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Gesundschrumpfen
Die Einführung der 4-Tage-Woche ist wichtig, aber unzureichend. Was wir wirklich brauchen, ist eine Neuverteilung der unbezahlten Arbeit.

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Diesen Artikel hätte es beinahe nicht gegeben. Ich hatte einfach nicht die Zeit dafür. Als voll berufstätige Mutter eines Kleinkindes und eines 20 Wochen alten Babys stehe ich mit der Zeit auf Kriegsfuß. Darum soll es in diesem Artikel gehen: um Zeit – und zwar konkret um die Frage der Arbeitszeitverkürzung, die durch die Erfahrungen mit Zwangsurlaub, Kurzarbeit und Homeoffice während der Corona-Krise wieder in den Fokus des Interesses gerückt ist.

Unlängst regte die IG Metall, Deutschlands größte Gewerkschaft, die Einführung der Vier-Tage-Woche an, um angesichts der möglichen wirtschaftlichen Auswirkungen der Covid-19-Pandemie Arbeitsplätze zu sichern. Statt Industriearbeitnehmer zu entlassen, sollten die Unternehmen die Arbeitszeit verkürzen und dafür einen wie auch immer gearteten Lohnausgleich anbieten.

Solche Forderungen sind überall in Europa zu hören. In Spanien gab die Regionalregierung von Valencia in diesem Jahr eine Studie über Strategien zur Arbeitszeitverkürzung in Auftrag, die in der lokalen, nationalen und internationalen Presse für rege Diskussionen sorgte. Auch in Großbritannien sprach der Trade Union Congress, dem die meisten britischen Gewerkschaften angehören, sich für eine „Vier-Tage-Woche mit fairer Bezahlung für alleaus, und 2019 versprach die Labour Party in ihrem Wahlprogramm, bis 2030 die 32-Stunden-Woche einzuführen.

Dass die Geschlechter unterschiedlich viel Zeit haben, hat auch damit zu tun, wie die unbezahlte Arbeit verteilt wird.

Thinktanks und Aktionsbündnisse wie Autonomy, die New Economics Foundation und die 4-Day Week Campaign weisen schon lange auf die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Vorteile verkürzter Arbeitszeiten hin – von höherer Produktivität über geringere Erwerbslosigkeit bis zum kleineren CO2-Fußabdruck. Über diesen allgemeinen Nutzen für die Gesellschaft hinaus, so betonen alle drei Organisationen, würde ein Personenkreis ganz besonders profitieren: die Frauen. Ihnen käme die Einführung der Vier-Tage-Woche mehr als allen anderen zugute, weil sie am stärksten unter „Zeitarmut“ leiden. In allen europäischen Ländern haben Männer mehr Freizeit pro Tag als Frauen.  

Es wäre allerdings verfehlt, diese Diskrepanz nur unter dem Aspekt der geleisteten Lohnarbeitsstunden zu betrachten, denn Frauen haben ein Freizeitdefizit, obwohl sie häufiger in Teilzeit arbeiten als Männer. Manche Frauen müssen mit mehreren Teilzeitjobs jonglieren, um über die Runden zu kommen. Dass die Geschlechter unterschiedlich viel Zeit haben, hat aber auch damit zu tun, wie die unbezahlte Arbeit verteilt wird.

Die Pandemie führt diese Zusammenhänge in aller Deutlichkeit vor Augen. Als die Schulen, Kindergärten, Tagesbetreuungseinrichtungen und Seniorenzentren dichtmachen mussten, wurde das, was dort normalerweise an Betreuung geleistet wird, wieder den Familien aufgebürdet. Zahlreiche Studien deuten darauf hin, dass die coronabedingten unbezahlten Betreuungsaufgaben und Haushaltsarbeiten überproportional stark auf den Frauen lasten. Laut einem Bericht übernahmen erwerbstätige Frauen in den USA, in Großbritannien und in Deutschland unabhängig von ihrer Lohngruppe einen größeren Teil der Kinderbetreuung als Männer mit vergleichbarem Einkommen. Das University College London kam in einer Studie zu dem Ergebnis, dass britische Frauen während des Lockdowns mehr als doppelt so viel Zeit für Kinderbetreuung und Homeschooling aufgewendet haben wie Männer.

Diese ungleiche Zeitverteilung ist nicht erst durch die Corona-Krise entstanden, sondern wurde durch die Pandemie nur verschärft. Das Problem gibt es schon lange. Seit Ende der 1970er-Jahre wird die staatliche Förderung für viele Pflege- und Betreuungsaufgaben, die zur Daseinsvorsorge gehören, immer weiter zurückgefahren. Insbesondere nach der Finanzkrise von 2008 wurde die staatliche Unterstützung für Leistungen wie Kinderbetreuung, Gesundheitsfürsorge, Lebensmittelgutscheine, Wohnen, Langzeitpflege und Altenpflege zusammengestrichen. Nachdem der Staat sich zurückgezogen hatte und der Markt diese Aufgaben vielfach für unrentabel befand, wurde von den Familien (konkret von den Müttern, Töchtern, Schwestern und anderen weiblichen Familienangehörigen) erwartet, dass sie den Pflege- und Betreuungsbedarf decken.

