Auch mangelt es aufgrund der kurzen Zeitspanne seit Ausbruch des Virus SARS-CoV-2 an gesicherten wissenschaftlichen Erkenntnissen über Verlauf und Letalität der Krankheit sowie über die Frage, ob man nach einer Ansteckung immun gegen die Krankheit ist. Dies alles verursacht eine enorm hohe Verunsicherung.

Zweitens, weil in offenen, liberaldemokratischen Staaten beispiellose und nicht für möglich gehaltene Maßnahmen zur Einschränkung des öffentlichen Lebens ergriffen worden sind, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Zum Wohle der Demokratie als Staats- und Lebensform ist zu hoffen, dass diese Maßnahmen bald wieder aufgehoben werden können, bevor irreparable Schäden entstehen.

Drittens, weil es sich tatsächlich um eine globale und gesamtgesellschaftliche Krise handelt. Wenn auch in unterschiedlicher Art und Weise, aber diese Krise trifft und betrifft jeden. Egal, ob an Covid-19 erkrankt oder nicht, ob arm oder reich, ob alt oder jung, ob Mann, Frau oder divers: Es ist unmöglich, sich der Corona-Krise und den Krisenmaßnahmen komplett zu entziehen.

Viertens, weil sie neben den gesundheitlichen Folgen dramatische ökonomische, soziale und politische Folgen haben wird, die aktuell noch gar nicht abzusehen sind. Diese Krise ist eine Zäsur. Sicher ist bislang nur: Je länger die gegenwärtigen Maßnahmen aufrechterhalten werden müssen, desto tiefgreifender und weitreichender werden die wirtschaftlichen und sozialen Erschütterungen.

Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass die Corona-Krise gerade in Deutschland weitaus gravierendere Folgen haben wird als die globale Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/09.

Man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen, dass die Corona-Krise gerade in Deutschland weitaus gravierendere Folgen haben wird als die globale Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/09. Auch politisch wird diese Krise fundamentale Veränderungen bewirken. Der Grad der Globalisierung, das Verhältnis zwischen Wirtschaft und Politik und die Rolle des Staates, Verstaatlichungen, die Ausgestaltung des Föderalismus, die Privatisierung der Daseinsvorsorge und die Ökonomisierung des Gesundheitswesens: Vieles wird durch diese Krise auf dem Prüfstand stehen und neu justiert werden. Die Welt nach Corona wird eine andere sein.

Sehr viel wird jetzt davon abhängen, ob das Gesundheitssystem in Deutschland den Anforderungen aus dem epidemischen und exponentiellen Verlauf der Corona-Erkrankungen gewachsen sein wird. Die Sorge der Verantwortlichen in Politik und Krisenstäben vor einem Kollaps der medizinischen Versorgung, vor erschütternden Bildern wie aus Kliniken in der Lombardei ist verständlich. Nach der großen Fluchtbewegung im Jahr 2015 war vielfach von Staatsversagen und Kontrollverlust die Rede. Ein abermaliges Ereignis, bei dem sich die Bürgerinnen und Bürger von ihrem Staat alleingelassen fühlen, hätte vermutlich einen weitreichenden Legitimationsverlust von Politikern, Parteien und staatlichen Instanzen zur Konsequenz.

Das Schutzversprechen der deutschen Demokratie, institutionalisiert in den Grundrechtsartikeln des Grundgesetzes, ist nicht zu vergleichen mit den Herrschaftsaspirationen und Garantieversprechen etwa der Kommunistischen Partei in China. Das Regime in Peking hat in der Corona-Krise stellvertretend für und über die Bürger hinweg entschieden, autoritäre Zwangsmaßnahmen verhängt und eine rein staatliche Lösung des Problems versprochen. Dieses Modell kann in unseren westlich-deliberativen Demokratien so keine Anwendung finden. Wir müssen einen genuin demokratischen Weg finden. Aktuell kommt es auf jedes einzelne Individuum und sein Verhalten an. Eigentlich eine ur-demokratische Konstellation. Die Bürgerinnen und Bürger können durch ihr bewusstes Handeln den Verlauf der Krise und der Geschichte selbst mitbestimmen.

Die aktuelle Krise kann tatsächlich zu einer Stärkung der Demokratie durch Ermächtigung der Menschen und durch Verlagerung der Krisenbekämpfung vom Staat in die Zivilgesellschaft beitragen. Sollte es allerdings zu chaotischen Zuständen in deutschen Kliniken, zu Versorgungsengpässen bei Gütern des täglichen Bedarfs und zu Ausfällen im Bereich der öffentlichen Daseinsvorsorge kommen oder sollte die Politik den Deutschen nicht bald eine schrittweise Rückkehr in eine Form von gesellschaftlicher Normalität mit der Wiederaufnahme des öffentlichen Lebens und wirtschaftlicher Tätigkeiten und der Wiederöffnung von Schulen und Universitäten in Aussicht stellen können, dann ist ein Umschlagen der öffentlichen Stimmung und eine folgenschwere Delegitimation von Staat und Demokratie nicht ausgeschlossen.  

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