Nach wie vor übernehmen Frauen den Löwenanteil der unbezahlten Pflege- und Betreuungstätigkeiten, obwohl sie die Männer in Sachen Erwerbsarbeitszeit mehr und mehr einholen.

Nach wie vor übernehmen Frauen den Löwenanteil der unbezahlten Pflege- und Betreuungstätigkeiten, obwohl sie die Männer in Sachen Erwerbsarbeitszeit mehr und mehr einholen. In allen Ländern der Welt, für die entsprechende Daten vorliegen, wenden Frauen im Schnitt 3,3-mal so viel Zeit für unbezahlte Arbeit auf wie Männer. Selbst in Ländern wie Norwegen und Dänemark, in denen die Geschlechtergleichstellung am weitesten fortgeschritten ist, leisten Frauen nach wie vor fast anderthalb Mal so viel unbezahlte Arbeit wie Männer.

Auch wurde bislang zu wenig darüber nachgedacht, wie unbezahlte Betreuungsaufgaben in Haushalten organisiert werden, die nicht dem Modell der heterosexuellen Cisgender-Kleinfamilie entsprechen, oder was sie für Menschen bedeuten, die überhaupt nicht auf ein innerfamiliäres Sicherheitsnetz zurückgreifen können. Auf jeden Fall haben offenbar viele, die zu diesem Personenkreis gehören, unter Zeitungerechtigkeit zu leiden. Frei verfügbare Zeit ist ein kostbares Gut – wir sollten darauf drängen, dass sie gerecht verteilt wird.

Die Einführung der Vier-Tage-Woche dürfte, wenn sie weiterhin vor allem die Erwerbsarbeit in den Blick nimmt, kaum als Patentlösung für die Auseinandersetzungen um die häusliche Aufgabenverteilung taugen oder das Leben der nicht vollzeitlich Erwerbstätigen zum Besseren verändern. Wir müssen verschiedene Konfliktlinien zusammendenken und verstehen, wie Wohnen und Arbeiten, Erwerbsarbeit und unbezahlte Arbeit ineinandergreifen und sich gegenseitig bedingen. Die IG Metall hat das offenbar erkannt: 2018 stimmte sie einer Vereinbarung zu, nach der ihre Mitglieder bis zu zwei Jahre die Wochenarbeitszeit auf 28 Stunden verkürzen können, um Kinder oder andere Angehörige zu betreuen.

Wir müssen verschiedene Konfliktlinien zusammendenken und verstehen, wie Wohnen und Arbeiten, Erwerbsarbeit und unbezahlte Arbeit ineinandergreifen und sich gegenseitig bedingen.

Natürlich wollen wir nicht, dass die kollektive Energie sich nur auf das richtet, was nach landläufigem Verständnis als Arbeit gilt, und dass der riesige Bereich der (hochgradig geschlechtsspezifischen) Schinderei unangetastet bleibt und stillschweigend zur Normalität wird. Aber davon einmal abgesehen: Die Möglichkeit, ohne Einkommenseinbußen weniger Zeit für die Erwerbsarbeit aufzuwenden, wäre mit Sicherheit gerade all jenen höchst willkommen, die bislang von unbezahlten Betreuungsaufgaben besonders stark ausgelaugt und erschöpft sind (also all denen, die nicht reich, weiß, männlich, gesund, körperlich leistungsfähig und unabhängig sind).

Daher ist der zweifellos wichtige Kampf für kürzere Arbeitszeiten nur als Teil des umfassenderen Kampfes für „Zeit für das, was wir wollen“ zu sehen – und dazu gehört auch, dass die bezahlte und die unbezahlte Arbeit reduziert und anders verteilt werden. Damit verbindet sich die Hoffnung, dass die Menschen, sobald sie etwas mehr Zeit haben, ihre Grundbedürfnisse zu befriedigen und sich um Angehörige und Nahestehende zu kümmern, auch mehr Zeit haben, sich stärker am bürgerlichen und politischen Leben zu beteiligen, ihren persönlichen Interessen und Vorlieben nachzugehen und die Beziehungen, auf denen die bisherige Organisation unbezahlter Hausarbeit beruht, zum Positiven zu verändern.

Was mich betrifft, so hatte ich übrigens zum Glück zur rechten Zeit einen Schlaflosigkeitsanfall. Während ich das hier schreibe, liegen mein Partner und die Kinder wohlig in ihren Betten. Sollte es zu meinen Lebzeiten tatsächlich noch zu einer Vier-Tage-Woche kommen, kann ich mich vielleicht an solchen Debatten beteiligen, ohne meinen Schlaf dafür zu opfern.

Aus dem Englischen von Christine Hardung

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